Fernandes-Ulmen-Fall und Fußball: Der weltgrößte Verband duckt sich weg
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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, wie viel Zeit verbringen Sie tagtäglich an Ihrem Smartphone – abgesehen von der Lesedauer für den t-online-Tagesanbruch, natürlich? Und wichtiger noch: Wofür? Um in den sozialen Medien politische Entwicklungen bissig zu kommentieren, um Stellung zu beziehen in Fragen, die die Öffentlichkeit bewegen? Oder doch eher hauptsächlich, um sich leise kichernd putzige Tiervideos anzuschauen (diese Golden Retriever sind aber auch zum Knuddeln), den neuesten, von einem schurkischen Großkonzern gesponserten Post Ihres Lieblingsprominenten zu liken und mit maßlosen Online-Bestellungen Ihre ohnehin schon viel zu üppige Garderobe weiter aufzustocken? Vier Stunden und zwei Minuten Bildschirmzeit sei mein Tagesdurchschnitt, zeigt mir mein Telefon aktuell an, und natürlich rede ich mir wider besseres Wissen ein, dass der Großteil davon selbstverständlich durch meine Arbeit, durch intensive Recherche und kreative Ideenfindung verursacht wird. Wir werden uns aber doch sicher darauf einigen können: Alle miteinander verbringen wir eigentlich zu viel Zeit an diesem kleinen, flachen, hoch technisierten Gerät. Um dies festzustellen, reicht eine beobachtende Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln Berlins. In diesen hat der Blick auf den Bildschirm längst das Blättern im Buch und zu oft auch das persönliche Gespräch verdrängt. Immerhin werden wir dabei in den vergangenen Tagen aber alle – freiwillig oder unfreiwillig – einen aufsehenerregenden Fall mitverfolgt haben: TV-Moderator Christian Ulmen wird von seiner Ex-Frau Collien Fernandes vorgeworfen, über Jahre Fake-Profile in ihrem Namen erstellt und darüber mit zahlreichen Männern kommuniziert zu haben. Er soll laut Fernandes KI-generierte pornografische Inhalte, die ihr ähnelten, verbreitet haben. Es gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung. Persönlichkeiten aus verschiedensten Bereichen der Öffentlichkeit haben sich dazu bereits mit deutlichen Worten gemeldet . Erschreckt, schockiert, angewidert, verurteilend, und das zu Recht. Trotzdem beklagte die Sportjournalistin Lena Cassel erst vor wenigen Tagen eine "laute, unerträgliche Stille" zum Fall Ulmen/Fernandes, insbesondere aus dem Fußball. Tatsächlich gab es bisher nur vereinzelte Wortmeldungen aus dem Sport zu diesem Thema. Cassels Kollegin Meira Werner befand am Dienstag im Interview mit t-online: "Insgesamt wird in der Branche viel zu wenig der Mund aufgemacht. So kann es nicht weitergehen." Leider tut es das aber eben doch. Es geht genauso weiter. Mit "lauter, unerträglicher Stille" zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema. Es drängt sich aber auch die ernüchternde Frage auf: Was haben sie denn erwartet? Viel wichtiger noch als Wortmeldungen Einzelner wäre es doch gewesen, hätte sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) – mit mehr als acht Millionen Mitgliedern der größte nationale Sportverband weltweit – auch nur zu einer Stellungnahme überwinden können. Ohne Nennung des präzisen Falls, ohne Namen. Ein Hinweis auf Hilfsangebote , eine Versicherung der Unterstützung, eine Erinnerung, dass betroffene Spielerinnen und Spieler nicht allein sind. Zumal auch noch in Zeiten, in denen der Frauenfußball einen beispiellosen Aufschwung erlebt und sich nicht nur bundesweit immer größerer Beliebtheit erfreut. Ein Social-Media-Post, der nichts kostet, aber viel bewirken kann. Und Beispielwirkung hätte haben können. Schließlich heißt es doch in einem aufwendig produzierten Werbespot der DFB-Stiftungen in warmen Worten: "Fußball hat die Kraft, unser Land besser zu machen." Der vergangene Bundesliga-Spieltag stand übrigens unter dem löblichen Motto: "Stop hate! Be a team!" im Rahmen des von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) initiierten Aktionstages "Together!" für Respekt, Fair Play und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und natürlich ist der DFB mit zahlreichen Aktionen und Projekten insgesamt vorbildlich aktiv. Das schönste Engagement ist aber nur Gratismut , wenn der seine große gesellschaftliche Bedeutung stets gern betonende Fußball bei gesellschaftlich bedeutenden Ereignissen und Entwicklungen unsichtbar bleibt und sich dann doch wieder zum reinen Sportverband selbst verzwergt. Es ist eine Riesenchance, die da vergeben wird. Eine Riesenchance, sich abseits aller schöner, wohlklingender Ehrungen und Aktionstage auch mal deutlich zu positionieren. Wie im Januar, als DFB-Vizepräsident Oke Göttlich aufgrund der politischen Situation in den USA einen möglichen Boykott der Weltmeisterschaft im Sommer ins Gespräch brachte – und dafür von Verbandschef Bernd Neuendorf mit dem Satz "Das ist eine Stellungnahme gewesen eines einzelnen Vertreters aus dem Präsidium, der Kollege ist noch nicht so lange dabei" abgebügelt wurde. Nicht einmal zu einer Verurteilung der menschenverachtenden Politik von US-Präsident Donald Trump konnte sich der 64-Jährige durchringen – mit dem Verweis, selbst die Politik tue sich da mit einer Einordnung gerade schwer. Sagte der frühere SPD-Politiker Neuendorf. Der DFB duckt sich wiederholt weg, wenn es ernst wird. Warum? Hat man in der Zentrale des deutschen Fußballs Angst, dass ihr Sport eben doch nicht die Kraft hat, "unser Land besser zu machen"? Und da sollen sich nun bisher gesellschaftspolitisch unbeleckte Persönlichkeiten wie Thomas Müller, Mats Hummels, Joshua Kimmich oder Florian Wirtz plötzlich zu meinungsstarken Aktivisten entwickeln, die rege am öffentlichen Diskurs teilnehmen? Auch der langjährige Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm , dessen einmalig nichtssagende Beiträge auf den üblichen Plattformen gut und gerne auch in Operationssälen als Sedativa eingesetzt werden könnten, wird nicht unvermittelt einen Wandel zum messerscharf argumentierenden Talkshow-Dauergast vollziehen. Der aktuelle Nationalspieler Leon Goretzka , der sich vor wenigen Jahren als einziger deutscher Fußballer von Rang erfreulich klar und überlegt politisch äußerte, tut dies mittlerweile gar nicht mehr – mutmaßlich auch, weil er fortan unter Sportreportern als Intellektuellenkicker verschubladet wurde und nur noch Anfragen zum Thema bekam. Sowohl Cassel als auch Werner haben natürlich recht mit ihrem Bedauern des individuellen öffentlichen Schweigens angesichts sexualisierter Gewalt gegen Frauen. Werner gab aber auch zu bedenken, aus sozialmedialer Stille nicht direkt Gleichgültigkeit zu folgern: "Viel wichtiger als ein Post auf Instagram ist es, in seinem persönlichen Umfeld aktiv das umzusetzen, was man ankündigt." Meine Kollegin Ellen Ivits schrieb dazu unlängst ergänzend : Schweigen " kann auch Ausdruck davon sein, die Dinge nicht vorschnell zu simplifizieren." Ausgerechnet der FC Bayern München war übrigens in den vergangenen Jahren beim Simplifizieren dieses hochsensiblen Themas leider recht weit vorn. Deutschlands erfolgreichster Fußballverein, sonst in vielen fußballabseitigen Bereichen sehr löblich engagiert, musste nämlich gleich zweimal mehr oder weniger dazu gedrängt werden, seinen Ex-Spieler Jérôme Boateng weiter in der hochverdienten Bedeutungslosigkeit versauern zu lassen. Erst dachte der damalige Bayern-Trainer Thomas Tuchel 2023 in akuter Personalnot an eine Rückholaktion des damals vereinslosen Verteidigers . Dann empfand es im vergangenen Jahr Tuchels Nachfolger Vincent Kompany als ganz großartige Idee, dem mittlerweile verrenteten Boateng eine zehntägige Hospitanz bei den Münchnern öffentlich anzubieten. Einer internen Rückbesinnung auf die "Werte des Vereins", hauptsächlich aber wohl der überwältigend negativen Reaktion der Fans des deutschen Rekordmeisters war es dann zu verdanken, dass erst die Rückkehr auf den Platz, vor allem aber dann auch das Praktikum nicht zustande kamen. Den Anhängern widerstrebte die Idee zutiefst, Boateng, der schon mal wegen vorsätzlicher Körperverletzung an seiner Ex-Freundin verwarnt worden war und danach mit zweifelhaftem Umgang Aufsehen erregt hatte , könnte wieder in der Vereinszentrale an der Säbener Straße ein und aus gehen. Die Bayern hätten offenbar zumindest für die Hospitanz kein großes Problem damit gehabt, bis der Aufschrei kam. Ein zeitigerer Blick aufs Smartphone wäre da mal hilfreich gewesen. WM-Playoffs Ein ganz Großer muss zittern 1934, 1938, 1982, 2006: Viermal konnte sich Italien bisher zum Fußball-Weltmeister krönen, zuletzt vor nunmehr 20 Jahren beim Turnier in Deutschland. Italien, das war Calcio, das war Riva, Zoff, Rossi, Maldini, Baggio, Del Piero, Buffon, Pirlo, Chiellini . Die "Squadra Azzurra" gehörte in der Vergangenheit stets zu den erfolgreichsten Fußballnationen. Aber seit Jahren schon darbt die italienische Fußballseele. Bei den Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar musste die blaue Mannschaft zuschauen , scheiterte bereits in der Qualifikation – ein Schicksal, das 2026 nun zum dritten Mal in Folge droht. Denn die Elf von Nationaltrainer Gennaro Gattuso spielt heute Abend ( ab 20.45 Uhr im Liveticker bei t-online ) im Halbfinale der Playoffs gegen Nordirland gegen das vorzeitige Aus im verzweifelten Ringen um das letzte Ticket zum Championat in den USA, Kanada und Mexiko. "Jeder weiß, was für uns auf dem Spiel steht und wie wichtig dieses Spiel für uns ist" , sagte Gattuso, der 2006 noch als Aktiver dabei war, im Vorfeld der Partie. Seit Jahren schon liegt aber vieles im Argen bei der einst so erfolgreichen Equipe, der überraschende Gewinn der Europameisterschaft 2021 war nur ein unerwartetes Zwischenhoch. Der italienische Fußball sei "kulturell rückständig, es gibt keine neuen Ideen. Die anderen Nationen entwickeln sich, wir sind auf dem Stand von vor 60 Jahren geblieben" , bemängelte Trainer-Denkmal Arrigo Sacchi schon 2022. Viel geändert hat sich seitdem allerdings nicht. "Ich glaube fest an diese Mannschaft. Wir haben eine große Chance, und wir wollen keine Ausreden", predigt Gattuso trotzdem. Nordirland ist dabei nur die erste Hürde. Bei einem Sieg hieße der Gegner im Playoff-Finale am kommenden Dienstag entweder Wales oder Bosnien-Herzegowina. Erst dann steht fest, ob einer der klangvollsten Namen tatsächlich erneut in der Qualifikation scheitert. Das historische Bild 1943 setzten die USA auf Angehörige der amerikanischen Ureinwohner als "Geheimwaffe". Mehr lesen Sie hier. Fundstück des Tages Italiens Fußball mag aktuell darniederliegen, klangvolle Namen hat er allerdings noch immer zu bieten. Die Geschichte "Die Legende vom Panettone" im "Lustigen Taschenbuch" 131 vom 11. Oktober 1988 hat mich schon ganz früh, nun ja, auf ihre ganz eigene Art mit der besonderen Rivalität der Mailänder Klubs AC (Schwarz-Rot) und Inter (Schwarz-Blau) vertraut gemacht. Lesetipps Seit Tagen behauptet Donald Trump, der Krieg mit dem Iran stehe möglicherweise mit einem Deal kurz vor dem Ende. Das Problem ist nur, dass fast alles, was derzeit geschieht, das Gegenteil nahelegt, analysiert mein Kollege Bastian Brauns. Artikel lesen Seit dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Christian Ulmen ist in Deutschland eine Debatte um sexualisierte digitale Gewalt entbrannt. Die Ermittlungsbehörden tun sich damit schwer – auch im Fall von Collien Fernandes. Mein Kollege Steven Sowa erklärt, warum. Artikel lesen Jahrelang hat Deutschland tiefgreifende Reformen verschleppt, verschlafen, verbaselt. Schwarz-Rot will das ändern, und das potenziell im Hauruckverfahren. Was gerade alles zur Diskussion steht, erklären Florian Schmidt und Johannes Bebermeier. Artikel lesen "Thomas Müller ist da sicher anderer Meinung": Steven Cherundolo verbrachte den Großteil seiner Fußballkarriere in Deutschland bei Hannover 96. Nach vier Jahren als Trainer in Los Angeles ist der US-Amerikaner jetzt nach Deutschland zurückgekehrt. Im Interview mit meinem Kollegen Jan Schultz räumt er mit einem Klischee auf. Artikel lesen Zum Schluss Bitte einmal durchatmen. Ich wünsche Ihnen einen Tag voller Optimismus und Zuversicht. Morgen schreibt für Sie Bastian Brauns. Herzliche Grüße Ihr David-Emanuel Digili Redakteur Sport Mit Material von dpa.

