Leutershausener Handballer: Das neue Wir-Gefühl dank psychologischer Unterstützung
Von Matthias Kehl
Hirschberg-Leutershausen. Mit verbundenen Augen versuchen die in zwei Teams aufgeteilten A-Jugend-Handballer der JSG Leutershausen/Heddesheim aus Tennisbällen ein Wort zu legen. Eifrig geben sie sich Kommandos, wollen schneller sein als die andere Gruppe. Die Stimmung? Positiv. Christoph Herr und das Trainerteam beobachten das Geschehen. Es scheint etwas zusammenzuwachsen in der Mannschaft, die in der zurückliegenden Saison nicht immer so frohen Mutes war.
Bereits nach der Hinrunde der abgelaufenen Spielzeit wurde deutlich, dass es mit der erneuten Qualifikation zur Jugendbundesliga äußerst eng werden würde. Bei zunehmend weniger Erfolgserlebnissen wich bei den Spielern der Jahrgänge 1999 und 2000 der Glaube daran, auch Partien gegen scheinbar übermächtige Gegner gewinnen zu können.
Daher wandte sich Teammanager Sven Klotz Ende vergangenen Jahres an das Sportinstitut der Universität Heidelberg, um Personal für die sportliche Drucksituation anzufragen. "Die Idee dahinter war, externe Unterstützung aus dem Bereich Sportpsychologie einzuholen, um den Spielern in besonderen Situationen eine gewisse mentale Stabilität zu verleihen", sagt Klotz. Trainer Frank Herbert und sein Betreuerteam waren wegen der verletzungsbedingten Ausfälle gleich mehrerer Leistungsträger vor die Herkulesaufgabe gestellt, die Verantwortung in einem vor der Saison neu zusammengestellten Team auf die Schultern vieler junger Spieler zu verteilen.
Christoph Herr, Masterstudent am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg, meldete sich auf die Anfrage der JSG. "Mit dem Trainer- und Betreuerteam hat es sofort gut gepasst, sodass ich meine Arbeit im letzten Saisondrittel zügig aufnehmen konnte", sagt Herr, der bereits im Nachwuchsleistungszentrum der TSG Hoffenheim sowie im Bereich Ski Alpin, Tennis und Basketball sportpsychologische Betreuung leistete.
"Der Fokus lag zunächst darauf, die Gruppe noch enger zusammenzubringen. Ziel war es, den Glauben an die eigene Stärke zu festigen und auch in schwierigen Phasen bis zum Schluss zu kämpfen", erzählt der 27-Jährige. In enger Absprache mit dem Trainer-Team suchte der angehende Master-Absolvent Lösungsansätze. Herr beobachtete, wirkte im Hintergrund, gab den Spielern das Angebot für Einzel- und Gruppengespräche. "Von ‚Vor dem Tor verwerfe ich alle Bälle’, über ‚Ich kann nachts nicht schlafen‘ oder ‚Mein Abitur stresst mich‘ konnte alles angesprochen werden", sagt Herr, dessen Arbeit von den Jugendlichen begeistert angenommen wird.
"Christoph hatte sehr großen Anteil an der besonderen Stimmung, die im neu zusammengestellten Team mit sieben Neuzugängen schon nach kurzer Zeit herrschte", berichtet Team-Koordinator Klotz. Die Mannschaft bäumte sich auf, trotzte aller Widerstände, doch scheiterte letztendlich denkbar knapp in der Bundesliga-Qualifikation. "Wenn man so viele Verletzungen leistungsstarker Spieler innerhalb kürzester Zeit verkraften muss, ist es überhaupt erstaunlich, solch gute Leistungen über weite Strecken der Qualifikationsspiele erbracht zu haben", sagt Trainer Frank Herbert.
Auch die Spieler zeigten sich voll das Lobes über die Zusammenarbeit mit dem "Mental-Trainer". "Chris hat mir extrem geholfen, an mich zu glauben und den Konkurrenzkampf mit meinem Teamkameraden um die gleiche Position positiv zu gestalten", erzählt Johannes Milbich, inzwischen Rückraumspieler bei Bietingheim-Bissingen. "Durch Videoanalysen zusammen mit Christoph habe ich gelernt, mich auf bestimmte Spielsituationen psychisch besser einzustellen", sagt Kreisläufer Yannick Stippel, der heute für die SG Leutershausen spielt und fügt hinzu: "Zusätzlich haben wir über persönliche Konzentrationsrituale gesprochen, die ich auch weiterhin vor jedem Spiel durchführe."
Ob es bei einem früheren Engagement des Sportpsychologen bei der JSG Leutershausen/Heddesheim mit der Qualifikation geklappt hätte, ist müßig zu diskutieren. Herr sagt dazu: "Sportpsychologie ist stets eine prozessorientierte Arbeit. Ich arbeite mit den Spielern daran, dass sie ihr Leistungsvermögen auch unter Druck abrufen und richtig einordnen können."
Inwiefern Herr auch in der kommenden Spielzeit dem Betreuerteam der JSG Leutershausen/Heddesheim angehören wird, steht noch nicht fest. Nachdem sowohl der Trainer also auch wie jede Saison viele neue Spieler die Mannschaft gewechselt haben, wird die Situation im Herbst neu bewertet. "Die Sportpsychologie ist eine langsam wachsende Branche, die in der Regel auf freiberuflicher Basis läuft und im Optimalfall auf Zustimmung trifft", sagt Herr.
Dass die Arbeit mit dem aufstrebenden Mental-Coach ein Gewinn für alle Beteiligten war, unterstreicht Teammanager Sven Klotz: "Es war eine tolle Erfahrung, mit ihm zusammenzuarbeiten, und ich kann jedem Leistungssportler empfehlen, nicht nur die Muskeln in den Armen und Beinen, sondern auch die Muskeln im Kopf zu trainieren!"

