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Fußball Schweiz: Sensation – Aufsteiger FC Thun kurz vor Meisterschaft

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In der Schweiz bahnt sich die größte Fußballsensation des Jahres an. Ein Aufsteiger steht kurz davor, die Meisterschaft mit großem Vorsprung zu gewinnen. Der Fußball bringt sie immer seltener, aber doch immer wieder hervor: Die unerwarteten Meister, die jeglichen Gesetzen des modernen Spiels widersprechen. Die den Mythos überwinden, nur die reichsten Teams, jene mit der größten Ansammlung an Stars, könnten einen Titel ergattern. Der 1. FC Kaiserslautern , der 1998 als Aufsteiger die deutsche Meisterschaft gewann. Griechenland, das 2004 den EM-Titel errang. Leicester City , das sich 2016 gegen die "Big Six", Englands größte Klubs, durchsetzte und zum Meister kürte. Eintracht Frankfurt , das 2018 zwei Jahre nach dem Beinahe-Abstieg den DFB-Pokal gewann. Diese Reihe an Goliaths bezwingenden Davids wird zeitnah Zuwachs erhalten – und er kommt aus einer der unwahrscheinlichsten Ecken der Fußballwelt. Aus einer beschaulichen Stadt im Schweizer Aaretal. Zwischen Bern und Interlaken, wo der Fußball selten die große Bühne sucht. Wo vor einem Jahr noch zweitklassig gespielt wurde. Der dort ansässige FC Thun schickt sich an, direkt nach dem Aufstieg die nationale Meisterschaft zu gewinnen. Nach 31 Spieltagen hat der Aufsteiger bereits 71 Punkte auf dem Konto und damit 15 mehr als der erste Verfolger St. Gallen. Sieben Runden vor dem Saisonende ist dem FC Thun die sensationelle Meisterschaft kaum noch zu nehmen. Timm Klose, einstiger Schweizer Nationalspieler und Bundesliga-Profi, sagt im Gespräch mit t-online stellvertretend für eine ganze Nation: "Das ist durch. Das wissen wir alle, selbst den Spielern in Thun ist das klar." Titel gewann der FC Thun bisher nur in der zweiten Liga Es wird die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte. Und das unter solch besonderen Umständen. "Es ist eine tolle Story, es ist ein Märchen", so Klose, der heute als Ausbildungsleiter beim FC Basel sowie als TV-Experte für Blue arbeitet. Damit schreibt der FC Thun dieser Tage eine gänzlich andere Art von Werk, als es der Klub seinen Fans in der knapp 128-jährigen Vereinsgeschichte sonst vorgelegt hat. Mit zwei Zweitligameisterschaften führt der FC Thun in seiner eigenen Chronik genauso viele Titel wie Sexskandale. 2007 standen mehrere Profis unter Verdacht, sexuelle Handlungen mit einer Minderjährigen ausgeübt zu haben. In vier Fällen folgte eine Geldstrafe. 2016 wurden drei Ex-Spieler wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung angeklagt, am Ende jedoch freigesprochen. Über Jahre war das Wirken des FCT wahrlich keine Erfolgsgeschichte. Das unterstreicht auch der Blick auf die letzten zwei Jahrzehnte. 2008 stieg Thun aus der ersten Liga ab, der Wiederaufstieg gelang im zweiten Anlauf. Neun Jahre in Folge hielt sich der Verein mit Platzierungen zwischen den Rängen vier und sieben immer wieder im Oberhaus, ehe 2020 der Abstieg folgte. Diesmal gelang dem FCT jedoch nicht die schnelle Rückkehr, schlimmer noch: 2021 und 2024 scheiterte er jeweils in der Relegation. Eine Tragik, die an einen deutschen Traditionsklub erinnert. "Der Vergleich mit dem HSV ist sichtbar", meint Klose. Wie die Hamburger durchbrachen die Thuner in der Vorsaison schließlich den Bann. Unter dem 2022 installierten Trainer Mauro Lustrinelli distanzierte der Schweizer Klub den ersten Verfolger am Ende auf elf Punkte, feierte den Aufstieg bereits vier Spieltage vor dem Saisonschluss. "Es ist eine Genugtuung", sagte Präsident Andres Gerber unmittelbar nach dem Aufstieg. "Für alles, was wir in den vergangenen fünf Jahren erlebt haben." Der Sommer brachte keinen gewaltigen Umbruch. Acht Spieler verließen den Verein, sechs neue kamen hinzu. Der Kern des Teams ist zusammengeblieben, kennt sich seit Jahren. Kapitän Marco Bürki, Bruder des früheren Bundesliga-Torhüters Roman, ist seit 2021 im Klub. Jan Bamert und Leonrado Bertone, in der Defensive ebenfalls gesetzt, spielen seit 2022 in Thun. Im Mittelfeld wirbelt Valmir Matoshi, seitdem er vor vier Jahren beim FCT Profi geworden ist. Klose sieht in dieser Kontinuität einen Schlüssel zum Erfolg. Entscheidend sei aber auch der Spielstil. "Sie spielen einen eher einfachen Fußball, der im modernen Fußball kaum noch zu sehen ist. Sie spielen direkt, körperbetont und ein wenig dreckig", beschreibt der TV-Experte das Auftreten des Überraschungsteams. "Das können viele gar nicht mehr, weil alle wie Pep Guardiola spielen lassen wollen." Thun kämpfte jahrelang mit finanziellen Problemen Der Erfolg gibt dem Aufsteiger recht. Er führt nicht nur die Tabelle an, sondern innerhalb der Schweizer Super League auch die Statistiken der geschossenen Tore (72) sowie die der wenigsten Gegentore (35). Trainer Lustrinelli setzt auf eine 4-2-2-2-Formation, die defensiv zu einem 4-4-2 wird. Den Spielern verlangt dies einiges an Laufbereitschaft ab, das deckt sich laut Klose aber mit deren Einstellung: "Die Spieler gehen alle an ihre Grenzen." Dabei hilft auch der "spezielle Standort", an den sich Klose aus seiner Anfangszeit als Profi erinnert. Von 2009 bis 2011 spielte er beim FCT. "Thun war damals schon ein sehr familiärer Verein und ist sich in der Hinsicht treu geblieben. Der Klub kreiert ein Ambiente, in dem sich die Spieler wohlfühlen sollen", sagt der frühere Nationalspieler. Zum guten Klima im Berner Oberland hat auch Beat Fahrni beigetragen. Der Unternehmer hält knapp 20 Prozent der Klubanteile und wischte im Vorjahr mit einer Finanzspritze über knapp 950.000 Euro die Lizenzsorgen weg, die den Verein über Jahre geplagt hatten. Eigenen Angaben zufolge hat er in den vergangenen Jahren sogar über vier Millionen Euro investiert. "Es hat dem Verein mehr Ruhe gegeben. Die Klubführung wusste, dass sie sich so auch mal einen Fehler leisten kann, ohne dass es ihnen direkt um die Ohren fliegt", ordnet Klose die Bedeutung der Investitionen ein. Zuvor hatten mögliche Punktabzüge wie ein Damoklesschwert über dem Klub geschwebt. Präsident Gerber sagte 2025: "Wir waren vor dem Tod, aber haben gekämpft." Fahrni verkündete Mitte März seinen vorzeitigen Rückzug aus der operativen Führung. Kurz darauf machten Meldungen über neue finanzielle Sorgen des FCT die Runde. Der Klub musste sich einen Überbrückungskredit bei der Stadiongenossenschaft Arena Thun erbitten. Eigentlich war das Geld für Renovierungsarbeiten am Stadion eingeplant, nun sichert es die Thuner Lizenz für die kommende Saison. Im Sommer drohen Thun mehrere Abgänge Im Sommer dürfte der eine oder andere Abgang weiteres Geld in die Kassen spülen. "Thun wird im Sommer sicherlich ein paar Spieler verlieren, das sind die normalen Gesetzmäßigkeiten des Fußballs", weiß Klose. Mittelstürmer Elmin Rastoder, mit zwölf Toren der erfolgreichste Torschütze des Teams, könnte ein solcher Kandidat sein. Auch Eigengewächs Matoshi fällt in diese Kategorie, wurde zuletzt bereits in Italien gehandelt. Und Leistungsträger Kastrio Imeri ist nur von den Young Boys Bern ausgeliehen. Mit dem Gewinn der Meisterschaft droht den Thunern allerdings nicht nur der Verlust mehrerer Stammspieler, es winkt auch das nächste große Abenteuer: der Einzug in die Champions League . Das beste Team der Schweiz muss zuvor die Qualifikation überstehen. "Das ist nicht unmöglich", sagt Klose und verweist auf den bisher größten Erfolg der Vereinsgeschichte. 2005 kämpfte sich der FCT durch die Play-offs, qualifizierte sich damit zum bisher einzigen Mal für die Königsklasse. Sollte das den Schweizern diesmal nicht gelingen, wäre das jedoch kein Grund, sich zu grämen. "Ich wäre schon froh, wenn sie es in die Europa League schaffen", so Klose. "Dort kann man ja auch eine Erfolgsgeschichte schreiben." Der FC Thun hat in dieser Saison gezeigt, dass er die dafür notwendige Schreibkunst beherrscht.

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