Nicht zu unterschätzen
Der Jubel, mit dem die italienischen Spieler den Einzug von Bosnien-Herzegowina ins Play-Off-Finale vorige Woche begleitet haben, ist bereits jetzt legendär. Er diente den Bosniern nicht nur als zusätzliche Motivation für ihren hochverdienten Sieg, sondern unterstrich die Einstellung, mit der die Italiener schließlich in die Partie gingen und die ihnen erneut einen urlaubsreichen WM-Sommer bescherte. Wieder einmal bewahrheitete sich: Nichts ist im Fußball gefährlicher als einen vermeintlich kleinen Gegner zu unterschätzen und zu glauben, man könne ihn mit halber Kraft locker besiegen. Eine Erfahrung, die auch Borussia in ihrer Vereinshistorie allzu oft widerfahren ist und vor der mit Blick auf das bevorstehende Heimspiel gegen die TSG Heidenheim nicht stark genug gewarnt werden kann.
Denn wenn sich ein Gegner dafür anbietet, unterschätzt zu werden, dann ist dies die Elf von Immer-Noch-Trainer Frank Schmidt. Ganze 15 Punkte konnte sie aus den ersten 27 Ligaspielen erzielen. In der Rückrunde sind es bislang erst drei Zähler. Auswärts wurden 11 der 13 Partien verloren. In der Hinrunde ging Borussia beim 3:0 als klarer Sieger aus dem direkten Duell hervor. Da die Fohlenelf zuletzt mit den Erfolgen über Union Berlin und St. Pauli ihre Heimstärke wiedergefunden hat, scheint der Weg geebnet für den Heimsieg-Hattrick. Mit dann 32 Punkten wäre der Klassenerhalt bereits so gut wie gesichert und Rouven Schröder könnte mit ziemlicher Gewissheit die Planung für die kommende Erstligasaison forcieren.
Doch Vorsicht: Die 3:3-Erfolge der Heidenheimer zuletzt gegen Stuttgart und Leverkusen unterstreichen, dass sich die Mannschaft noch nicht vollständig aufgegeben hat und sich zumindest anständig aus dem Fußball-Oberhaus verabschieden möchte. Zudem sollten sich Eugen Polanski und sein Team bewusst sein, dass ihre eigene Qualität nicht ausreicht, um irgendeinen Bundesligisten mit weniger als 100 % Einsatz abfertigen zu können. Nur wenn die Mannschaft wie in den letzten Spielen an ihre Grenzen geht und alles gibt, sollte einem weiteren Erfolgserlebnis im Normalfall nichts entgegenstehen.
Positiven Schwung dürfte insbesondere Haris Tabakovic aus der Länderspielpause mitbringen, da er maßgeblich zum eingangs angesprochenen Italien-Fiasko beigetragen hat. In der Bundesliga hat er allerdings in 13 der letzten 16 Partien keinen Treffer mehr markieren können. Seine immer noch beeindruckende Bilanz speist sich überwiegend aus der Zeit zwischen dem 21.9. und 2.12., als er in 11 Pflichtspielen ebenso viele Tore erzielte. Davor und danach ist seine Statistik ähnlich dürftig wie voriges Jahr in Hoffenheim, was angesichts der Torungefährlichkeit aller anderen verfügbaren Borussen ein bedenkliches Signal ist. Hinzu kommt, dass er als Anspielstation nahezu unbrauchbar ist. Der Wunsch, dass er im Angriffszentrum „Bälle festmacht“, wird regelmäßig durch seine unzureichenden Ballfertigkeiten zunichte gemacht. So war er zuletzt in vielen Spielen eher Bremsklotz als Hilfe und hätte sich grundsätzlich eine Rückversetzung auf die Bank verdient. Dass dies am kommenden Samstag (noch) nicht geschehen wird, liegt nicht nur an seinem Erfolgserlebnis vom vergangenen Wochenende, sondern auch am bevorstehenden Gegner. Gegen Heidenheim sollte Borussia bei entsprechender Ernsthaftigkeit im Auftreten zu einer gewissen Menge eigener Tormöglichkeiten kommen, sodass ein Torjäger wie Tabakovic unverzichtbar erscheint.
Der Fairness halber sei eingewandt, dass der Bosnier nicht allein schuld an seiner zuletzt etwas mageren Torausbeute ist. Ein Strafraumstürmer kann immer nur so gut sein wie die ihm aufgelegten Bälle. Und hier bietet Borussia derzeit zu wenig Qualität auf, um ihn mit entsprechenden Vorlagen zu füttern. Franck Honorat wäre grundsätzlich prädestiniert für diese Rolle, befindet sich aber leider seit einiger Zeit im Formtief. Zuletzt zeichnete sich Jens Castrop als Held im Derby aus, wo er sich dann aber unglücklicherweise verletzte. Ebenso unglücklich, dass er trotzdem die Länderspielreise mit Südkorea unternahm und erst nach einer Partie auf der Bank die Rückreise antreten durfte. Ob es für die Partie am Samstag reicht, wird sich daher erst kurzfristig entscheiden. Die Prognosen von Eugen Polanski waren zuletzt aber optimistisch.
Sollte Castrop einsatzbereit sein, wird die Derbymannschaft vermutlich unverändert bleiben. Auch bei den Heidenheimern ist gegenüber dem 3:3 gegen Leverkusen wenig Neues zu erwarten. Lediglich Mittelfeldmotor Schöppner wird mit Gelbsperre fehlen und mit Ibrahimovic durch einen Namen ersetzt, den man in Grunde gar nicht unterschätzen kann.
So könnten sie spielen
Borussia: Nicolas – Sander, Diks, Elvedi – Scally, Honorat, Reitz, Engelhardt, Stöger, Castrop – Tabakovic
Heidenheim: Ramaj – Busch, Gimber, Mainka, Behrens – Kerber, Dorsch, Ibrahimovic – Dinkci, Pieringer, Conteh
So tippt Seitenwahl
Michael Heinen: „Der dritte Heimsieg in Folge ist Pflicht und wird auch erzielt. Borussia tritt von Anfang an konsequent auf und schlägt daher die sich wacker wehrenden Gästen mit 2:0.“
Mike Lukanz: „Es wird haarig. Aber Gott sei Dank haben wir Haris. 1:0-Krampfsieg & damit ein großer Schritt in Richtung Klassenerhalt.“
Kevin Schulte: „Die Fluppe zündet. Heidenheim gleicht aus, Borussia behält die Ruhe und wird dafür am Ende mit einem 2:1-Sieg belohnt.“
Christian Spoo: „Noch nie hat Borussia gegen Heidenheim verloren, und das bleibt auch so. Das ist es dann aber auch schon. Borussia verkrampft, weil Heidenheim dagegenhält. Am Ende sind wir beim Spielstand von 2:2 fast froh über den Abpfiff.“
Claus-Dieter Mayer: „Es ist nicht schön, es reißt keinen mit, aber es reicht. Borussia siegt 2:0.“
Michael Oehm: „Es gibt Spiele, nach denen Teile der Nordkurve so geschafft sind, als hätten sie selbst gespielt. Okay, ich rede von mir. Das wird so ein Spiel. Es endet 1:0 nach einer Bruttospielzeit von 113 Minuten.“

