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Der große Abend der Cantera: Jugend forscht im Bernabéu

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Real Madrids Canteranos prägten das Spiel gegen Elche am Samstagabend – Foto: Angel Martinez/Getty Images

Historische Parallelen

Der Moment, der an diesem Samstagabend im Santiago Bernabéu hängen blieb, war nicht einmal das spektakulärste Tor. Es war der Blick von Álvaro Arbeloa auf seine Bank. Als der Trainer von Real Madrid in der zweiten Halbzeit beim Sieg gegen Elche (4:1) weitere Wechsel vorbereitete, saßen dort vor allem Spieler, deren Weg durch dieselben Flure geführt hatte: Valdebebas, Jugendplätze, lange Busfahrten in der División de Honor. Und dann betrat einer nach dem anderen den Rasen, und plötzlich stand im Bernabéu eine Mannschaft auf dem Platz, die der Klub zum großen Teil selbst hervorgebracht hatte. Mit Manuel Ángel, César Palacios, Daniel Yáñez und Diego Aguado standen beim Abpfiff vier aktuelle Jugendspieler der Königlichen auf dem Platz, Thiago Pitarch wurde zuvor noch ausgewechselt, nachdem er zum dritten Mal in Folge in der Startelf stand, und mit Gonzalo García, Daniel Carvajal und Fran García krönten drei ehemalige Canteranos den historischen Abend aus Sicht der Jugendakademie des Hauptstadtklubs.

Sieben Canteranos gleichzeitig auf dem Platz – eine Szene, die im modernen Real Madrid fast surreal wirkt und letztes Mal im November 2005 beim Heimspiel gegen Saragossa zu beobachten war. Für Arbeloa, selbst einst ein Produkt von La Fábrica, war es mehr als nur Rotation in einer von Verletzungen geprägten Phase der Saison. Es war ein Moment der Kontinuität. Das Spiel selbst entwickelte sich schnell zur Nebensache, Real Madrid gewann souverän, Tore von Antonio Rüdiger, Federico Valverde und Dean Huijsen entschieden die Partie früh. Später setzte Arda Güler mit einem spektakulären Fernschuss aus der eigenen Hälfte den Schlusspunkt, doch das eigentliche Bild des Abends waren die Jugendspieler, die Reals Coach wie selbstverständlich aufstellte respektive einwechselte.

Nach dem Spiel sprach Arbeloa von Erinnerungen an die Quinta del Buitre, jene historische Generation um Emilio Butragueño, der zusammen mit Miguel Pardeza, Manolo Sanchís, Martín Vázquez und Míchel in der achtziger Jahren eine ganze Ära prägte und unter anderem fünf Meisterschaften in Folge gewann. Der Vergleich ist groß, vielleicht zu groß. Aber an diesem Abend ging es auch um etwas viel Einfacheres, nämlich darum, dass im Bernabéu wieder mehr Spieler aufliefen, die den Weg dorthin Schritt für Schritt innerhalb des Vereins gegangen waren. Für ein paar Minuten wirkte Real Madrid tatsächlich ein wenig wie ein Verein, der sich selbst erzählt.

Mehr als nur Symbolik

Als im vergangenen Sommer Xabi Alonso das Ruder übernahm und Cheftrainer bei Real Madrids Profis wurde, während sein ehemaliger Teamkollege und Freund Álvaro Arbeloa als erfolgreicher A-Jugend-Trainer die Castilla übernahm, war die Hoffnung groß, dass die Integration von Jugendspielern sowie die Durchlässigkeit aus den Jugendmannschaften ins erste Team der Königlichen endlich strategisch und systematisch angegangen werden. Doch diese verpuffte ziemlich schnell: Alonso stand nach einem guten Saisonstart, dem eine Ergebnis- und Stimmungskrise folgte, schon im Herbst unter enormem Druck und setzte Castilla-Talente nur vereinzelt und erzwungenermaßen infolge von Verletzungen ein, ansonsten waren die Akademiespieler für den Basken höchstes eine Randoption.

Seit Januar und der Arbeloas Amtsübernahme als Cheftrainer der Profis gehören Canteranos nicht nur regelmäßig zum Spieltagskader, sondern werden auch regelmäßig eingesetzt, auch in wichtigen Spielen und über längere Phasen, oder eben auch in der Startelf. Während sein Vorgänger nur drei Jugendspieler einsetzte, die gerade einmal zu vier Einsätzen kamen, standen unter dem ehemaligen Castilla-Coach bereits acht Canteranos auf dem Platz mit den Profis, sechsmal sogar in der Startelf. Beim 43-Jährigen Ex-Profi gehören seine ehemaligen Schützlinge, die er sowohl bei der Juvenil A als auch bei der Castilla teilweise jahrelang betreut hatte, zu einer realen Kaderressource.

Identitätsstiftende Momente

Dass Thiago Pitarch nicht nur in entscheidenden und kritischen Phasen wichtiger Spieler wie im CL-Hinspiel bei Benfica eingesetzt wird, sondern mittlerweile wie selbstverständlich dreimal in Folge in der Startelf steht, kommt nicht von ungefähr. Den 18-Jährigen hatte Xabi Alonso bereits im vergangenen Sommer in höchsten Tönen gelobt und bei der Mini-Saisonvorbereitung der Profis mitmachen lassen. Bloß eingesetzt hatte der Ex-Coach Pitarch anschließend kein einziges Mal. Arbeloa hingegen vertraut seinen ehemaligen Schützlingen, weil er sie in- und auswendig kennt und sie zahlen es ihm zurück. Pitarch gehörte sowohl in Vigo (2:1) als auch gegen Manchester City (3:0) jeweils zu den besten Blancos auf dem Platz, Manuel Ángel und César Palacios brachten die Wende in der Schlussphase gegen Celta, und auch gegen ManCity konnten beide überzeugen.

Ein weiterer Effekt, den das konsequente und bisher recht erfolgreiche Setzen auf den Nachwuchs hervorruft, sind emotionale, identitätsstiftende Aspekte für den gesamten Klub. Schon die Debüts von Pitarch und Manuel Ángel haben sowohl bei den Spielern selbst, ihren Familien als auch bei den Fans große Freude und Emotionen ausgelöst. So auch am Samstagabend im Falle von Daniel Yáñez. Der 18-jährige, in Cádiz geborene Stürmer bestritt sein erstes Spiel im Stadion von Real Madrid und nach dem Spiel fingen die Kameras von Real Madrid TV die bewegenden Aussagen seines Bruders und seiner Partnerin ein. Der Jüngste der Familie Yáñez erzählte, dass die Eltern wegen einer Operation nicht ins Stadion kommen konnten, aber er hatte das Glück, zu sehen, wie sein Bruder „sich einen Traum erfüllte und es genoss. Das ist ein unvergesslicher Moment“. Dabei konnte er seine Tränen nicht zurückhalten und erzählte von all den schweren Zeiten, die sein durchgemacht hatte, bis er schließlich sein Debüt im Bernabéu feierte. „Wir haben dafür viel durchgemacht, und es war sehr schwer, dass es all die Jahre so weit von uns entfernt war. Seit er nach Madrid gegangen war, wusste ich, dass dieser Moment kommen würde, und heute ist es soweit. Ich bin sehr glücklich“, berichtete Yáñez’ Bruder sichtlich bewegt und voller Stolz.

Für den Madridismo sind solche Momente und Szenen ebenfalls von großer Bedeutung, sie sind der emotionale Treibstoff, der dem Verein zuletzt auszugehen schien. Der Aufstieg der Canteranos bedeutet für den Real Madrid mehr als nur zusätzliche Optionen im Kader. In einem Klub, der seit Jahrzehnten für globale Stars steht, verkörpern Spieler aus La Fábrica etwas, das sich nicht kaufen lässt: Identität. Sie kennen den Verein lange bevor sie das erste Mal im Bernabéu auflaufen, sie sind mit den Geschichten des Madridismo aufgewachsen und tragen sie weiter. Nicht zuletzt hat auch die jüngere Geschichte gezeigt, dass Real Madrid neben Weltstars auch und vor allem Figuren wie Nacho Fernández, Lucas Vázquez oder Joselu zum maximalen Erfolg braucht. entsteht eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie erinnern den Madridismo und die Welt daran, dass Real Madrid nicht nur ein Sammelbecken der größten Namen ist, sondern auch ein Verein, der sich immer wieder aus sich selbst heraus erneuern kann.

 

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