Die Klasse halten: egal, wie!
Oliver Neuville, Igor de Camargo, Kevin Stöger: Vielleicht nennen Borussias Fans bald in dieser Reihenfolge besondere Momente und Schützen, die für Momente der Rettung oder Erleichterung gesorgt haben. Stögers Traumtor legte den Grundstein für einen brutal wichtigen Sieg gegen den FC St. Pauli.
Nein, das 2:0 ist natürlich kein Befreiungsschlag noch irgendeine Form der Rettung, auch wenn das subjektive Empfinden der meisten Borussia Wohlgesonnenen nach Abpfiff genau dieses Gefühl verursacht haben könnte. Nein, der Sieg war lediglich das Abwenden einer einsetzenden Katastrophe. Letztlich ist die Einordnung egal, natürlich, denn wir sind schon längst in der Hauptsache-Punkte-holen-egal-wie-Phase der Saison. Das „Egal, wie“-Attribut muss man dann schon bemühen mit Blick auf das, was Borussia aktuell fußballerisch bietet. Es gibt durchaus Freunde dieser Spielweise, auch in unserer geschätzten SEITENWAHL-Redaktion; verdeutlicht sie immerhin, dass Borussia irgendwie und wider der Erwartung Abstiegskampf zu können scheint.
Eugen Polanski rotierte einmal mehr durch, setzte vermeintlich überraschend Franck Honorat auf die Bank und gab dem jungen Duo Wael Mohya und Hugo Bolin die Chance, über die Flügel für Wirbel zu sorgen. Jens Castrop durfte oder musste erneut seine Vielseitigkeit beweisen und agierte links hinter Bolin bzw. für Ullrich. Im Zentrum erhielt Kevin Stöger den Vorzug vor Neuhaus, Yannick Engelhardt spielte den Abräumer vor der Abwehr. Apropos Abwehr: Borussias gestriger Sieg war das zehnte (!) Spiel ohne Gegentor, lediglich Borussia Dortmund hat ein gegentorloses Spiel mehr. Das ist umso mehr beeindruckend, da unsere Borussia in den vergangenen Jahren regelmäßiger Gegentore schlucken musste als die SPD Wahlen verlor. Insbesondere Nico Elvedi, Kevin Diks und Moritz Nicolas sind seit Wochen in starker und sehr zuverlässiger Form. Defensive gewinnt eben nicht nur Meisterschaften, sondern verhindert hoffentlich auch Abstiege. Aus diesem Muster lassen sich zudem spannende Erkenntnisse ziehen, denn es bedeutet auch, dass Borussias 43 Gegentore aus 16 Spielen resultieren, womit wir wiederum den seit Jahren bekannten Gegentorschnitt sogar überboten haben. Knapp 2,7 Gegentore bedeutet dies, oder anders formuliert: Wenn wir einmal ein Tor schlucken müssen, werden es fast immer deutlich mehr. Wir müssen in Führung gehen, dann geben wir nur wenig Punkte her.
Um in Führung zu gehen, braucht es leider eigene Tore, und das war seit Wochen das Problem, und es hat Gründe. Haris Tabakovic erzielte sieben Tore in seinen ersten zehn Spielen, seitdem nur noch vier Treffer in den darauffolgenden 15 Partien, davon sogar zwei in einem Spiel (4:0 gegen Augsburg). Eine „Lebensversicherung“ ist der Bosnier also schon seit Monaten nicht mehr. Ebenso spannend: Alle Tore erzielte er mit dem ersten Kontakt. Ein Vollblutstürmer, könnte man meinen. Spötter sagen, das muss er auch mit dem ersten Kontakt schaffen, denn einen zweiten gibt es bei ihm so gut wie nie. Es ist faszinierend, wie ein über 190cm großer Modellathlet wie Tabakovic nahezu jeden Zweikampf um den Ball verliert, seine technischen Schwächen tun ihr Übriges dazu. Borussias Gegner müssen den Ball gar nicht im hohen Pressing erobern, es reicht aggressives Anlaufen, bis der lange Ball in die Spitze kommt, spätestens dann ist er weg. Mohya erfreut alle Fans, weil er spielt, aber körperlich kann er in der Liga noch nicht bestehen, da braucht es noch ein paar Runden im Fitnessstudio und den ein oder anderen Proteinshake. Bolin ist sichtlich bemüht, sucht aber noch Anbindung und kämpft mit dem erhöhten Niveau und Tempo der Bundesliga.
Und so braucht es besondere Momente, um besondere Herausforderungen zu meistern: Kevin Stögers direkt verwandelter Freistoß aus 25 Metern (37.) war so ein besonderer Moment. Ein Gemälde von einem Freistoß, das man sich nicht oft genug angucken kann. Wir hatten ja fast schon vergessen, wie das geht: einen Freistoß direkt verwandeln. Die Älteren erinnern sich noch an Lars Stindl oder Juan Arango. Stöger selbst hatte in seiner Abschiedssaison beim VfL Bochum schon in ähnlich misslicher sportliche Lage einen Freistoß direkt verwandelt, vielleicht brauchen Fußballer wie er diese Phasen des Drucks. Erneut musste also ein Standard herhalten, wie beim 1:0-Sieg gegen Union Berlin. Womit wir wieder bei der „Egal, wie“-Einstellung sind.
In der zweiten Hälfte hatten die Gäste aus Hamburg öfter den Ball, gefährlich wurde es jedoch bis zum Schlusspfiff nicht mehr. Unterm Strich hatte St. Pauli nur eine Torchance im ersten Abschnitt, als Joel Fujita im Strafraum in bester Position zentral auf Nicolas abschließt (27). Bolin hatte in dieser Szene gepennt.
So war es dem inzwischen für Mohya eingewechselten Franck Honorat vorbehalten, für die Entscheidung nach feiner Laufleistung von Scally zu sorgen. Sein Linksschuss aus rund elf Metern war hart, aber nicht sonderlich platziert, zudem noch minimal Dzwigala abgefälscht. Ja, ich weiß: egal, wie. Honorat hatte knapp zehn Minuten vor Ende noch die Chance, nach einem schönen Konter gegen aufgerückte Hamburger auf 3:0 zu erhöhen, traf jedoch nur den Pfosten (79.). Da war die Gegenwehr von Pauli aber schon gebrochen.
Wir hatten es an dieser Stelle schon seit vielen Wochen geschrieben und bisweilen auch gewarnt, sich für die Rettung im Abstiegskampf nicht nur auf diese Wochen und auf die Spiele gegen die direkten Mitkonkurrenten zu verlassen. Schon in der Hinrunde war das damalige 4:0 am Millerntor der Auftakt für eine Serie aus 13 Punkten in fünf Spielen. Wiederholt Borussia diese Ausbeute, spielt sie auch kommende Saison in der Bundesliga. Damit sollte der Auftrag für die kommende Woche klar sein: es gäbe wenig Schöneres, als in Köln einen sehr, sehr großen Schritt Richtung Rettung zu gehen. Egal, wie.
An dieser Stelle sei etwas Werbung erholt: Unser SEITENWAHL-Kollege Kevin Schulte wird in seinem großartigen Podcast „Pfostenbruch“ in der Länderspielpause Sportchef Rouven Schröder als Gast haben – bitte vormerken!).

