Heißblut gegen Wankelmut
Der letzte Sieg war gegen Augsburg. Das ist eine Gemeinsamkeit, die Eintracht Frankfurt und Borussia Mönchengladbach vor dem Duell am Samstagnachmittag aufweisen. Die Frankfurter haben am 13.12. ihr Bundesliga-Heimspiel gegen den FC Augsburg gewonnen, die Gladbacher zum Jahresauftakt am 11.01. Seitdem herrscht an Main und Niers Tristesse. Die Eintracht steht wegen des ordentlichen Saisonstarts trotzdem alles in Allem besser da. Sechs Punkte mehr, keine Abstiegssorgen – allerdings ist das internationale Geschäft auch punktemäßig weit weg.
Dennoch herrscht in Frankfurt gerade Aufbruchstimmung. Der Trainerwechsel ist noch frisch und im ersten Spiel unter Albert Riera wäre es fast etwas geworden mit dem ersten Sieg im Jahr 2026. Das 1:1 bei Union Berlin wird im Verein gefeiert, die Mannschaft starkgeredet, als hätte man einer echten Spitzenmannschaft einen Punkt abgetrotzt. Was stimmt: Eintracht Frankfurt scheint sein bis dahin entscheidendes Problem in den Griff zu bekommen. Die Abwehr, deren fortgesetzte Wackeligkeit Rieras Vorgänger Dino Toppmöller letzten Endes den Job gekostet hatte, hielt dicht. Frankfurt stand in Köpenick stabil. Gleichwohl geschah das auf Kosten des Offensivspiels. Vorne blieb Frankfurt harmlos, brachte kaum Schüsse auf das gegnerische Tor. Bislang hat die Eintracht die zweitschlechteste Abwehr der Liga und den viertbesten Angriff. Ersteres zu ändern ist Rieras vornehmstes Ziel.
Die Medien feiern den etwas unkonventionellen Stil des Spaniers derzeit geradezu frenetisch ab, exemplarisch ein Zitat aus der Frankfurter Rundschau: „Albert Riera, der neue Chef im Ring, wird damit aufräumen. Das ist mal ganz sicher. Ob die Mission des heißblütigen Spaniers Erfolg haben wird, ist freilich dennoch nicht gesagt. Aber unter dem 43-Jährigen wird es keine Mätzchen, kein Ausscheren und kein Laissez-faire mehr geben.“ Sagen wir so: Seitenwahl würde solche Sätze frühestens erst nach gewonnener Deutscher Meisterschaft oder zwei Kästen Bier veröffentlichen. Aber es macht doch deutlich: Mit Riera soll sich in Frankfurt etwas ändern. Die Spieler loben den Neuen in höchsten Tönen, aber das kennen wir von jedem Trainerwechsel in Mönchengladbach, das macht man halt so. Was Riera dem Vernehmen nach wirklich von anderen Trainern abhebt, ist weniger die Temperatur seines Blutes als seine Neigung, den Spielern viel Theorie mit auf den Weg zu geben. Das mag anfangs spannend sein, aber auch Lucien Favre oder Ewald Lienen, Trainer mit viel theoretischem Wissen und dem Willen, es weiterzugeben, stießen irgendwann an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit und des Aufnahmewillens der meisten Fußballprofis.
Personell hat Riera vor seinen Heimdebut einige Probleme. Unter der Woche verletzte sich Arthur Theate schwer am Knie und wird mehrere Wochen fehlen. Mit Amenda und Collins stehen zwar zwei Nationalspieler ihrer jeweiligen Länder als Ersatz zur Verfügung, beide haben aber in dieser Saison nicht überzeugen können. Aber vielleicht sehen die die Chance, sich durch gute Leistungen doch noch für die WM-Kader der Schweiz und Deutschlands zu empfehlen. Neben diversen Langzeitverletzten muss Frankfurt auch den gelb-rot gesperrten Höjlund ersetzen. Dagegen sollten Jonathan Burkhardt und Ansgar Knauff wieder im Kader stehen, beide fehlten zuletzt wegen grippaler Infekte. Darüber hinaus wird Riera darauf setzen müssen, dass zuletzt formschwache Spieler wie Doan oder Götze wieder das zeigen, was sie können sollten.
Bei Borussia ist das Glas nach dem überraschenden 1:1 gegen Leverkusen und dem vergleichsweise stabilen Auftreten in jener Partie zur Abwechslung mal wieder halbvoll. Tatsächlich bot manches, was die Mannschaft am vergangenen Wochenende zeigte, Anlass zur Hoffnung. Andererseits hat das Team in dieser Saison (und darüber hinaus) ein bemerkenswertes Talent, jedwede Hoffnung alsbald wieder zerbröseln zu lassen. Das, worauf man sich bei Borussia im Moment verlassen kann, ist, dass man sich auf nichts verlassen kann. Eugen Polanski wird in Frankfurt erneut ohne Kevin Diks auskommen müssen. Gegen Bremen fehlte der noch wegen Brummschädels, gegen Leverkusen holte er sich dann die fünfte gelbe Karte. Im Gegensatz zu Bremen stünde Kota Takai jetzt als Vertreter bereit. Nicht auszuschließen ist nach dem okayen Auftritt von Fabio Chiarodia gegen Bremen aber auch, dass der junge Italiener Diks erneut positionsgetreu ersetzen wird. Darüber hinaus gibt es wenig Grund, die Mannschaft vom Leverkusen-Spiel zu verändern, was Kevin Stöger freuen dürfte. Neuzugang Hugo Bolin von Beginn an aufzubieten, hat Eugen Polanski schon ausgeschlossen. Verzichten muss der Trainer auf Alejo Sarco, der verletzungsbedingt passen muss und deswegen nicht als Joker in Frage kommt.
SEITENWAHL-Prognose
Christian Spoo: Bei Frankfurt kommt der Neue-Besen-Effekt zum Tragen. Weil Albert Riera wirklich anders ist als Dino Toppmöller, fruchten seine Maßnahmen zunächst einmal. Das reicht nach zähem Spiel für einen 2:0-Erfolg für die Eintracht.
Mike Lukanz: Das Hinspiel war ein Tiefpunkt der Saison, irgendwie aber auch ein Wendepunkt. Ganz so dramatisch wird es nicht, aber nach dem umkämpften wie bitteren 2:3 in Frankfurt wird das vielzitierte Abstiegsgespenst in den Gängen am Borussia-Park umherziehen.
Michael Heinen: Borussia knüpft an die Leistung der zweiten Halbzeit gegen Leverkusen an. Das ist ordentlich, wird aber leider für die Eintracht nicht reichen, die mit 2:1 gewinnt.
Michael Oehm: Der Neutrainer-Effekt in Frankfurt ist der, dass der Eintracht eine durchschnittliche Leistung für ein 2:0 reicht. Die Borussia agiert maximal unglücklich, der Blick auf die Tabelle macht es einen danach auch.

