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Eberbach: Wurde 1944 ein gezielter Todesschuss vertuscht?

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		Eberbach:  Wurde 1944 ein gezielter Todesschuss vertuscht?

Von Rainer Hofmeyer

Eberbach. Noch heute kann er sich an Einzelheiten vom 29. April 1944 erinnern. Der heute 88-jährige Helmut Joho war damals 11 Jahre alt. Er sah bei seinem Elternhaus in der Neckarhälde, wie ein Mann auf der Landstraße neckaraufwärts Richtung Lindach rannte. Gejagt wurde er von mehreren Polizeibeamten. Neugierig begleitete Helmut Joho das Geschehen. Noch vor dem Bahnwärterhaus ging es oberhalb der Bahnlinie den Galgenweg hoch in Richtung Breitenstein.

Die Verfolgungsjagd fand kein gutes Ende: Joho hörte einen Schuss. Dann sah er einen Toten auf dem Boden liegen, in einer dicht bewachsenen Mulde. "Das Blut floss aus der Schläfe". Ein Gendarmeriebeamter hatte den Flüchtenden erschossen. Der Getötete war kurze Zeit zuvor aus dem Eberbacher Gefängnis geflohen. Er hatte selbst eine scharfe Waffe dabei und auf seiner Flucht durch die Stadt damit geschossen.

Der Gejagte suchte zuletzt in einer Bodensenke am Hang Deckung. Von dort aus konnte er das abschüssige Gelände kontrollieren. Laut Johos Beobachtung hatte der Polizist jedoch den am Boden Kauernden seitlich umgangen, sich von oben angepirscht und ihn dann niedergestreckt. Der Getötete hatte wohl keine Chance gehabt, sich zu ergeben. Von Amts wegen wurde später jedoch eine eindeutige Notwehrsituation dargestellt, Auge in Auge. Gegen eine solche Konfrontation sprach allerdings der Einschuss am seitlichen Kopf.

Der Polizist hatte seine eigene Version: "Plötzlich tauchte er aus einer Versenkung wieder auf. Er war in Kniestellung und hielt die Pistole im Anschlag auf mich. Ich befand mich in einer Entfernung von etwa zwei Meter. Er schoss. Und ich schoss. Er verfehlte mich. Ich traf ihn in den Kopf. Er war sofort tot." Man beließ es bei der Aussage des Gendarmen.

Was war das Leben des Erschossenen wert? Er war ein 32-jähriger Obergefreiter und wurde als Deserteur gesucht, mitten im Krieg. Der mit dem Verwundetenabzeichen dekorierte Soldat hatte sich in Italien von seiner kämpfenden Wehrmachtseinheit entfernt. Er war auf der Flucht vor seiner drohenden standrechtlichen Hinrichtung gewesen. Denn nahe der Schlacht am italienischen Kloster Monte Cassino hatte er mit einem Kameraden fünf schwer verwundete US-Soldaten entdeckt und zum deutschen Verbandsplatz gebracht, um sie medizinisch versorgen zu lassen.

Tod wegen "Feindbegünstigung"

Das wurde beiden als "Feindbegünstigung" vorgeworfen – mit dem Tode bedroht. Beide Soldaten desertierten. Der Kamerad konnte sich bis Kriegsende verstecken. Er überlebte.

Das Drama beim Breitenstein vom 29. April 1944 hatte am frühen Morgen seinen Lauf genommen. Da saß der Obergefreite in Zivil in einem Zug der Odenwaldbahn und wollte von Darmstadt über Eberbach nach Heidelberg. Er wurde von einer Kriegsfahndungsstreife der Kriminalpolizei Darmstadt kontrolliert.

Da er keine Personalpapiere und keinen Urlaubsschein bei sich hatte, wurde er festgenommen und dem staatlichen Gendarmerieposten Eberbach überstellt. Ein gravierender polizeilicher Fehler: Weder unmittelbar nach dem Aufgreifen im Zug noch später war der Festgenommene körperlich durchsucht worden. So wurde seine geladene Pistole des Typs Parabellum 08 nicht entdeckt. Die hatte der desertierte Soldat bei seiner Flucht von der Front mitgenommen.

In Eberbach kam der Obergefreite in das Gefängnis in der Friedrichstraße. Er sollte im Laufe des Tages von der Feldgendarmerie Heidelberg abgeholt werden – der Militärpolizei. Als ihm zur Mittagszeit eine Frau im Beisein des Gendarmeriebeamten Essen auf die Zelle bringen wollte, konnte der Inhaftierte ausbrechen.

Es kam zu der Verfolgungsjagd durch die Stadt. Nach Schilderung des späteren Todesschützen hat der Obergefreite während seiner Flucht "ständig auf ihn und wie ein Wilder um sich geschossen". Getroffen hat der Wehrmachtssoldat aber niemanden.

Zwei weitere Gendarmeriebeamte waren an der Verfolgung beteiligt. Die tauchen jedoch später nicht in den Akten auf. Womöglich wollte man keine abweichenden Zeugenaussagen ins Verfahren einbringen. Es sollte wohl bei der für den Schützen selbst vorteilhaften Aussage bleiben. Der amtliche Bericht über Flucht und Tod war schnell zusammengestellt.

Bereits einen Tag nach dem Ereignis hatte die für Eberbach zuständige Staatsanwaltschaft Mosbach ihre Version parat:

"Bei einer körperlichen Durchsuchung des Festgenommenen durch den vernehmenden Gendarmeriebeamten gab er demselben einen Stoß und ging flüchtig. Die Verfolgung wurde von dem Beamten sofort aufgenommen. Auf der Straße gab der Obergefreite einen Schuss aus einer 08-Pistole auf den Gendarmeriebeamten ab, der hierauf das Feuer erwiderte."

Die Aussage des Gendarmen, der Festgenommene habe ihn im Gefängnis beim Durchsuchen auf Waffen beiseitegestoßen, ist kaum glaubhaft. Der Obergefreite war um 9 Uhr dem Gendarmerieposten übergeben worden. Warum sollte er also erst gegen 12 Uhr im Gefängnis auf Waffen durchsucht werden?

Ausgerechnet der spätere Todesschütze hatte bei der Einlieferung den Festgenommenen nicht auf Waffen visitiert und hatte damit zum weiteren gefährlichen Geschehen beigetragen.

Ein weiterer Zeuge der Verfolgungsjagd lebt heute noch. Auch er war wie Joho damals elf Jahre alt. Mit einem Freund sah er das ganze Geschehen bereits ab der Hindenburgstraße, der heutigen Bahnhofstraße.

Dieser Beobachter erinnert sich immer noch an Details, selbst daran, dass alles zur Mittagszeit geschah. Dem Flüchtenden stellten sich "mehrere Eberbacher Männer" entgegen, die er jedoch beiseite stieß.

Hier wurde sogar ein Unbeteiligter getötet. Ein Kölner Medizinstudent. Dieser wohnte ausgerechnet in der Bussemerstraße 2 unmittelbar neben dem Gefängnis. Eben jener Student kreuzte den Fluchtweg, nach Erinnerung des zweiten Zeugen in der Hindenburgstraße, näher bei der Evangelischen Kirche. Der junge Mann erlitt einen Bauchschuss und starb noch am Nachmittag in der Heidelberger Chirurgie. Aus welcher Waffe der tödliche Schuss stammte, ist nicht dokumentiert.

Alles deutet jedoch darauf hin, dass es eine Polizeikugel war. Dafür spricht auch: Beim Standesamt Heidelberg wurde beim Studenten "Tod durch Bauchschussverletzung bei Unfall" registriert, also nicht "Mord" oder "Verbrechen" durch den Deserteur.

Der Obergefreite floh an der Kirche vorbei über die Backgasse zum Ortsausgang bei der Fahrgasse. Er rannte mehrere hundert Meter auf der Landstraße, an der Mauer entlang bis zu einer Treppe, die den Bahndamm hoch führte. Er überquerte die Gleise und nahm dann den Galgenweg. Den Toten sah dieser Zeuge kurz danach an einer Stelle liegen, die er heute noch genau beschreiben kann.

"Polizist war kein Eberbacher"

"Er war in Zivil, trug ein weißes Hemd und eine schwarze Hose, lag auf dem Rücken, hatte schwarze Haare." Auch an den Polizisten, den er aus dem Alltag kannte, erinnert sich der damalige Beobachter: "Ich habe heute noch sein Gesicht vor mir. Er war kein gebürtiger Eberbacher." Amtlich liest sich das Ende so: "Die Verfolgung wurde bis zur Waldgemarkung Galgen fortgesetzt, wo der Gendarmerie­beamte den Obergefreiten durch einen Kopfschuss niederlegen konnte. Der Flüchtige hatte während der ganzen Flucht 12 Schüsse auf den Gendarmeriebeamten abgegeben, ohne denselben jedoch zu treffen."

Das Schicksal des Obergefreiten wurde als militärische Angelegenheit behandelt. Von einer Rekonstruktion der Abläufe nach der Strafprozessordnung, der Suche nach einer Hülse aus der Pistole 08 am Tatort oder einer Obduktion des Toten ist im amtlichen Bericht der Staatsanwaltschaft nichts zu lesen. Geschweige denn, dass ein Todesermittlungsverfahren durchgeführt wurde. Die Staatsanwaltschaft wurde erst gegen 16 Uhr von der Gendarmerie verständigt. Da hatte das Militärgericht Mannheim den Tatort Breitenstein und die Leiche des Obergefreiten bereits freigegeben.

1944 schien es auf eine besondere Rechtfertigung des Todesschusses gar nicht anzukommen. "Ein Soldat kann sterben, ein Deserteur muss sterben", war damals die Linie. Im Kriegsstrafrecht stand die Todesstrafe für Desertion an erster Stelle.

Doch die Polizei hatte auch im Dritten Reich ihre Regeln: "Die polizeiliche Maßnahme muss angemessen und notwendig sein." Und ein Polizist war auch seinerzeit kein Richter.

Vieles spricht heute dafür, dass die Geschehnisse vom 29. April 1944 im Bereich Galgenwiese von Anfang an so beschrieben wurden, dass es für den Polizisten nach Notwehr in einer Duellsituation aussah. Und selbst nach dem Krieg hielt man an der mutmaßlich zurecht gedrehten Aussage fest.

Der Todesschütze hat seine Version der Notwehr mehrfach wiederholt. Einmal 1949 und nochmal 1953 als "sachverständiger Zeuge" mit einer eidesstattlichen Erklärung, als es um die Hinterbliebenenrente der Witwe ging.

Der Frau des Erschossenen wurde jedwede Wiedergutmachung verwehrt. Dabei hatte ein Verwaltungsbeamter, der mit der Rentenangelegenheit der Frau befasst war, 1953 notiert, "dass der Gendarmeriebeamte nicht in Notwehr gehandelt, sondern den Flüchtigen in Überschreitung seiner Amtsbefugnisse niedergeschossen hat."

In den Jahren 1945 bis 1947 erhielt die Witwe des Erschossenen monatlich 79 Mark Wohlfahrtsunterstützung; 1952 hatte sich der Betrag auf 137 D-Mark erhöht. Eine Witwenrente wurde ihr jedoch stets versagt, weil ihr Mann als Deserteur "auf der Flucht erschossen" wurde, was "nicht durch unmittelbare Kriegseinwirkung entstanden" sei.

Die nicht-amtliche Version des Dramas vom Breitenstein hatte sich bald in Eberbach herumgesprochen und ist heute noch so im Umlauf, wie sich die Zeugen von damals erinnern. Nach dem Krieg hat man es bei der dienstlichen Erklärung des Gendarmen belassen. Eine Strafanzeige der Witwe 1954 bei der Staatsanwaltschaft Heidelberg wurde nicht weiterverfolgt. Die Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe bestätigte die Entscheidung. Der Tod des Deserteurs wurde in den Sterbebüchern der Stadt Eberbach nicht registriert; das war seinerzeit Sache der militärischen Dienststellen.

Der Obergefreite wurde in Eberbach beerdigt, im Gräberfeld Fünf, Grab Nummer Sieben, mit der Notiz: "erschossen". Das Grab existiert heute nicht mehr.

Als seine Tochter 50 Jahre später in Eberbach auf den Spuren des Ereignisses war, klingelte in ihrem Hotelzimmer das Telefon. Sie hob ab. Eine männliche Stimme sagte: "Unterlassen Sie das Herumschnüffeln und gönnen Sie Ihrem Vater die Ruhe. Die Eberbacher sind anständige Leute."

Quellen: Dieter Schenk, Kriminaldirektor im Bundeskriminalamt a.D., "Das Dorf, der Deserteur und die Schande"; zeitgenössische Zeugen; Skizze: Hans Klinge, Eberbacher Geschichtsblatt 2002. Die Namen der beiden Toten und des zweiten Zeugen sind der Redaktion bekannt.

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