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Rezension: „Spieltage, Teil II“ von Ewald Lienen (veröffentlicht als „Ich war schon immer ein Rebell“)

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Heinz Höher kommt auch drin vor. Einmal ist er als Trainer des 1. FC Nürnberg Gegner des Trainers Ewald Lienen, der gerade seine ersten Schritte als Profitrainer beim MSV Duisburg macht. Jener Heinz Höher, an dessen Biographie sich das Meisterwerk im deutschen Fußball an Betrachtungen dessen entlang zu einem solchen entwickelt, das niemand, selbst jüngere Jahrgänge nicht, verpassen dürfen: „Spieltage“ von Ronald Reng. Viel mehr als ein Fußballbuch, natürlich, eine Zeitstudie, eine lange Reise, die einen so fantastisch mitnimmt in das Leben eines Mannes, das von Fußball und der Entwicklung so geprägt war, wie er es bis kurz vor seinem leider letztens geschehenen Lebensende selbst geprägt hat.

„Spieltage“ ist schlicht ein Muss, wenn man Profifußball in Deutschland liebt oder auch nur goutiert und längere Zeit verfolgt hat. Und der legitime Nachfolger dieses Meisterwerks ist Ewald Lienens Autobiographie „Ich war schon immer ein Rebell“. Während Heinz Höher noch in den Anfangstagen der Bundesliga als Spieler aktiv war, beginnt Ewald Lienens Karriere Mitte der 70er. Das Buch allerdings, wie auch bei Höher, weit davor, nämlich mit seinem gesamten Aufwachsen – bei Lienen mit einem tragisch prägendem Ereignis.

Der große Unterschied zwischen Spieltage und „Ich war schon immer ein Rebell“ ist natürlich, dass Letzterer das Buch selbst verfasst hat. Damit kommt es zwar einerseits sprachlich nicht an die Brillanz von Spieltage heran – wer schreibt schon so gut wie Ronald Reng? – andererseits ist es aus der Binnensicht geschrieben und damit vielleicht noch authentischer, als Spieltage je sein konnte – auch, wenn Heinz Höher gegen Ende seines Lebens schonungslos offen gegenüber Ronald Reng gewesen sein mag.

Lienen ist damit quasi der Anknüpfungspunkt an die Zeit von Heinz Höher, der anderthalb Jahrzehnte vor Lienen geboren wurde. Ein äußerst willkommener Anknüpfungspunkt.

Die Hoffnung ist allerdings gering, dass man in der Zukunft noch einen Profi und später gewesenen Trainer findet, ein Merkmal, das schließlich beide Protagonisten dieser Fußballbücher eint, der seine Karriere in den 1980ern beginnt, der entweder bereit zu so einem Seelenstrip wie Höher oder einer Introspektion wie Lienen fähig sein wird. Wobei man da den Tag auch nicht vor dem Abend verdammen soll. Doch es ist durchaus eindrucksvoll, was Lienen hier nicht nur an Innerstem nach Außen kehrt, sondern dass er es auch schafft, über knapp 400 Seiten sich an kleinste Details zu erinnern und vielerlei Ereignisse auch für die Leserin lebendig werden zu lassen.

Drei große Abschnitte definieren das Buch: Lienens Kindheit und Jugend, seine Zeit als Spieler und seine Zeit als Trainer. Für jeden Anhänger von Borussia Mönchengladbach, dem MSV Duisburg oder von Arminia Bielefeld also per se ein Muss, zumal er keineswegs ein Blatt vor den Mund nimmt. Berti Vogts kommt zunächst ganz schlecht weg (später allerdings besser), Frank Mill ist nicht gerade sein Freund und mit Ilja Kaenzig würde er wohl nicht mal auf einer einsamen Insel Kirschen essen. Denn das ist mit diesem wohl nicht gut, urteilt Lienen nach seinen Erfahrungen bei Hannover 96 mit Kaenzig. Wie man überhaupt so einiges erfährt, was andere sich sicher nicht so explizit zu veröffentlichen getraut hätten.

Leider ist der Titel aber – wohl auf Wunsch des Verlags – völlig falsch gewählt. „Ich war schon immer ein Rebell“ müsste man umtaufen in „Ich war schon immer ein Streber und Klugscheißer“. Klar, in den 70ern den Wehrdienst zu verweigern, gegen den Radikalenerlass zu agieren, Haare bis zum Arsch (Zitat) zu tragen und hatte insbesondere im immer so ermüdend konservativ geprägten Fußballmillieu sicher etwas Rebellisches. Aber in erster Linie war der junge Ewald einer, der wißbegierig war und vorwärts kommen wollte. Mag die soziale Herkunft ihn auch nicht dafür prädestiniert haben, so hatte er doch einen offenbar unlöschbaren Ehrgeiz, nach vorne zu kommen.

Das allerdings erstaunlicherweise gar nicht im Fußball. Der war ihm Liebe und Hort von Gemeinsamkeit. Immer wieder beruft sich Lienen darauf, dass ihm das die Faszination am Fußball bedeutete, dass man gemeinsam in einem Team nach Erfolg strebte. Umso erstaunter war, als er bei den ersten Trainings nach seinem Wechsel von seinem Dorfclub zu Arminia Bielefeld plötzlich Mitspieler erlebte, denen derartige Gedanken völlig fremd waren. Die ihn im Training umsäbelten etc. pp.

Nun, das soll jetzt keine Nacherzählung des Buches werden, wie es ja in so mancher als Rezension getarnter Zusammenfassung vorkommt.

Von den Erlebnissen als Spieler, bis zu jenen als Trainer, ist eines dem Ewald immer treu geblieben. Eine umwerfend humanistische Einstellung zum Leben, selbst, wenn er im Haifischbecken Profifußball aktiv war. So endet das Buch auch mit einem Plädoyer dafür, den Fußball nicht denen zu überlassen, die davon nur monetär profitieren wollen, wo der Fußball doch so eine starke Wirkung haben kann auf junge Menschen, Solidarität erzeugen kann.

Doch Lienen, der selbst Jahrzehnte später keine Fouls von Gegenspielern (achja, _das_ Foul kommt auch drin vor, spielt aber keine Rolle) oder unliebsame Schiedsrichter-Entscheidungen vergessen hat, präsentiert hier vor allem eines. Wie ein Mensch sich im Laufe seines Lebens zu einem reiferen Menschen entwickeln kann. Der einsieht, dass er zu Beginn seiner Trainerkarriere immer nur missionieren wollte, niemandem zuhörte. Der einsieht, dass jeder seine eigene Realität lebt und dass er diese nur verstehen kann, wenn er sich auf jemanden einlässt.

Dass er ganz am Ende noch erzählt, dass er auch heute noch von seinen Kollegen für seine Klugscheißerei gehasst wird, weil er noch den kleinsten Kommafehler fände, entbehrt angesichts dreier, vierer Lektoratsfehler im ansonsten höchst angenehm zu lesenden Buch allerdings auch nicht einer gewissen Ironie. Spieltage, Teil II, ist nicht nur ein Buch über die Bundesliga, nicht nur ein Buch über das Aufwachsen in der Provinz in den 1960ern, wo Väter fehlen, die in Stalingrad gefallen sind, oder Frauen in der neuen Familie nicht akzeptiert werden. Es ist so viel mehr ein Buch darüber, wie man mit einer Einstellung durchs Leben gehen kann, die nicht nur allen Mitarbeitenden alles abverlangt, sondern auch den Wandel sieht, der zwangsläufig zwischen einem Heranwachsende und einem später im Leben stehenden besteht – sofern jemand zu einem solchen Wandel in der Lage ist.

Abschließend bleibt nur eins zu kritisieren an „Ich war schon immer ein Rebell“ – dass es nicht noch länger und ausführlicher ist.

Also, worauf wartet Ihr noch? Bestellen, lesen, und mit und an Ewald wachsen.

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