Erster Todestag von Helmut Kohl: Nur am Grab ist Ruhe eingekehrt
Von Alexander Albrecht und Carsten Blaue
Mannheim. Liselotte Braun wischt sich den Schweiß von der Stirn, faltet die Hände und spricht leise das Vaterunser. Die Stimme der Rentnerin wäre ohnehin kaum hörbar, zu laut sind am gestrigen Freitagmorgen die elektrischen Heckenscheren der Gärtner. Das Knattern durchbricht die Stille im Friedhof des Domkapitels am Rande des Adenauer-Parks - wo Helmut Kohl seine letzte Ruhe gefunden hat. Der Altkanzler ist am heutigen Samstag vor einem Jahr in seinem Bungalow in Oggersheim gestorben.
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Allmählich schiebt sich die Sonne durch die Wolken und sorgt dafür, dass der Buchs auf Kohls Grab in sattem Grün schimmert. Das Rot der Dipladenien vor dem brusthohen Holzkreuz mit den Lebens- und Sterbedaten des Staatsmanns machen den Ort noch etwas farbenprächtiger, freundlicher. Ein Schild bittet um Stille. Als die lärmenden Gerätschaften der Grab- und Parkpfleger pausieren, dringen sanfte Chorstimmen aus der benachbarten Friedenskirche St. Bernhardt ins Ohr.
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Den idyllischen Eindruck dämpfen der aus Sicherheitsgründen angebrachte Zaun rund um die Ruhestätte des "Kanzlers der Einheit" und die kleine Videokamera, die an einem Baum hängt. Im Auftrag der Witwe Maike Kohl-Richter. "Wir haben gegenwärtig keine Informationen darüber, ob die Kamera noch aktiv ist", sagt ein Speyerer Stadtsprecher.
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Wann kommt der Grabstein? - das fragen sich viele Besucher knapp ein Jahr nach Kohls Beisetzung. Die Witwe teilt mit, "dass die endgültige Grabgestaltung von der Natur" abhänge. "Wie bei jedem Grab muss sich auch das meines Mannes absenken", so Maike Kohl-Richter. Die Gestaltung des Steins muss mit dem Domkapitel und der Stadt abgestimmt werden. Kohl-Richter soll entsprechende Entwürfe in Auftrag gegeben haben. "Aber wir haben noch keine gesehen", erklärt der Stadtsprecher.
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Ortswechsel: Die Marbacher Straße in Oggersheim wirkt mit ihren Bungalows ein wenig aus der Zeit gefallen. Früher war hier mehr los - wenn Kohl Staatsgäste in sein Anwesen eingeladen hat. Am Freitagmorgen parken vor dem Haus keine Limousinen, sondern zwei Kleinlaster einer Firma für Garten- und Landschaftspflege aus der Pfalz. "Da soll’s wohl am Samstag picobello aussehen", sagt ein Anwohner, grinst und zieht mit der rechten Hand das Unkraut zwischen den Steinplatten heraus. Vor der Kohl’schen Garage übernehmen Gärtner diese Aufgabe, schleppen zudem Blumenerde und Pflanzenkübel für den Garten an.
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Auf der gegenüberliegenden Seite fegt Sonja Bruch vor ihrem großen Flachdachhaus, in dem sie auch groß geworden ist. Wenn sie über Helmut Kohl spricht, lächelt sie - und erinnert sich daran, wie sie früher als Sternsingerin bei ihm zu Gast war oder mit der Familie des Altkanzlers an Silvester auf der Straße stand und auf das neue Jahr anstieß. Damals, als Helmut und Hannelore Kohl mit ihren Söhnen Walter und Peter noch unter einem Dach wohnten. "Lang ist’s her", sagt Sonja Bruch. Nicht viel sagen will sie über die jetzige Hausherrin Maike Kohl-Richter. "Naja, man grüßt sich", sagt Sonja Bruch. Und lächelt wieder. "Die anderen hier werden Ihnen auch nicht mehr sagen können", meint sie noch.
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Schon seit Ende Juli 2017 verwaist ist die kleine Polizeiwache neben Kohls Bungalow. Bis zum Tod des mächtigen Oggersheimers schoben hier Beamte des Polizeipräsidiums Rheinpfalz rund um die Uhr ihren Dienst. Inzwischen werde das Kohl-Anwesen nur noch "regelmäßig bestreift", sagt ein Polizeisprecher. Was mit dem Klinker-Häuschen geschieht, wisse er nicht. Es gehöre dem Land Rheinland-Pfalz.
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Derweil sinniert Liselotte Braun auf dem Friedhof über Kohls Verdienste, das Christentum als europäische Identität und beklagt eine "ungezügelte Flüchtlingspolitik". Ja, klar, das habe sie auch nicht in Ordnung gefunden, dass der Altkanzler während seiner Amtszeit angeblich eine Affäre hatte. "Aber die große Politik und das Familienleben vertragen sich oft nicht", meint die Schifferstädterin. Jedenfalls sei es großartig, dass Kohl hier begraben liege und nicht in der "Provinz". In Friesenheim. Bei Hannelore und seinen Eltern.
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In den ersten Tagen nach Kohls Begräbnis besuchten noch bis zu 1500 Menschen die Ruhestätte, inzwischen lägen die Zahlen im zweistelligen Bereich, sagt der Sprecher der Stadt Speyer. Dem subjektiven Eindruck nach dürften es am Freitag ein paar mehr sein. "So, das haben wir jetzt auch gemacht", sagt ein Mann aus einer Erfurter Gruppe, nachdem er das obligatorische Bild vom Grab gemacht hat. Eine Frau wundert sich währenddessen über eine Art Vogelhäuschen in der Stätte. Walnüsse sind hinter Glas zu sehen und ein Schriftzug, der aus der Ferne nicht zu entziffern ist. "Das heißt wahrscheinlich Spenden", feixt die Frau, und ihre Begleiter lachen herzhaft. Auch Kohls bitterste politische Stunden werden an diesem Ort diskutiert. Die Spendenaffäre ist unvergessen.
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Zu Kohls heutigem Todestag werden wieder deutlich mehr Menschen zu dem Friedhof pilgern. Ab 15 Uhr ist am Grab ein stilles und öffentliches Gedenken mit Kranzniederlegung, Gedenkminute und Gebet geplant. Für diese Veranstaltung hat sich auch CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer angekündigt. Um 16 Uhr wird in der Kirche St. Josef in Friesenheim - Kohls "Hauskirche" - eine Messe gefeiert. Am darauffolgenden Sonntag, 10 Uhr, wird dem Altkanzler bei einem Gottesdienst im Speyerer Dom gedacht.
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Die im Streit mit ihrer Stiefmutter liegenden Kohl-Söhne Walter und Peter werden wohl wie vor einem Jahr bei den Trauerfeierlichkeiten fehlen. Peter kündigte an, die Brüder wollten sich an einem Ort treffen, "an dem wir immer gemeinsam mit unseren Eltern waren".
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Knatsch gab es auch um die Benennung öffentlicher Plätze und Straßen. In Ludwigshafen und Frankenthal wurden Stadtratsbeschlüsse zurückgezogen, weil sich die Bürger übergangen fühlten. Die Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck will nach der Kommunalwahl 2019 einen neuen Anlauf nehmen. In Speyer lief es reibungsloser. Hier wird die Rheinpromenade am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, zum Helmut-Kohl-Ufer gewidmet.
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Rückblende, 1. Juli 2017 am späten Nachmittag: Das Requiem für Helmut Kohl im Speyerer Dom ist gelesen. Alle sind weg: die politische Prominenz aus dem In- und Ausland, Kohls Widersacher und Weggefährten, geistliche und gesellschaftliche Prominenz. Nach der Hektik des regnerischen Tages kehrt Ruhe ein in Speyer. Auch auf dem Friedhof des Domkapitels. Hier sind nur noch Polizisten. Kohls Grab mit dem roten Kranz aus Blumen liegt in hellem Licht der Scheinwerfer. Leise und gebeugt nähert sich ein alter Mann dem Grab, den Blick auf den Boden geheftet. Regungslos, fast zerbrechlich verharrt er davor. Keiner stört ihn dabei. Die Zeit bleibt stehen. Dann geht er so, wie er kam. Keiner weiß, wer er ist. Es ist der letzte stille Moment. Am nächsten Tag kommen die Touristen.

