Kein Gewächshaus blieb heil: 1995 verheerte eine Gewitterfront Stadt und Region
Von Micha Hörnle
Heidelberg. Eigroße Hagelkörner gingen am Montag in Hardheim und Höpfingen unweit von Walldürn nieder, Heidelberg erlebte zwar heftige Regengüsse, kam aber ansonsten - wie in den letzten Jahren generell - fast ungeschoren davon. Das war vor 23 Jahren anders, da wurden Stadt und Region schwer von einem Gewittersturm, der auch noch Hagel mit sich brachte, verheert.
Es war ein heißer Frühsommer, für den Samstag, 22. Juli 1995, hatte der Wetterbericht zwar schwere Gewitter und auch Hagel angekündigt, aber kaum jemand rechnete damit, wie schlimm die Unwetterkatastrophe werden würde. Gegen 14.40 Uhr erreichten von Westen tiefschwarze Wolken das Stadtgebiet, die Gewitterfront "entlud sich in einer in Heidelberg schon lange nicht mehr erlebten Gewalt", wie Dieter Haas damals in der RNZ schrieb.
Menschen kamen nicht zu Schaden, aber besonders schlimm wütete das Unwetter mit gewaltigen Regenmengen im Zoo: Enten, Jungreiher und eine Schnee-Eule wurden von den Hagelkörnern erschlagen, Erdmännchen ertranken in ihrem Bau. Die Turmspitze der Providenzkirche neigte sich derart, dass die Polizei die Hauptstraße sperren musste, schließlich wurden Kreuz und Wetterhahn vorsorglich demontiert.
Die Feuerwehr war bis spät in die Nacht im Einsatz, 65 Keller mussten ausgepumpt werden; die Tiefgeschosse der Parkhäuser Nordbrückenkopf (Neuenheim) und im Darmstädter-Hof-Centrum waren vollgelaufen, "die Hauptstraße glich einer Flusslandschaft", so die RNZ.
Tischtennisballgroße Hagelkörner zerstörten viele Gewächshäuser, gerade die Obstgärtner im Handschuhsheimer Feld meldeten den Totalausfall der Ernte: "Die Betriebe stehen vor dem Nichts", sagte der Vorsitzende der Gärtnervereinigung des Stadtteils, Peter Stockert.
Die Not war so groß, dass drei Tage nach dem Unwetter die damalige Oberbürgermeisterin Beate Weber vor Ort vorbeischaute. Finanzielle Hilfen hatte sie zwar nicht im Gepäck, immerhin bot sie an, dass die Stadt den betroffenen Betrieben kostenlos Container bereitstellen wolle, damit sie die riesigen Mengen an kaputtem Glas entsorgen könnten.
In Sachen Finanzhilfe für Bauern wollte sie den Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser ("der Bauer aus Mauer") kontaktieren. Der wiederum war als Kind der Region tags zuvor zu einem Krisengipfel nach Schwetzingen gereist.
Denn im nahen Plankstadt war die komplette Tabakernte verhagelt, aber noch viel schlimmer hatte es Ketsch getroffen: "Das ist eine Katastrophe für Ketsch", sagte Bürgermeister Hans Wirnshofer. In seiner Gemeinde wurden 350 bis 400 Häuser beschädigt, gut die Hälfte aller Hausdächer war abgedeckt.
In der Bevölkerung machte sich angesichts des immensen Schadens Verzweiflung breit, es kam zu dramatischen Szenen in den Beratungsstellen, wo die 1000 ausgelegten Schadensmeldeformulare sofort vergriffen waren.
So schlimm war es in Heidelberg nicht, aber der Hagel hatte viele Autos schwer beschädigt, bei den Versicherern und Banken herrschte gewaltiger Andrang, alle wollten wissen, wer für den Schaden aufkommt.
Manche Versicherer richteten auch "Schnellschadenstellen" ein: Da konnte man beim ADAC-Prüfzentrum oder auf dem Neuen Messplatz mit seinem Wagen vorbeischauen und erhielt dann direkt von den Gutachtern einen Barscheck.
Der Gesamtschaden des Tiefs, das später einen Namen ("Emily") erhielt, lag laut Sparkassenversicherung bei 120 Millionen Euro, 40 Millionen allein in Ketsch. Zum Vergleich: Beim Orkan "Lothar" (26. Dezember 1999) kam man auf 500 Millionen.

