Kampf gegen Kinderpornographie: Wie Hessen die verdeckten Ermittler stärken will
Von Philipp Hedemann
Wiesbaden. Vor Beginn der Justizministerkonferenz hat sich Hessens Ressortchefin Eva Kühne-Hörmann (CDU) für einen Tabubruch bei der Verfolgung von Kinderpornografie ausgesprochen. Sie will Ermittlern im Internet erlauben, zur Tarnung echte Missbrauchsbilder hochzuladen. Es gebe Angebote von Missbrauchsopfern, die ihr Material dazu zur Verfügung stellen würden, sagte Kühne-Hörmann. "Dafür wäre ich offen, wenn es im Einzelfall nutzt, diese Plattformen zu zerschlagen." In vielen Darknet-Foren werden Nutzer aufgefordert, erst selbst Missbrauchsbilder einzustellen, ehe sie zugelassen werden. Dies ist Beamten bislang verboten.
Dies Justizministerkonferenz, die am Mittwoch in Eisenach beginnt, soll darüber diskutieren, ob verdeckte Ermittler dafür zumindest computergeneriertes Material verwenden dürfen. Kühne-Hörmanns Vorschlag geht noch einmal einen Schritt weiter.
Matthias Wenz ist beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden stellvertretender Leiter des Referats "Auswertung von Sexualdelikten zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen". Im Interview spricht er über die Erfolge und Probleme im Kampf gegen Kinderpornographie und sagt, was Eltern tun sollten, um ihre Kinder zu schützen.
Kann der Kampf gegen Kinderpornographie im Internet gewonnen werden?
Kinderpornographische Plattformen sind mittlerweile fast vollständig in nicht öffentlich zugängliche Bereiche des Internet, ins sogenannte Darknet, abgewandert. Dort fühlen viele der Täter sich relativ sicher. Aber das sind sie nicht. Wir sind heute personell und technisch deutlich besser aufgestellt als noch vor wenigen Jahren. Das zeigen auch unsere großen Ermittlungserfolge, unter anderem der Schlag gegen das Pädophilen-Netzwerk Elysium im vergangenen Jahr. Zudem hat sich die internationale Zusammenarbeit der Strafverfolgungsbehörden verbessert. Nicht nur von unseren amerikanischen Kollegen bekommen wir mittlerweile viele Hinweise.
Das FBI und andere ausländische Behörden haben mehr Befugnisse als das BKA. Ist Deutschland deshalb ein sicheres Land für Pädophile im Internet?
Nein! Zwar dürfen einige unserer ausländischen Partner bei ihren verdeckten Ermittlungen selbst kinderpornographisches Material hochladen, um das Vertrauen der Täter zu gewinnen. Das ist in Deutschland nicht erlaubt, und dafür gibt es auch gute Gründe. Manchmal kommen wir deshalb bei unseren Ermittlungen tatsächlich nicht weiter. Ob die Befugnisse der Ermittler erweitert werden sollen, ist jedoch eine Frage, die die Politik beantworten muss, nicht wir. Aber auch mit unseren derzeitigen Möglichkeiten können wir sehr effektiv gegen Pädophile im Internet vorgehen.
Wer sind die Täter, wer sind die Opfer von Kinderpornographie?
Die Täter sind überwiegend Männer. Sie kommen aus allen Schichten der Gesellschaft. Unter ihnen sind Hartz IV-Empfänger, Angestellte, Polizisten, Priester, Staatsanwälte, Ingenieure und Kinderärzte. Die Opfer sind überwiegend weiblich und zum Teil sehr jung. In Einzelfällen werden sogar Säuglinge unmittelbar nach der Geburt misshandelt. Beim Missbrauch wird teilweise schwere körperliche Gewalt angewendet. Unter den Pädokriminellen befinden sich auch sogenannte "reisende Sexualstraftäter", die im Ausland - zum Beispiel Südostasien - nach ihren Opfern suchen und für den Missbrauch vor Ort entsprechend bezahlen. Daneben gibt es auch Pädokriminelle, die über Livestreams und Webcams den Missbrauch eines Kindes fernsteuern. Die Täter könnten damit beispielsweise Zeiten überbrücken, bis sie wieder ins Ausland reisen.
Sind auch deutsche Kinder und Jugendliche gefährdet?
Ja. Das zeigen unsere Ermittlungserfolge in Deutschland, auch wenn die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen im Internet hier zum Glück nur sehr selten passiert. Dennoch sollten Eltern darauf achten, wie ihre Kinder Smartphones und Computern nutzen. Auch wenn die meisten Eltern es sich nicht vorstellen können: es gibt viele Jugendliche, die Nacktbilder von sich verschicken und dafür beispielsweise mit Amazon-Gutscheinen bezahlt werden. Viele Jugendliche sind sich nicht bewusst, welche Gefahren sich daraus für sie ergeben und wie erpressbar sie werden, wenn der Empfänger droht, die Aufnahmen zu veröffentlichen.
Lässt sich der sexuelle Missbrauch von Kindern mit Ermittlungen und Strafen alleine lösen?
Nein! Der Sexualtrieb ist einer der stärksten Triebe des Menschen. Pädophile Neigungen lassen sich mit polizeilichen Mitteln und Strafverfolgungsmaßnahmen nicht einfach abschalten. Darum brauchen wir einen ganzheitlichen, präventiven Ansatz. An der Berliner Charité gibt es dazu beispielsweise das Programm "Kein Täter werden". Es wendet sich an Menschen, die sich selbst als gefährdet sehen. Dieses Programm ist aber nur für diejenigen Personen zugänglich, die noch nicht verurteilt wurden.

