"Als Spieler hatten wir keine Stimme"
Anouk Vergé-Déprés blaue Augen blitzen begeistert auf, wenn sie über ihren Beruf spricht. "Die Kombination aus Hochleistungssport und Party-Feeling ist sehr attraktiv", schwärmt die 28-jährige Bernerin. "Das kann und muss man nützen." Das war zuletzt aber nicht im gewünschten Mass der Fall. Bereits vor Corona stand es um die internationale Beachvolleyball-Szene nicht zum besten. Die hoch dotierte Major Series bestand mit Gstaad, Hamburg und Wien nur noch aus drei Stationen, ob die norddeutsche Metropole und die österreichische Hauptstadt auch nächstes Jahr noch im Programm stehen, ist unsicher.
Die Unübersichtlichkeit der verschiedenen Turnierserien ist auch Vergé-Dépré, die mit Joana Heidrich aktuell die Nummer 12 der Weltrangliste ist und damit das zweitbeste Schweizer Duo bildet, ein Dorn im Auge. "Es braucht Veränderungen in der Struktur, damit der Sport vorankommt. Das breite Publikum soll besser verstehen, wer und wo die Besten der Welt sind." Heute könne niemand sagen, was es heisst, wenn jemand ein Dreisterne-Turnier gewinne. Daneben gehe es auch um bessere Planbarkeit für die Spieler, Zuschauer und Fernsehstationen. "Jetzt weiss man erst nach der Qualifikation am Dienstagabend um 22 Uhr, wer am Mittwoch wann spielt."
Daneben setzen sich Vergé-Dépré und ihre Kollegen von der International Beach Volleyball Players' Association (IBVPA) für bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitglieder ein. Ein erster Schritt seien Verbesserungen beim Vertrag, den die Spieler zu Beginn der Saison unterschreiben müssen. "Im Moment geben wir alle Bild- und anderen Rechte ab, ohne eine Garantie für eine gewisse Anzahl Turniere oder Preisgeld. Wenn nur fünf statt zehn Anlässe stattfinden, muss der Spieler einfach damit leben. Wichtig ist, dass die Spieler eine gewisse Planungs- und finanzielle Sicherheit haben." Es müsse besser geregelt werden, was der Spieler dem Verband schuldig sei und umgekehrt. "Im Moment kann die Weltspitze gut von ihrem Sport leben", will die Bernerin selber nicht klagen. "Wir erhoffen uns aber, dass auch die Spieler in der Breite besser gestellt werden." Wer die Qualifikation nicht überstehe, habe kaum Preisgeld und könne seine Auslagen oft nicht decken.
Im Moment hat die Gewerkschaft rund 140 Mitglieder. Geführt wird sie mit der Präsidentin Madelein Meppelink aus den Niederlanden und Vergé-Dépré von zwei Frauen, im sechsköpfigen Vorstand ist aber zum Beispiel auch der norwegische Weltranglistenerste und Europameister Anders Mol. "Im Beachvolleyball herrscht volle Gleichberechtigung", meint die Schweizerin lachend. "Das ist cool."
Nicht gleichberechtigt sind aber die Spieler. "Wir haben gemerkt, dass wir als einzelne Spieler keine Stimme hatten." Deshalb wurde die Gewerkschaft vor gut zwei Jahren ins Leben gerufen. "Am Anfang war es etwas schwierig, weil noch kein Vertrauen da war." Mittlerweile hätte aber der internationale Verband (FIVB) gemerkt, dass es ein Vorteil sei, einen Ansprechpartner zu haben und das Feedback der Akteure auf dem Terrain zu erhalten. "Die meisten haben realisiert, dass man zusammen weiterkommt." Umgekehrt haben auch die Spielerinnen wie Vergé-Dépré dazulernen können. "Ich habe jetzt ein viel breiteres Bild, was es bedeutet, die Strukturen zu verändern", sagt die Olympia-Neunte von 2016 (damals noch mit Isabelle Forrer). "Man muss Geduld haben und dran bleiben."
Geduld brauchen die Beachvolleyballer derzeit sowieso, denn in den nächsten Monaten sind alle offiziellen Turniere abgesagt. Eines der wichtigsten Anliegen der Spielervereinigung ist die Sicherstellung einer fairen Olympiaqualifikation. Die bisherigen Punkte gelten nach der Verschiebung der Spiele in Tokio auch für nächstes Jahr. Die Knacknuss wird aber sein, wann und wie es im nächsten Frühjahr weitergehen wird.
Bereits jetzt ist absehbar, dass es schwierig wird, für alle gleiche Voraussetzungen zu schaffen. Klar ist, dass es erst wieder um Olympiapunkte gehen kann, wenn Athleten von überall auf der Welt ohne Restriktionen einreisen können. Bereits vorher wird es aber sehr unterschiedliche Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten geben. Traditionelle Beachvolleyball-Länder wie Brasilien oder die USA könnten Vorteile haben, weil sie in starken nationalen Turnierserien Spielpraxis sammeln können.
Der Gewerkschaft um Anouk Vergé-Dépré wird die Arbeit also nicht ausgehen. Dafür nützte sie die unverhoffte freie Zeit, um ihr Studium an der Universität Fribourg entscheidend voranzutreiben. Im Hauptfach Medienwissenschaften hat die Tochter einer Schweizerin und eines von der Karibikinsel Guadeloupe stammenden Franzosen, der in Lausanne Volleyball spielte, bereits abgeschlossen, im Nebenfach Betriebswirtschaft ist sie in den letzten Zügen.
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