Handball-EM 2026: Darum ließ Gíslason Wolff gegen Dänemark auf der Bank
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Bei der Niederlage der DHB-Auswahl gegen Dänemark überraschte Bundestrainer Alfred Gíslason mit seiner Aufstellung. Nach dem Spiel bezog er Stellung. Aus Herning berichtet Nils Kögler Er war das Gesprächsthema Nummer eins: Mit einer überragenden Leistung inklusive 22 Paraden und einer Abwehrquote von 44 Prozent war Nationaltorwart Andreas Wolff der Hauptgrund für den Sieg der deutschen Handball-Nationalmannschaft im zweiten EM-Hauptrundenspiel gegen Norwegen am vergangenen Samstag. Handball-EM 2026: So sehen Sie die Titelmission der DHB-Auswahl live Spielplan, Orte, Modus: Das Wichtigste zur Handball-EM der Männer in der Übersicht Entsprechend überschlugen sich Mitspieler, Trainer und sogar Gegner im Nachhinein mit Lob. Von "Wahnsinn", über "unglaublich" und "phänomenal" bis "fast Gott": Die Superlative zur Beschreibung von Wolffs Leistung reihten sich aneinander. Vor dem Matchball-Spiel um den Halbfinaleinzug gegen Gastgeber Dänemark waren sich alle einig: So eine Wolff-Leistung braucht es wieder, um die Überraschung gegen die dominanteste Mannschaft der letzten Jahre zu schaffen. Alle bis auf einen: Bundestrainer Alfred Gíslason. Der Isländer ließ Wolff gegen Dänemark nämlich völlig überraschend auf der Bank. David Späth durfte zwischen den Pfosten beginnen. Am Ende stand zwar eine gute Leistung des 23-Jährigen mit neun Paraden, jedoch trotzdem eine 26:31-Pleite. "War mir so sicher, dass Andi anfängt" Stellvertretend für die Verwunderung vieler hinterfragten die Ex-Nationalspieler Michael "Mimi" Kraus, Pascal Hens und Stefan Kretzschmar die Entscheidung des Bundestrainers nach dem Spiel in ihrem Podcast "Harzblut". "David Späth hat ein gutes Spiel gemacht, aber Andi Wolff ist heiß wie Frittenfett, hatte 22 Paraden", wunderte sich etwa Kraus. "Ich war mir so sicher, dass Andi anfängt und das Ding komplett zunagelt von Anfang bis Ende." Hens hinterfragte die Entscheidung vor allem in Bezug auf das Signal, das Gíslason damit an den Gegner Dänemark gesendet habe: "Auch die Dänen wissen, der Wolff hat gegen Norwegen 22 Dinger gehalten, und denken: 'Hoffentlich haut der gegen uns nicht auch so einen raus.' Dann kommen die auf das Spielfeld und Wolff sitzt auf der Bank." Schlechtes Zeichen für die Mannschaft? Kretzschmar betonte zwar: "Am Torwart lag es nicht, David Späth hat ein starkes Spiel gemacht", er sah das Problem aber in dem Signal, das die Entscheidung an die eigene Mannschaft sende: "Die Frage für mich ist, und das ist leider ein bisschen scheiße, was ist das für ein Zeichen?", so Kretzschmar. "Wie nehme ich das als Mannschaft auf, wenn das jetzt passiert? In einem der alles entscheidenden Spiele, wo Andi Wolff aus einem 22-Paraden-Spiel kommt." Hens schlug in eine ähnliche Kerbe: "Das ganze Turnier über, ist er die Nummer eins und dann hast du die erste Chance, ins Halbfinale einzuziehen und auf einmal hast du einen anderen Torhüter drin. Da denkst du doch im ersten Moment: warum, wieso, weshalb?", vermutete auch er. "Andi hat oft nicht gut gegen Dänemark gespielt" Zu genau diesen Fragen bezog Bundestrainer Gíslason nach Abpfiff in der Interviewzone der Jyske Bank Boxen von Herning Stellung. "Wir haben abgesprochen, dass David gegen Dänemark spielt", leitete er seine Ausführungen ein. Der erste Grund sei eine Lehre aus den vergangenen Spielen gegen die Dänen gewesen: "Andi hat oft nicht gut gegen Dänemark gespielt", erinnerte Gíslason. Hauptgrund für die Entscheidung seien aber die verschiedenen Stärken Wolffs und Späths gewesen. Während Wolff häufig aus der Nahdistanz glänze, habe Späth bei Rückraumwürfen Vorteile. "Wenn man die Dänen kennt, dann kommen da ziemlich viele Würfe aus dem Rückraum", so seine Analyse. Auch die Belastungsteuerung habe eine Rolle gespielt: "Vor allem hat Andi viel gespielt in letzter Zeit, auch sehr gut gespielt." Schon im letzten Spiel sei ihm empfohlen worden, Wolff eine Pause zu geben, das sei für ihn aber nicht infrage gekommen. Nun holte er das nach: "Man muss halt diese Last auch auf die anderen verteilen und wir vertrauen David sehr. Die beiden sind super. Also habe ich überhaupt keine Angst gehabt, dass David Leistung bringt", so Gíslason. Am ARD-Mikrofon betonte er fast väterlich: "Ich bin sehr stolz auf die Leistung von David Späth." Gíslason tauschte auch auf Außen Doch nicht nur auf der Torhüterposition traf Gíslason eine ungewöhnliche Entscheidung. Die bisherigen Stammspieler auf den Außenpositionen, Lukas Zerbe und Lukas Mertens, strich der Bundestrainer gegen Dänemark komplett aus dem Spieltagskader. Stattdessen setzte er auf Rune Dahmke und Mathis Häseler, die bislang im Turnier kaum Einsatzzeiten gesammelt hatten. Für Dahmke brachte Gíslason zudem zeitweise mit Jannik Kohlbacher einen Spieler auf die Platte, der eigentlich Kreisläufer ist. "Beide haben bei sieben Spielen in zwei Wochen mehr oder weniger 60 Minuten gespielt", erklärte Gíslason in Bezug auf Zerbe und Mertens. "Beide kamen aus dem letzten Spiel mit Muskelverhärtungen", so Gíslason weiter. "Beide waren an einem Punkt, wo ich Angst hatte, dass sie sich verletzen", wurde er in der ARD deutlich. "Klar, hätte ich die aufstellen und sagen können, ihr müsst spielen, aber ich habe auch nichts davon, wenn beide mit Zerrungen ausfallen würden." Stattdessen habe er seine beiden Stamm-Außen lieber im nächsten Spiel gegen Frankreich frisch haben wollen. Das habe aber wiederum nichts damit zu tun gehabt, dass er auf bessere Siegchancen gegen Frankreich gepokert habe. "Ich dachte einfach, es wäre sinnvoll", sagte Gíslason. Zudem habe er volles Vertrauen in die Ersatzleute gehabt und sie hätten ihre Aufgabe gut erfüllt.

