Handball-EM 2026: DHB-Start in "Todesgruppe" gegen Sensation aus Portugal
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Zum Auftakt in die EM-Hauptrunde muss das DHB-Team gegen Portugal bestehen. Die schafften gerade erst eine Sensation – und wissen, wie man auch Deutschland schlägt. Aus Silkeborg berichtet Nils Kögler Als im 42 Kilometer entfernten Herning die Sensation geschah, saß die deutsche Handball-Nationalmannschaft gerade noch gemütlich in einem Restaurant in der Nähe des Mannschaftshotels im dänischen Silkeborg. Nach der überstandenen Vorrunde kam die DHB-Auswahl zu einem Mannschaftsabend zusammen, genehmigte sich das ein oder andere Steak – und starrte gleichzeitig genauso gebannt auf die Handybildschirme wie der Rest der Handball-Welt. In der Jyske Bank Boxen, eigentlich eine rot-weiße Festung, verlor die dänische Handball-Nationalmannschaft zeitgleich nämlich erstmals seit zwölf Jahren wieder ein Spiel. Handball-EM 2026: So sehen Sie die Titelmission der DHB-Auswahl live Spielplan, Orte, Modus: Das Wichtigste zur Handball-EM der Männer in der Übersicht Gegen beinhart agierende Portugiesen musste sich der Olympiasieger und Weltmeister am Ende mit 29:31 geschlagen geben. Der Sensations-Sieg gegen den EM-Gastgeber sicherte den Portugiesen den ersten Platz in Gruppe B – und wirbelte damit auch die deutschen Planungen durcheinander. Den Gruppensieg der Dänen und den damit verbundenen Hauptrundenauftakt gegen die EM-Gastgeber hatte die DHB-Auswahl nämlich eigentlich fest eingeplant. Stattdessen trifft die deutsche Mannschaft mit Portugal nun zunächst auf einen Gegner, mit dem sie noch eine Rechnung offen hat. Spieler und Verantwortliche wissen um die Gefahr. Vorbereitung musste umgestellt werden "Ja, wir haben damit gerechnet, dass Dänemark der nächste Gegner sein würde", sagte Bundestrainer Alfreð Gíslason unumwunden auf einer Pressekonferenz am Mittwoch. Die überraschende Niederlage der Dänen beeinflusste dabei auch seine eigene Vorbereitung beim Videostudium. "Ich habe mich bis zu dem Ergebnis auf Dänemark konzentriert. Es hat mich einige Stunden Arbeit gekostet, auf Portugal umzuschalten", gab der 66-Jährige zu. Die Aussagen des Bundestrainers unterstrichen nochmal, was für eine Herkulesaufgabe Portugal am Vorabend bewältigt hatte. Gebraucht hat es diesen Erfolg aber nicht, damit die deutsche Mannschaft gewarnt ist. Sie hat schließlich ihre eigenen Erfahrungen mit der Stärke der Portugiesen gemacht. Fast genau ein Jahr ist es her, da schaltete Portugal die DHB-Auswahl bei der Handball-WM im Viertelfinale aus. Das Match war ein echter Krimi, erst in der Verlängerung mussten sich die Deutschen mit 30:31 geschlagen geben. Ein halbes Jahr nach dem Gewinn der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen von Paris war es ein herber Rückschlag für Deutschland. "Es geht weniger um Revanche" Wenn am Donnerstag (ab 15.30 Uhr im Liveticker bei t-online) zum EM-Hauptrundenauftakt das Rematch steigt, wollen die deutschen Spieler aber dennoch nichts von einer Revanche wissen. "Es geht weniger um Revanche, sondern viel mehr darum, dass wir diesen Schritt machen wollen", sagte etwa Rune Dahmke über die bevorstehende Partie. Er sieht in der Begegnung aus dem vergangenen Jahr eher einen anderen Vorteil: "Es ist immer ganz gut, wenn man schon mal in so einem Entscheidungsspiel auf so einer Bühne gegen so eine Mannschaft gespielt hat, weil man dann sieht, wie wer unter Druck reagiert und worauf sie zurückfallen." Auch Torwart Andreas Wolff glaubt an einen Lerneffekt. "Ich hoffe, dass wir daraus Lehren gezogen haben, wie wir die Portugiesen schlagen", sagte er über die Partie bei der WM. "Es war sehr unglücklich, wie wir verloren haben im letzten Jahr. Wir hatten eigentlich viele Chancen, das Spiel für uns zu entscheiden, haben es dann aber leider liegen lassen", so Wolff weiter. "Alles zu Kleinholz verarbeitet" Vor welche Aufgaben die Portugiesen sie stellen werden, ist den Spielern dabei bewusst. Die sonst so spielfreudigen Dänen um den zweimaligen Welthandballer Mathias Gidsel zermürbten die Südeuropäer vor allem mit einer sehr physischen Defensive, die auch mal hinlangte, wenn es sein musste. "Es wirkte, als ob sie gesagt hätten: Wir schlagen hinten auf alles ein, was sich bewegt", zitierte Wolff die Analyse seines Teamkollegen Dahmke auf der Pressekonferenz am Mittwoch. Dahmke selbst wiederholte seine Einschätzung kurze Zeit später in einer Medienrunde: "Die Abwehr war wirklich phänomenal", sagte er. "Da wurde alles zu Kleinholz verarbeitet, was den Neunmeterraum betreten hat. Das war manchmal vielleicht auch grenzwertig, aber es hat funktioniert." Die deutsche Offensive muss also kreative Lösungen finden, um das Abwehr-Bollwerk zu knacken. Mut wird der Mannschaft machen, dass ihnen genau das beim Vorrunden-Abschluss gegen Spanien deutlich besser gelungen ist als in den beiden Spielen zuvor. Die Offensive könnte genau zum richtigen Zeitpunkt in Fahrt gekommen sein. Die Gefahr trägt einen Namen Gleichzeitig wird sich die DHB-Auswahl gegen Portugal auch auf ihre Kernkompetenz konzentrieren müssen: die eigene kompakte Defensive. In der Offensive sind die Portugiesen nämlich ebenfalls gefährlich – und diese Gefahr trägt einen Namen: Costa. Die Brüder Martim und Francisco Costa sind zwei der größten Shootingstars der Handball-Szene. Bereits bei der WM im vergangenen Jahr wirbelten sie in der portugiesischen Offensive und auch in diesem Jahr präsentieren sie sich wieder treffsicher. Die deutsche Mannschaft ist sich der Gefahr bewusst. "Insgesamt ist es natürlich so, dass die beiden Costa-Brüder die alles überragenden Spieler bei den Portugiesen sind", sagte Wolff. "Sie sind inzwischen schon Weltstars trotz ihres jungen Alters, bringen überragende Fähigkeiten mit und leiten das Spiel", so der Torwart über den 23-jährigen Martim und den erst 20-jährigen Francisco. "Beide Brüder sind nicht nur überragende Talente, sondern haben sich sehr früh durchgesetzt und gezeigt, was sie können", ergänzte Bundestrainer Gíslason. "Sie sind beide unglaublich beweglich, explosiv und beide haben einen Super-Wurf." Dahmke präzisierte: "Sie haben sogar mit viel Kontakt immer noch ein richtiges Pfund im Arm." Es sei schwer, sich auf die Aktionen der Brüder vorzubereiten, "da sie von Positionen werfen, die man sonst nicht erwarten würde", so Dahmke weiter. "Absolute Todesgruppe" Martim Costa war es auch, der dem neuen Selbstvertrauen der portugiesischen Mannschaft nach dem Sensationserfolg gegen Dänemark Ausdruck verlieh. "Wir kennen Deutschland. Sie haben einen der besten Torhüter und eine starke Abwehr", fand er zwar zunächst lobende Worte für den nächsten Gegner, sagte dann aber den vielsagenden Satz: "Aber wir wissen, was wir zu tun haben." Die Herausforderung, der sich die deutsche Mannschaft zu stellen hat, ist also gleich zum Hauptrundenauftakt enorm. Dabei gilt jedoch bereits von Spiel eins an: Verlieren ist verboten. Denn nach dem Duell mit den Südeuropäern warten Begegnungen mit Norwegen und vor allem mit Dänemark sowie EM-Titelverteidiger Frankreich die zwei aktuell größten Brocken im Welthandball. "Das macht unsere Gruppe nicht nur wahrscheinlich zur schwersten Hauptrunde seit vielen Jahren, sondern zur absoluten Todesgruppe und verspricht Hitchcock-Klassiker im Zwei-Tages-Rhythmus", brachte es Nationalmannschaftsmanager Benjamin Chatton auf den Punkt. Deutschland wird alles geben müssen, damit die Chancen auf ein Happy End sich nicht früh in Luft auflösen.

