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„Jeder Trainer tappt zu leicht in die Vertrauensfalle.“ – Interview mit Vanja Radić

„Jeder Trainer tappt zu leicht in die Vertrauensfalle.“ – Interview mit Vanja Radić

13. Januar 2026| Marc Fasthoff

Vanja Radić ist diplomierter Sportlehrer, A-Lizenz-Inhaber und EHF Master-Coach. Aktuell trainiert der 40-Jährige den Männer-Zweitligisten Dessau-Roßlauer HV. 2022 erschien sein Buch „Handball TAKT: Moderne Methoden für spielnahes Training“ (LINK SETZEN? https://www.amazon.de/dp/3840378079?_encoding=UTF8&psc=1&ref_=cm_sw_r_ffobk_cp_ud_dp_Y3E4NSVES1JNR47KY2N1&bestFormat=true). Im Interview spricht Radić über die „Vertrauensfalle“, in die auch er selbst als Trainer immer wieder tappt und verrät, wie er versucht, diese zu umgehen … 

 

Vanja, als Trainer hat man bis zu 16 Spieler auf der Bank sitzen, aber nur sieben Spieler können gleichzeitig spielen. Inwiefern gibt es überhaupt eine richtige Aufstellung?

Es ist das höchste Ziel jedes Trainers, die beste Aufstellung zu finden. Ich glaube jedoch, dass jeder Trainer – von den Minis bis zu den ganz großen Profis in der Champions League – dabei immer wieder zu leicht in die „Vertrauensfalle“ tappt.

Was verstehst du unter einer Vertrauensfalle?

Die Vertrauensfalle beschreibt eine Situation, in der Trainer über längere Zeit starkes Vertrauen in einen bestimmten Spieler auf einer Position entwickeln. Dieses verfestigte Vertrauen führt dazu, dass Alternativen kaum Einsatzzeiten erhalten und – wenn sie spielen – unter höherem Druck und mit ungleicher Erwartungshaltung bewertet werden. Fehler des Ersatzspielers wiegen schwerer, während Leistungen des Stammspielers eher geschützt werden. Dadurch entsteht schrittweise Misstrauen zwischen Trainer und Spielern sowie innerhalb der Mannschaft, was die Entwicklung, Leistungsfähigkeit und den Teamzusammenhalt negativ beeinflussen kann.

Es gibt aber nun einmal Spieler, die besser sind als andere – das ist Fakt, oder?

Wenn eine Aufstellung gut funktioniert, lässt ein Trainer oft immer wieder diese Aufstellung anfangen. Das stimmt, aber das ändert nichts an der Vertrauensfalle. Irgendwann muss ich wechseln, weil einer meiner sechs Spieler müde ist oder sich verletzt hat oder eine rote Karte bekommt. Und wen habe ich auf der Bank, um ihn einzuwechseln? Einen Spieler, der kalt und unsicher ist, weil er mein Vertrauen vorher nicht gespürt hat. Er kommt rein und macht einen Fehler und sofort kommt eine Korrektur. Der Kapitän hat zu diesem Zeitpunkt schon drei oder vier Fehler gemacht – ohne Korrektur. Und der eingewechselte Spieler macht jetzt wieder einen Fehler oder verwirft – und dann wechselt man ihn wieder aus und sieht sich bestätigt, warum er vorher nicht gespielt hat. Und der Spieler, der vielleicht keine erfolgreiche Aktion hatte, ist in einem noch größeren Loch begraben und so geht die Spirale weiter.

Du sagst also, als Trainer vertraut man zu oft nur den gleichen Spielern – oder zu wenig seinem ganzen Kader?

Ich habe mich selbst schon bei dem Denken ertappt, das fand ich nicht schön. Und ich bin sicher, mit dieser Vertrauensfalle kämpfen alle Trainer – und durch den Leistungsdruck wird die Vertrauensfalle meistens größer. Bitte nicht falsch verstehen: Wir schenken in der Saison niemandem Spielzeit, weil wir ihn toll finden. Es ist ein Leistungssport, aber wenn deine ersten sechs Spieler nicht funktionieren, müssen die anderen eine ehrliche Chance erhalten, es gut zu machen. Und das können sie nur, wenn wir ihnen vorher schon vermitteln, dass wir ihnen vertrauen.

Wie meinst du das?

Man muss sich eine Sache immer vor Augen führen, die ich eben schon erwähnt habe: Spieler Y kommt von der Bank und macht einen Fehler, aber Spieler A hat zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich schon genauso viele Fehler oder mehr gemacht, aber das bemerken wir nicht auf die gleiche Weise. Das ist die Vertrauensfalle: Während wir bei Spieler A daran glauben, dass er das schon regelt, gehen wir bei Spieler Y davon aus, das es nichts wird – und dann wird es eben auch nichts. Es ist sehr wichtig, aus diesem Denken rauszukommen, denn als Trainer ist es meine Aufgabe, dem Spieler zu helfen. Wenn ich einen Spieler mental zerstöre, weil ich kein Vertrauen zu ihm habe, dann hat die Mannschaft das auch nicht, aber wie soll es laufen, wenn dieser Spieler muss, wenn sich der Kapitän verletzt?

Vermutlich wird das nicht funktionieren…

Interessanterweise habe ich hin und wieder erlebt, dass es genau andersherum ist. Ein Spieler, mit dem man vorher unzufrieden war, der seine Leistung nicht zeigen kann, muss nach einer Verletzung reinkommen – und plötzlich kann er wieder Handball spielen. Oder wenn die Entscheidung gefallen ist, seinen Vertrag nicht zu verlängern, fängt der Spieler auf einmal an, gut zu spielen. Statt der durch fehlendes Vertrauen angespannten Beziehung zwischen Trainer und Spieler herrscht ein „Jetzt ist es auch egal“-Modus beim Spieler und das führt zu einer neuen Lockerheit. Das ist aber immer ein Risiko und darauf kann ich als Trainer schlecht bauen. Daher: Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, wissen wir, dass wir in dieser Vertrauensfalle stecken. Und das tut dem Spieler, der Mannschaft und auch dem Trainer selbst nicht gut, weil so ein festgefahrenes Denkmuster einen einschränkt.

Was wäre deine Schlussfolgerung aus diesen Gedanken zur Vertrauensfalle?

Es ist eine hohe Kunst, aus dieser Falle rauszukommen, aber es lohnt sich, denn sie ist nicht gut für das Mannschaftsklima und nicht immer erfolgsversprechend. Wir müssen uns fragen: Wie managen wir es, dass wir allen Spielern Vertrauen vermitteln? Man hat die Spieler ja geholt, weil sie Qualitäten mitbringen – und wenn sie unter einem nicht gut spielen, sollte man das hinterfragen. Ich sage: Alle Spieler brauchen die gleiche Aufmerksamkeit und die gleiche Chancen. Und der Grundstein wird immer in der Vorbereitung gelegt, weil man dort Vertrauen aufbaut.

Was ist dein Rezept für die Praxis? Denn dass es unterschiedliche Rollen in der Mannschaft gibt – Kapitän, Leistungsträger, Youngster – ist normal – ebenso wie auch die Spieler eine bestimmte Erwartung haben, wer in der Startaufstellung steht.

Wir haben eine einfache Lösung gefunden: Wir haben in der Vorbereitung alle Spiele so gestaltet, dass eine Aufstellung mit sechs Feldspielern eine Viertelstunde gespielt hat – und dann hat eine andere Aufstellung aus sechs anderen Feldspielern eine Viertelstunde gespielt. Und in der zweiten Halbzeit haben wir dann getauscht. Jeder Spieler wusste: Ich spiele diese 15 Minuten; egal, was passiert und da muss ich jetzt durch. Jeder hatte eine Verantwortung und zugleich die Sicherheit, dass er auch nicht ausgewechselt wird, wenn er Fehler macht. Nach und nach haben wir dann Spielzeiten punktuell vergrößert, aber wir haben immer Aufstellungen getauscht. Ich war am Ende der Vorbereitung begeistert von diesem Modell, weil so alle Spieler Vertrauen gespürt haben und sich zeigen konnten.

Das klingt … unorthodox

Wir sind weggegangen von dem Gedanken, dass eine Mannschaft in der Vorbereitungsphase Siege für viel Selbstvertrauen braucht, um gut in die Saison zu starten. Wir haben es mit unserem Modell geschafft, sehr viel positive Dinge rauszuholen und uns breit aufzustellen. Dadurch ist ein großer Konkurrenzkampf entstanden, aber es ist ein sehr positiver Konkurrenzkampf. Jeder Spieler ist ein kleinerer oder größerer Egoist, das gehört zum Menschsein, aber die Spieler haben es sich gegenseitig gegönnt und haben versucht, mit der eigenen Leistung zu überzeugen, weil sie wussten: Jeder kann sich zeigen. Jeder bekommt eine Chance. Wir sind damit sehr gut gefahren, das beste Beispiel ist unser Torwartduo.

Inwiefern?

Philip Ambrosius ist über 30 Jahre alt und gehört in der 2. Bundesliga zu den besten Torhütern der Liga. Er ist ein markantes Gesicht, man verbindet Dessau mit ihm. Janik Patzwaldt bildet mit ihm ein Team, er ist erst 24. Die beiden haben sich auch menschlich gefunden, es passt zwischen ihnen, und wir machen es so: Ambrosius fängt alle Heimspiele an, Patzwaldt alle Auswärtsspiele. Das ist richtig, richtig gut. Wir haben das die Hinrunde durchgezogen, das war sehr positiv für die Entwicklung von beiden Jungs und ist auch sehr positiv von der Mannschaft aufgenommen worden.

Auch das klingt eher ungewöhnlich …

Jeder Torwart hatte eine klare Aufgabe und wir wussten: Wenn einer ausfällt, wird der andere funktionieren, denn er spürt ja das gleiche Vertrauen. Wenn wir immer nur mit Ambrosius als erfahrenem Torwart angefangen würden und Patzwaldt sitzt zwei Jahre auf der Bank, wissen wir nicht, was passiert, wenn Ambrosius sich verletzt. Die Situation jetzt hat beiden den Ansporn gegeben, mehr zu machen. Es war der Deal, dass sich einer auch den zweiten Startplatz erarbeiten kann, wenn er es schafft, zu dominieren, aber dazu kam es nicht. Wenn einer mal nicht performt, wechseln wir natürlich im Spiel, aber dass einer zwei oder drei Spiele gar nicht performt, hatten wir nicht – und darüber bin ich sehr froh.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es geht eigentlich gar nicht darum, welche sieben Spieler am Anfang spielen, sondern allen Spielern sein Vertrauen zu zeigen, damit man auch wirklich 16 Spieler zur Auswahl hat, die ihre Leistung bringen können?

Man gewinnt nicht jedes Spiel nur mit den besten Spielern auf dem Feld. Es gehört so viel dazu, weil die Sportart so komplex ist. Du kannst dir so viele Gedanken machen, wie du willst und alles versuchen, aber am Ende entscheidet ein Wurf, der gegen den Pfosten geht, ob das Spiel gut oder schlecht ausgeht. Du brauchst auch manchmal einfach Glück.

Worauf kommt es generell im Umgang mit den Spielern – mit Blick auf das Thema Aufstellung bzw. Einsatzzeiten – an?

Als Trainer verbringen wir so viel Zeit in der Halle mit den Jungs – und wenn eine komische Stimmung herrscht, weil Spieler unzufrieden sind, fand ich persönlich das immer anstrengend. Wenn jeder aber weiß, warum er gerade nicht spielt oder der andere mehr spielt oder was für Chancen er bekommen wird, ist das gut. Als Trainer muss man dabei aber die Wahrheit sagen und darf keine Angst vor einem offenen und ehrlichen Gespräch haben. Es kostet Energie, sich immer wieder mit den Spielern, ihren Ansprüchen und den Problemen auseinanderzusetzen, aber man muss bereit sein, sich auf solche Gespräche einzulassen.

Du arbeitest mit Profispielern, die du oft selbst verpflichtet hast. Trainer im Amateurbereich haben diesen Luxus nicht immer, sondern müssen mit den Spielern arbeiten, die da sind, die in die Umgebung ziehen oder einfach schon ewig im Verein sind. Was ändert das?

Das kann natürlich zu gewissen Schwankungen in der Leistungsdichte einer Mannschaft führen, aber es ist trotzdem wichtig, Rollen für die Jungs zu finden, ihnen Rollen zu geben, ihnen Rollen zu schenken, die ihre Wertschätzung steigern. Und ich muss fair sein: Wenn jemand, der nicht geradeaus laufen kann, bei mir in der Oberliga-Mannschaft spielen will, weil wir die einzige Herrenmannschaft im Verein sind, muss ich ihm sagen, dass er bei mir keine Spielzeit bekommen.

Wenn es „nur“ darum geht, dass ein Spieler leistungsmäßig gegenüber seinem Positionskollegen abfällt, kann man als Trainer eventuell kreativ werden. Vielleicht versteckt sich ein Siebenmeterwerfer-Talent oder ein Abwehrspezialist in einem Spieler, den ich ansonsten nicht so stark einschätze – oder er kann Überzahlsituationen auf der Mitte viel besser lösen als der Kapitän, der sonst der Stammspieler auf der Mitte ist. Wenn ich es schaffe, ihn für seine Rolle zu stärken und ihm für diese Momente die Aufmerksamkeit schenke, tut das sowohl seinem Selbstbewusstsein als auch der Zusammengehörigkeit des Teams gut.

Und so finde ich vielleicht auch einen Weg aus der Vertrauensfalle, weil der Spieler, dem ich vorher nicht so viel zugetraut habe, nach und nach aufblüht, weil er ein gewisses Vertrauen spürt. Und generell muss mein Stamm-Rückraumspieler nicht 60 Minuten durchkeulen – fünf Minuten kann man ihn entlasten, um ihm verletzungs- und leistungsprophylaktisch eine Pause zu geben und zugleich einen anderen Spieler aufzubauen.

Die Atempause ist nur ein Grund für einen Wechsel. Oft wird gewechselt, wenn etwas nicht geklappt hat. Wie kann es gelingen, dass ein Wechsel nicht als Strafe empfunden wird?

Es ist wichtig, den Sportler nicht einfach liegen zu lassen. Wir sind als Trainer vielleicht frustriert und wollen mit dem Wechsel durchgreifen, aber der Spieler ist auch unzufrieden mit sich selbst, mit der Welt und mit allem Drum und Dran. Dann muss ich als Trainer einen Weg aufzeigen, wie er eine Situation besser lösen kann. Damit meine ich übrigens nicht, dass es keinen Anschiss geben darf. Das gehört auch dazu, wenn ein Spieler zum Beispiel in Überzahl den Wurf über einen Doppelblock nimmt (schmunzelt).

Du sagtest mit Blick auf eure Vorbereitung, dass sich jeder habe zeigen können. Nun sind wir aktuell mitten in der Saison. Was wäre dein Tipp für die aktuelle Periode, wie ein Trainer seinen Spielern diese Möglichkeit geben kann?

Sich im Training überwinden und den Spielern, die vielleicht nicht so im Fokus standen, die Chance eröffnen, immer wieder mit der „ersten“ Aufstellung zu spielen. Natürlich kristallisiert sich irgendwann eine erste Sechs heraus, aber als Trainer kannst du im Training den Mut haben und das brechen. Wir spielen fast immer mit „gemischten“ Teams. Man muss nicht alles verändern, es macht schon viel, wenn man nur den Mittelmann, den Rückraumlinken oder den Kreisläufer tauscht. So baue ich immer wieder andere Spieler ein und will ihnen damit Selbstvertrauen geben.

Während im professionellen Bereich eine genaue Kaderplanung vorgenommen wird, kann es im Amateurbereich positionsmäßig auch mal eine gewisse Unausgewogenheit im Kader geben. Was hat das für Folgen?

Ich habe früher selbst im Amateurbereich gearbeitet, sowohl im Nachwuchs- als auch Erwachsenenbereich und das ist dort sicherlich eine herausfordernde Aufgabe. Sie ist trotzdem ziemlich einfach zu lösen: Es ist wichtig, sich mit der großen Gruppe hinzusetzen und Ziele zu formulieren. Die Ziele sind für eine Amateurgruppe viel wichtiger als für eine Profimannschaft, denn für Profis ist es selbstverständlich, warum sie im Training sind. Im Amateurbereich wissen die Spieler das oft nicht – oder es unterscheidet sich extrem (lacht). Einer will abnehmen, einer will lieber eine Flasche Bier mehr trinken, einer hat immer schon in der 1. Mannschaft gespielt, einer ist wegen seinen Freunden da und einer will unbedingt aufsteigen: Das ist mitunter eine wilde Mischung, die oft der Stimmung nicht hilft. Wenn man jedoch klar gesprochen hat, was die Mannschaft will, welches Ziel sie verfolgt, wird daraus klar, was das für die Aufstellung bedeutet. Die Vertrauensfalle gibt es dort auch mitunter auf anderer Ebene.

Wie meinst du das?

In vielen Amateurvereinen sind die Eitelkeiten manchmal zu groß. Ein Spieler will nicht in die zweite Mannschaft gehen und Trainer oder Abteilungsleitung haben Angst, ihm das vorzuschreiben, weil er eine Vereinslegende ist und es ohne ihn bestimmt nicht geht. Also spielt er weiter in der ersten Mannschaft, ist dort in seiner Rolle als Alphatier, an der er festhält, eigentlich ein Störfaktor – und die, die vielleicht Legenden werden könnten, gibt man keine Chance. Daher spielen die Ziele vom Verein und die Teamziele eine riesige Rolle.

Was wäre dein Tipp, wie man die Situation gut löst, wenn man wirklich drei oder vier Spieler auf einer Position hat?

Wenn alle da sind, gibt es einen Konkurrenzkampf – und man wird sehen, wer sich durchboxt. Es kristallisiert sich oft heraus, wer die Nummer Eins ist, das ist der beste Spieler. Die anderen kämpfen dann aber trotzdem um die Nummer Zwei. Da kann ich nach Trainingsbeteiligung gehen oder verschiedene Wettkämpfe im Training machen, wo zum Beispiel die Wurfquote stimmen muss. Wichtig ist, dass jeder seine Chance kriegt. Wenn ich einem Spieler sage, dass ein anderer auf seiner Position besser ist, wird er das zunächst wahrscheinlich erst einmal nicht akzeptieren. Also muss man ihm die Möglichkeit geben, sich zu zeigen, aber unter ähnlichen Bedingungen. Wenn ich einen Spieler ohne Vorbereitung im Spiel nach 40 Minuten bringe, er ist kalt und unsicher und es funktioniert nicht, dann denke ich als Trainer schnell: Siehst du, ich wusste es. Dabei ist die Situation unfair. Ich habe Klarheit immer gemocht. Wenn jemand nicht so weit ist, muss man ihm auch empfehlen, woanders hinzugehen oder in die zweite Mannschaft zu wechseln.

Was ist im Jugendbereich in diesem Punkt vielleicht anders?

Im Jugendbereich spielt leider der Egoismus von Trainern zu oft eine Rolle, die unbedingt gewinnen wollen. Es ist natürlich richtig, gewinnen zu wollen, das wollen die Spieler ja auch, aber nichtsdestotrotz geht es um die Ausbildung und Weiterentwicklung. Diese Räume müssen wir als Trainer schaffen. So viele Talente sind untergegangen, weil sie Spätentwickler waren und Trainer andere Spieler vorgezogen haben, weil sie größer oder stärker waren. Wenn ein kleiner, flinker Spieler körperlich nicht in die 6:0-Abwehr zu passen scheint, muss man vielleicht mal taktisch umstellen oder bereit sein, auch mal ein, zwei Tore mehr zu kassieren, damit der Spieler es lernen kann. Oft passiert das nicht einmal, weil nur wir wissen, dass er abwehrschwächer ist und wir ihm nicht vertrauen – und der Gegner nimmt das gar nicht wahr, weil er überfordert ist, stur sein System spielt oder das Spiel so dynamisch ist, dass es gar nicht dazu kommt. Die meisten Tore kassiert man in der Regel über den vermeintlichen Abwehrspezialisten, weil der dort steht, wo am meisten angegriffen wird (lacht).

Was hättest du gerne am Anfang deiner Trainerkarriere gewusst, was du erst hast lernen müssen?

Die Vorbereitungsphase vernünftig zu nutzen, um Vertrauen und Entwicklung zu schenken statt zu glauben, dass man sich auf sechs, sieben Mann beschränken muss, damit die Vorbereitung vermeintlich gut läuft. Es ist viel sinnvoller, die Spielzeiten vernünftig aufzuteilen, um den Entwicklungsprozess zu forcieren und eine Mannschaft zu entwickeln, die mit einem breiten Kader in die Saison geht. Wenn ein Trainer ehrlich zu sich selbst ist, wird er sehen, dass auch er in der Vertrauensfalle tappt. Das ist menschlich. Als ich diese Schwäche bei mir entdeckt habe, hat sie mir keine Ruhe gelassen, weil es unfair ist. Ich mag Harmonie in der Mannschaft und das kann ich nur durch ehrliche Arbeit und eine ehrliche Chancenverteilung erreichen.

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