„Wir wollen Mehrwert stiften – nicht nur sportlich“
„Wir wollen Mehrwert stiften – nicht nur sportlich“
11. Januar 2026
„Wir wollen Mehrwert stiften – nicht nur sportlich“ Interview mit Philip Deinet, Manager des TV Gelnhausen
Trotz Verletzungspech und immer wieder auftretender Krankheitsausfälle überwintert der TV Gelnhausen erneut in der Spitzengruppe der Liga. Doch beim TVG geht es längst um mehr als Tabellenplätze: Strukturen werden professionalisiert, die Jugendarbeit gestärkt, neue Mitstreiter gewonnen. Zudem ist es dem TVG gelungen, einen klaren Rahmen zu schaffen, wie der Verein über den Sport hinaus Verantwortung übernehmen will. Im Interview spricht Manager Philip Deinet über die Hinrunde, die Entwicklung des TVG als „Motor der Region“, den Weg Richtung Zukunft – und darüber, warum beim TVG Werte und Haltung immer die Grundlage bleiben.
Philip, trotz zahlreicher Verletzter überwintert der TV Gelnhausen in der 3. Handball-Liga Süd-West erneut auf dem zweiten Tabellenplatz und scheint sich unter den Top-Teams der Liga etabliert zu haben. Wie fällt dein Hinrunden-Fazit aus?
Wir sind mit dem Ziel in die Saison gegangen, gut zu starten und möglichst verletzungsfrei zu bleiben. Das hat leider nicht geklappt – gerade bei Spielern wie Akos Csaba, der in der Vorbereitung einen richtig guten Lauf hatte und nun schon lange ausfällt, oder bei Leon David, der ebenfalls länger fehlt. Dazu kamen immer wieder Krankheitsausfälle.
Foto: Peal GmbH
Umso mehr freut es mich, dass der Saisonstart trotzdem sehr gut funktioniert hat. Aus meiner Sicht sind wir überragend in die Saison gestartet, haben tolle Spiele gezeigt und im Laufe der Hinrunde auch starke Ergebnisse geliefert. Man sieht, dass die Mannschaft fit ist und bis zur letzten Minute Vollgas geben kann – wie in den vergangenen Jahren auch. Das macht Hoffnung für die Rückrunde. Cheftrainer Matthias Geiger hat dabei einen sehr guten Job gemacht: Er musste ständig Trainingssituationen mit wenigen Spielern jonglieren und hat das hervorragend gelöst.
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Landrat Thorsten Stolz hat kürzlich im Rahmen der Netzwerkveranstaltung „Sport meets Business“ die Entwicklung des TVG in den höchsten Tönen gelobt und ihn als „Motor der Region“ bezeichnet. Was bedeutet dem TVG diese Aussage?
Dass unser Landrat den TV Gelnhausen als „Motor der Region“ bezeichnet, ist eine Riesenehre. Und es ist genau das übergeordnete Ziel, das wir anstreben. Wenn das bereits jetzt so wahrgenommen wird, ist das eine schöne Bestätigung unserer Arbeit. Gleichzeitig ist es aber auch eine große Verpflichtung: Wir wollen weitere Schritte in diese Richtung gehen, uns noch stärker als Motor der Region etablieren und einen echten Mehrwert für den Main-Kinzig-Kreis, die Stadt und die Gesellschaft rund um Gelnhausen darstellen. Je besser uns das in Zukunft gelingt, desto größer sind auch die Chancen auf sportlichen Erfolg.
Apropos sportlicher Erfolg: Das Thema Aufstieg in die 2. Bundesliga wird im Umfeld immer offensiver besprochen. Setzt euch das unter Druck oder ist es eher Ansporn?
Weder Druck noch Ansporn – eher Realismus. Als das Thema vergangene Saison mit der Aufstiegsrunde aufkam, haben wir klar gesagt: Dafür müssen wir erst die Voraussetzungen schaffen – infrastrukturell, organisatorisch und strukturell. Und das geht nicht allein, sondern nur als Gemeinschaftsprojekt mit vielen Beteiligten: dem Main-Kinzig-Kreis, der Stadt Gelnhausen, Unternehmen, den umliegenden Vereinen, unserem Hauptverein und weiteren Partnern. Da wirken unfassbar viele Dinge zusammen. Wir arbeiten daran, diese Voraussetzungen zu schaffen. Aber wir sagen nicht, dass wir diesen Schritt unbedingt in einer bestimmten Anzahl von Jahren machen müssen. Es geht darum, die Basis zu legen. Daran arbeiten wir täglich – und wir spüren dabei auch die Unterstützung der Region. Das motiviert uns sehr.
Der TVG wird zunehmend als Identifikationspunkt für die Region wahrgenommen – sportlich, gesellschaftlich, emotional. Spürt ihr diese Verantwortung?
Ja, wir spüren diese Verantwortung. Aber das ist auch genau das, was wir uns vorgenommen haben. Wir haben vor zwei Jahren ein Konzept erstellt, unser Leitbild überarbeitet, wieder intensiv über Werte gesprochen und das Ganze in eine Vision gegossen. Dadurch arbeiten wir heute nach einem klaren Plan mit konkreten Zielen. Für uns ist der Sport wichtig, aber er ist nicht das Einzige. Ein Sportangebot für Kinder und Jugendliche bereitzustellen, dabei Werte und Haltung zu vermitteln und darüber hinaus mit unterschiedlichsten Aktionen einen Mehrwert für das gesellschaftliche Miteinander in der Region zu schaffen – das ist der Kern unserer Vision. Dafür stehen wir ein, wohlwissend, dass wir hier noch viel Luft nach oben haben. Es wäre zu kurz gedacht, zu glauben, dass man dieser Verantwortung nur mit einem Aufstieg gerecht werden kann. Wir wollen es bewusst andersherum angehen.
Die Folge ist, dass der TVG auch strukturell investiert – in Jugendarbeit, Geschäftsstelle, Öffentlichkeitsarbeit und neue Funktionen. Warum ist es dem TVG so wichtig, den Verein ganzheitlich weiterzuentwickeln?
Wenn man nur den Fokus auf sportlichen Erfolg legt und dann wichtige Spieler verletzt sind oder andere Probleme im sportlichen Umfeld auftreten, kann es schnell passieren, dass von einem Verein nicht mehr viel übrigbleibt. Darum ist es aus unserer Sicht essenziell, auch andere Bereiche zu stärken. Wir wollen immer wieder Talente aus der eigenen Jugend an die erste Mannschaft heranführen. Je höherklassiger wir spielen, desto schwieriger wird das. Dafür braucht es Quantität, Qualität, Bindung an den Verein, eine gewisse Reputation und ein Umfeld, das für Spieler aus der Region attraktiv ist. Aber selbst das reicht noch nicht: Am Ende muss die ganze Region Handball leben.
Gab es einen Moment oder eine Phase, in der klar wurde: Wenn wir den nächsten Schritt gehen wollen, müssen wir uns auch organisatorisch neu aufstellen?
Diese Momente gab es mehrfach – und sie werden auch wiederkommen. Einer der ersten Punkte war, als wir gesagt haben: Wenn wir in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Marketing vorankommen wollen, brauchen wir Expertise. Dann haben wir mit Thomas Tamberg einen absoluten Vollprofi gefunden, der nicht nur mit vollem Herzblut dabei ist, sondern mit seiner Erfahrung und seiner Art ein zentraler Treiber der jüngeren Entwicklung rund um den TVG ist. Bei mir selbst gab es den Punkt: Gehe ich ins Hauptamt oder nicht? Es wurde klar, dass die Aufgaben nebenbei nicht mehr mit der nötigen Qualität zu stemmen sind. Danach haben wir die sportliche Leitung unter der Führung von Sergej Budanow und mir neu aufgestellt und weitere Trainer und Betreuer stärker in Verantwortung genommen. Dazu kommt nun die neue Geschäftsstelle, die kurz vor der Fertigstellung steht. Yvonne Uttrilas und Jannik Ruppert sind dazugekommen, weil die stetig wachsenden Vereinsprojekte sonst nicht mehr zu leisten wären. Ergänzt wird das durch Praktikanten und Studierende. All das sind notwendige Erweiterungen, um mit der Bewegung Schritt zu halten, die wir selbst angestoßen haben.
Auch die Jugendarbeit beim TVG wurde neu gedacht. Was war der entscheidende Gedanke hinter diesem Neustart – und was unterscheidet den heutigen TVG-Nachwuchs von früher?
„Neu gedacht“ ist eigentlich nicht ganz korrekt. Wir haben die Jugend nicht neu erfunden, sondern uns wieder auf alte Werte und Prinzipien konzentriert. Als vor rund neun Jahren Trainer Andreas Kalmann zurückgetreten ist, rückte unter anderem mit Peter Jambor und Matthias Geiger viel Expertise aus der Jugend plötzlich in die erste Mannschaft. Dadurch fehlte Jugendkompetenz, während gleichzeitig die Aufgaben bei der ersten Mannschaft und der GmbH gewachsen sind. Was wir jetzt gemacht haben: Wir haben Werte und Strukturen wieder in den Mittelpunkt gerückt und die Organisation breiter aufgestellt, dass so etwas nicht so einfach noch einmal passieren kann. Fragen wie: Wie ist meine Einstellung zum Training? Wie gehe ich mit Niederlagen um? Was bedeutet Verantwortung? Genau diese Mentalität, die einen TVG-Spieler ausmacht, haben wir wieder ins Zentrum gestellt – mit einem neuen Konzept, aber auf Basis bewährter Werte.
Wie wichtig ist es aus deiner Sicht, dass Nachwuchsförderung nicht nur sportlich, sondern auch menschlich und werteorientiert funktioniert?
Das ist entscheidend. Das Sportliche ist wichtig, aber es ist wertlos, wenn die Werteentwicklung nicht stattfindet. Vereinsarbeit ist nicht nur dafür da, Sport zu vermitteln. Es geht darum, Menschen fürs Leben zu stärken: Resilienz, Teamfähigkeit, gewinnen und verlieren können, eine gesunde Arbeitshaltung zu entwickeln. Sportliche Entwicklung ohne dieses „Andere“ ist am Ende nur eine Hülse. Unser Auftrag ist nicht, nur gute Handballer auszubilden, sondern Menschen zu begleiten. Diesen Fokus hat Sergej Budanow schon vor über 25 Jahren in den Verein gebracht und er wird nicht müde immer wieder genau das einzufordern und zu begleiten, wenn es notwendig wird. Mit ihm haben wir einen absoluten Fachmann, dessen Expertise und Erfahrung mit nichts aufzuwiegen ist.
Welche Rolle spielt für dich dabei eine klare Haltung und Vision, damit alle an einem Strang ziehen?
Eine klare Vision hilft enorm. Sie macht verständlich, wohin man will – und dann wird es leichter, den Weg zu beschreiten und auch einzuhalten. Haltung ist dabei ein riesiges Hilfsmittel. Sie sorgt dafür, dass man nicht „in den Tag hinein“ arbeitet, sondern zielgerichtet entwickelt und nicht plötzlich in eine Richtung läuft, die man gar nicht wollte. Für uns sind Mission und Haltung unfassbar wichtig.
Was bedeutet die wachsende Professionalisierung für Ehrenamtliche – ist sie Entlastung, Motivation oder auch Herausforderung?
Viele Vereine spüren, dass Ehrenamt immer schwerer zu besetzen ist. Umso hilfreicher ist es, wenn Hauptamtliche strukturell unterstützen, Planung übernehmen und Verantwortung mittragen. So liegt nicht alles auf einzelnen Schultern, und niemand hat das Gefühl: Wenn ich mal ausfalle, bricht alles zusammen. Das Hauptamt gibt Richtung und Stabilität, das Ehrenamt ergänzt, gestaltet mit und übernimmt wichtige Aufgaben – in einem Rahmen, der zu den Möglichkeiten der Menschen passt.
Der TVG konnte zuletzt einige neue Mitstreiter für Funktionen im Verein gewinnen. Was macht den TV Gelnhausen aus, dass sich Menschen hier engagieren wollen?
Wir sind sehr glücklich darüber. Viele Menschen kommen, weil sie sich in der Vision und im Alltag wiederfinden und sagen: Ich möchte Teil davon sein. Manche sagen: Ich habe eine Stunde in der Woche – dann finden wir genau dafür eine Aufgabe. Andere stemmen mit uns große Projekte in Eigenverantwortung. Viele spiegeln uns zurück: Bei euch macht das Spaß, es hat Struktur, es ergibt Sinn, der Umgang ist angenehm. Das ist für uns ein großes Kompliment. Natürlich können wir nicht jeden begeistern, aber wer sich identifizieren kann, findet hier ein kleines Vereins-Zuhause.
Was bedeutet es für dich persönlich, Teil dieser Entwicklung zu sein und sie aktiv mitzugestalten?
Die Entwicklung hat in den letzten Jahren noch einmal richtig Fahrt aufgenommen. Ich bin seit über 20 Jahren beim TVG und sehr glücklich, weiterhin ein Teil davon sein zu dürfen. Natürlich gibt es noch viele Dinge zu erledigen und zu verbessern. Aber ich freue mich sehr über den aktuellen Weg und bin dankbar, dass ich mit der Geschäftsführung um Corinna Müller und Martin Heuser sowie Sergej Budanow und Thomas Tamberg auf Führungsebene Menschen an meiner Seite habe, die die gleiche Vision teilen.
Wenn wir fünf Jahre vorausblicken: Wo soll der TV Gelnhausen dann stehen – sportlich, strukturell und gesellschaftlich?
Wir befinden uns in einer starken Wachstumsphase – mit vielen Projekten, die langfristig angelegt sind, und vielem, das noch in der Pipeline ist. Unser Hauptaugenmerk liegt darauf, all das in nachhaltige Strukturen zu gießen: zuverlässig, organisiert, mit Qualität – ohne dauerhaft „im roten Bereich“ zu arbeiten und ohne Menschen zu überfordern. Ich weiß, dass das leichter gesagt als getan ist. Gesellschaftlich ist unser Ziel, ein Anker zu sein: Ansprechpartner, Mitgestalter und Möglichmacher – in Schulen, Kindergärten und in der Region insgesamt. Wenn uns das strukturell und gesellschaftlich gelingt, wird auch der sportliche Erfolg seinen Platz finden. Ob das am Ende zweite Liga oder etwas anderes bedeutet, wissen wir nicht. Wichtig ist: Quantitative Ziele sind nicht unsere Priorität – gute Arbeit ist es.
Welche Themen werden in Zukunft noch stärker in den Fokus rücken?
Viele Themen laufen weiter: Jugendarbeit, Kooperationen mit Schulen und Kindergärten, Vereinsprojekte. Ein Punkt wird aber immer wichtiger: die Infrastruktur. Schon jetzt merken wir, dass Kapazitäten knapp sind – bei Hallenzeiten, Trainingsmöglichkeiten oder auch ganz praktischen Dingen wie der Anzahl der Duschen. Wenn man perspektivisch weiter wachsen oder irgendwann Richtung zweite Liga denken will, reichen die aktuellen Voraussetzungen nicht. Hinzu kommt: Mit weiterer Professionalisierung wächst auch der notwendige finanzielle Rahmen. Auch das sind Aufgaben, die wir Schritt für Schritt angehen müssen.
Was wünschst du dir für den TV Gelnhausen in den kommenden Jahren – unabhängig von Tabellenplätzen und Ergebnissen?
Kurzfristig wünsche ich mir eine gute Rückrunde – und vor allem, dass wir von weiteren Verletzungen verschont bleiben und die Jungs, die sich verletzt haben, wieder gesund zurückkommen und noch eingreifen können. Langfristig wünsche ich mir, dass unsere Projekte aufgehen, wir sie stabilisieren, noch mehr Mitstreiter gewinnen und weiter in die Mitte der Gesellschaft rücken – als Ansprechpartner und Möglichmacher. Wenn noch mehr Menschen sagen: „Wir wollen Teil davon sein“, wäre das für den TVG eine sehr schöne Entwicklung.
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