Interview: "Wir müssen nach vorn schauen"
Es ist nicht einfach, diesen Mann zu einem Interview zu bewegen. Christian Barth, oder auch Malte, steht nicht so gern im Mittelpunkt. Dabei wirkt der 42-jährige gebürtige Babelsberger genau im Zentrum unseres 1. VfL Potsdam. Der studierte Sportmanager hat seine ersten beruflichen Erfahrungen in einer Berliner PR-Agentur sammeln können, betreute u.a. die Pressearbeit des ISTAF und der Leichtathletik-WM, ehe er sich selbständig machte und so beim VfL landete. In Zeiten, in denen ein Krankheitsvirus den Alltag regiert und auch in Sportvereinen wie dem VfL das Leben geradezu zum Erliegen bringt, muss der Leiter der Geschäftsstelle nun aber doch mal ran und Fragen zur Situation beantworten. Da so ein Plausch gerade nicht gemütlich in einem Café stattfinden kann, setzten wir uns mit gehörigem Abstand auf eine Freiluftbank, passend zur nach Gesundung suchenden Gesellschaft vor eine Apotheke.
Normalerweise kommen Sie als Organisations- und Medienchef des VfL kaum zum Luftholen, im Moment aber geht es etwas ruhiger zu, oder?
Christian Barth: Ich will es mit einem Bild sagen: Die Maschine macht im Moment nicht ganz so viel Lärm, aber sie steht nicht still, muss ständig überwacht und an einigen Stellen geölt und gewartet werden.
Ich bin also immer angespannt, es könnte ja irgendetwas Unvorhergesehenes passieren. Und außerdem muss ich in der Geschäftsstelle und aus dem Home-Office heraus viele Dinge am Laufen halten, aufpassen, dass die Verbindungen nicht abreißen.
Geschieht im sportlichen Bereich derzeit überhaupt etwas?
Barth: Nein, der Spielbetrieb des HVB ist seit längerem schon beendet, der DHB zog mit der 3. Liga und der Jugend-Bundesliga nun auch nach. Unsere Spieler müssen sich selbst fit halten, das gilt für die Großen von der Drittligamannschaft bis hinunter zu den Minis, bei denen Angebote wie die VfL Home Challenge sehr gut ankommen.
Wird der Verein nach der Corona-Zwangspause noch so stark sein wie vorher?
Barth: Wir haben im Moment knappe 450 Mitglieder und ich denke, von der Mitgliederstärke her werden wir das halten. Es sind ja alle heiß darauf, endlich wieder in Gemeinschaft Handball spielen zu können.
Wie gefährlich ist die Krise für die Existenz des VfL?
Barth: Sie ist sehr gefährlich. Niemand weiß, wie lange die Krise andauert. Niemand weiß bislang, was danach ist und wann und in welchem Rahmen wir wieder starten können. Das Wichtigste ist, dass unsere Förderer und Sponsoren ihren Möglichkeiten entsprechend auch weiterhin zu uns halten. Sie wollen sicherlich, aber ob sie das wirtschaftlich auch noch können, ist wie unser Start in den Spielbetrieb noch eine unbekannte Variable. Wir werden zeitnah mit unseren Sponsoren die Möglichkeiten besprechen, noch intensiver zusammenzuarbeiten.
Schildern Sie die Situation etwas genauer, haben Sie zum Beispiel auch Aussicht auf Förderungen?
Barth: Unsere Geschäftsstelle, in der es zweieinhalb hauptamtliche Arbeitsplätze gibt, ist in Kurzarbeit. Entsprechende Unterstützung ist durch die ILB und dem Stadtsportbund bzw. die Stadt erfolgt bzw. wurde beantragt, weitere Anträge auf finanzielle Hilfe laufen. Wichtig wird vor allem sein, wie die Stadt Potsdam mit ihren Unternehmen zu uns und den anderen Vereinen hält. Die Stadtwerke Potsdam und die Pro Potsdam sind Grundpfeiler des Überlebens von Vereinen wie unserem. Von den Stadtwerken haben wir bereits die Zusage für die kommende Saison erhalten, das hilft uns sehr für eine gewisse Planungssicherheit. Und es könnte auch ein Signal für weitere Sponsoren sein, zu uns zu halten und mit Verträgen für die Saison 2020/21 nachzuziehen. Allen, die uns derzeit in dieser schwierigen Phase helfen, gilt unser herzlicher Dank!
Gemeinsam mit den Stadtwerken Potsdam hat der VfL gerade ein Crowdfunding, also eine Spendenaktion, erfolgreich durchgezogen. Alles oder nichts, hieß die Devise. Es kam mehr zusammen, als erhofft und die Stadtwerke haben pro Spende 10 Euro dazu gegeben. Wie sehr hilft das dem Verein?
Barth: Das hilft natürlich sehr, es kamen über 14.000 Euro zusammen. Die Aktion war eine Möglichkeit, die wir derzeit nutzen, um den Verein am Leben zu halten. Es wird und kann nicht die letzte dieser Art gewesen sein. Es zeigte uns auch, wie sehr wir im Verein zusammenhalten, Ideen einbringen und umsetzen. Dazu ist auch jedes Vereinsmitglied aufgerufen. Im aktuellen Fall stifteten die Jungs der ersten Mannschaft tolle Prämien und im Team mit unseren Spielern Robin Huntz, Jan Jochens, Philipp Jochimsen und Caspar Jacques lief die Kampagne dann wie am Schnürchen. Die Prämien waren ein sehr guter und wichtiger Anreiz und wir freuen uns schon auf die Umsetzung.
Am 25. April sollte eigentlich groß gefeiert werden.
Barth: Ja, es sollte ein ganz besonderer Tag werden. Wir wollten das 30-jährige Vereinsjubiläum mit einem Spitzenspiel gegen den HC Empor Rostock begehen. Das hätte uns ziemlich sicher eine volle Halle beschert, nicht zuletzt, weil es für die Rostocker wahrscheinlich noch um den Bundesliga-Aufstieg gegangen wäre. Sie hatten schon reichlich Karten für ihre Fans bestellt. Auch für das Spiel gegen den Dessau-Rosslauer HV am ersten Aprilwochenende lag eine Bestellung von 300 Gästekarten vor. Zudem fehlt uns das Derby gegen Oranienburg, das in jedem Jahr eine wichtige Komponente auf der Einnahmenseite darstellt. Doch alles Nachtrauern hilft nichts, wir müssen nach vorn schauen.
In der Geschichte des VfL gab es bereits eine Insolvenz-Krise, die erfolgreich gemeistert worden ist. Sie kamen damals gerade in den Verein und spannten sich mit neuen Führungsleuten wie Alexander Haase vor den im Morast festgefahrenen Karren. Gibt das Mut für anstehende Aufgaben?
Barth: Auf jeden Fall! Ich bin optimistisch, dass wir auch diese aktuelle Situation meistern. Damals haben wir Tabula rasa gemacht, alles auf den Prüfstand gestellt und nach einem Jahr die Krise überstanden. Wir verabschiedeten uns von Utopien, folgten einer neuen Strategie mit der Entwicklung des eigenen Nachwuchses. Das war einer der wichtigsten Punkte, und es hatte Erfolg. Auch waren wir durch den Aufbau einer breiten Sponsorenbasis und deren Vertrauen in unsere Arbeit nicht mehr so gefährdet. Wenn einer mal wegbricht, was aus verschiedenen Gründen auch nachvollziehbar ist, gerät nicht gleich das ganze Schiff ins Schlingern. Beides halten wir bis heute durch. Die aktuelle Männermannschaft besteht zum überwiegenden Teil aus Talenten, die an unserer Sportschule ausgebildet wurden. Auf erfahrene Akteure aus anderen Gegenden können und werden wir dabei trotzdem nicht ganz verzichten.
Gibt es Beispiele für Sponsoring, das weniger mit Geld zu tun hat?
Barth: Ja, einige. Nehmen wir nur die Öffentlichkeitsarbeit. Wir haben z.B. mit Sebastian Bauersfeld einen Grafiker, der für uns alle öffentlich wirksamen Aushängeschilder wie Plakate, Flyer, das Programmheft und vieles andere erstellt. Die Firma Scholz und Mating druckt uns all diese wichtigen Sachen. Beide nehmen keinen Cent von uns. Auch die Medien der Stadt wie die MAZ, die PNN oder Radio Potsdam und Hauptstadt.TV stehen sehr kooperativ an unserer Seite, das kann man alles nicht hoch genug bewerten. Durch sie bleiben wir präsent.
Bringt sich der Verein auch in das gesellschaftliche Leben der Stadt ein?
Barth: Natürlich, wir sehen uns seit jeher als Verein mit sozialer Verantwortung, der wir auf verschiedenen Wegen nachkommen wollen. So sind wir zum Beispiel Partner von Kultür Potsdam, die Menschen mit geringem Einkommen Kultur- und Sporterlebnisse ermöglichen. Wir arbeiten mit der Stiftung „Hilfe für Familien in Not“, dem Mukoviszidose-Landesverband oder HelpTo zusammen. Zu ihren Gunsten haben wir schon oft Trikots versteigert oder sind zur Unterstützung vor Ort. Das ist gut und sehr wichtig. Auch bei Aktionen der Potsdamer Sportfamilie sind wir natürlich immer gern dabei. Daneben betreuen wir mehr als 10 Handball-Arbeitsgemeinschaften in Schulen. Ganz aktuell ist unser großartiger Nachwuchstrainer Frank Hanisch, der derzeit mit seinen vielen Kindern nicht x-mal die Woche üben kann, als ehrenamtlicher Betreuer in der Kita "Storchennest" tätig.
Ihre Arbeit scheint sehr aufregend, aufreibend und umfangreich zu sein. Können Sie sich selbst noch sportlich betätigen?
Barth: Sportlich fit halte ich mich insbesondere mit Laufen und Radfahren. Das Rad ist in einer Stadt wie Potsdam auch das perfekte Fortbewegungsmittel. Mein Auto wurde mir vor mittlerweile sieben Jahren gestohlen, und ich habe mir kein neues besorgt. Not hatte ich also nicht, aber es ist eine gute Tugend daraus geworden. Wenn die Schwimmhalle wieder öffnet, möchte ich mich auch mal wieder schwimmtechnisch versuchen. Vielleicht klappt es ja mal mit der Kombination Schwimmen, Laufen und Fahrradfahren. Und sehr gern würde ich mal wieder einen Ultra-Lauf in den Alpen angehen.
Oh, ehe ich mich neben einer solchen Sportskanone zu sehr zu genieren beginne, breche ich hier das Gespräch lieber ab. Vielen Dank!
(Die Fragen stellte Horst Sperfeld)

