Rhein-Neckar Löwen: Von Flensburg aufgefressen (Update)
Von Daniel Hund
Flensburg. Leere Blicke, hängende Schultern: Die Handballer der Rhein-Neckar Löwen befanden sich am Montagabend um kurz nach 20 Uhr in ihrer eigenen Welt. Gedankenversunken standen sie in der Flens-Arena. Völlig geknickt von einem Spiel, in das sie so viel Hoffnung gesteckt hatten und am Ende vernichtend geschlagen wurden. Mit 20:27 (14:14) mussten sich die Gelben vor 6300 Zuschauern bei der SG Flensburg-Handewitt geschlagen geben.
Hört sich deutlich an, doch das war es eigentlich gar nicht. Schuld an der Klatsche war eine zweite Halbzeit zum Vergessen. 30 Minuten, in denen überhaupt nichts mehr zusammen lief. „Normalerweise müssen wir zur Pause schon mit ein paar Toren führen“, grübelte Löwen-Trainer Nikolaj Jacobsen, „nach dem Wechsel haben wir dann leider gar keine Lösungen mehr gefunden.“
Das Rätsel um Mikael Appelgren löste sich früh. Als rund 90 Minuten vor Spielbeginn die Aufstellungen verteilt wurden, war der Schwede mit aufgeführt. Zur Erinnerung: Zuletzt bremste den Torhüter noch ein Muskelfaserriss im Oberschenkel aus. Mit Appelgren, aber ohne Patrick Groetzki. Der Nationalspieler fehlte wegen einer Bauchmuskel-Zerrung. Für ihn rückte Bogdan Radivojevic, der Ex-Flensburger ins Rampenlicht. Dabei war Groetzki trotzdem, er gab von der Bank aus Vollgas, drückte die Daumen, pushte die Kollegen.
Und die legten los wie die Feuerwehr: Ballgewinn Mads Mensah Larsen, ein beherzter Sprint, zwei, drei Wackler, drin das Ding. Keine 40 Sekunden waren da gespielt. Ein echter Mutmacher in der „Hölle Nord“. Vorne der Däne, hinten ein Spanier und ein Serbe: Gedeon Guardiola und Ilija Abutovic rührten im Innenblock Beton an. Zwei Zwei-Meter-Riesen, die im Nahkampf keine Verwandte kennen. Flensburg schien beeindruckt, rannte an, lief sich aber fest.
Es war ein Auftakt, der Mut machte. Denn Hexenkessel hin oder her, es waren die Löwen, die stets vorlegten. Erst auf 2:0 (4.), wenig später auf 4:2 (9.). Und wer war der Auffälligste im Löwen-Rudel? Anfangs mal wieder der Älteste. Gudjon Valur Sigurdsson, 39, war in Torlaune. Beim 7:5 (15.) für die Gäste hatte der Löwen-Linksaußen schon viermal zugeschlagen. Eiskalt, dieser Isländer – und so schnell, so dynamisch.
Das Problem: Flensburg blieb dran, klebte wie eine Klette an den Gelben. Erschwerend kam hinzu, dass Kreis-Koloss Jannik Kohlbacher in der 20. Minute schon seine zweite Zeitstrafe kassierte. Kompromisslose Abwehrarbeit war ab diesem Zeitpunkt riskant, weil die Rote Karte schon so nah war. So hieß es für den Rest der ersten Halbzeit erst einmal volle Kraft voraus am gegnerischen Kreis. Also genau da, was Kohlbacher am liebsten macht: angreifen.
In die Pause ging’s mit einem 14:14. Beachtlich: In den ersten 30 Minuten lagen die Löwen nie hinten, doch das änderte sich. Kaum zurück leuchtete ein 17:15 für die Heim-Sieben von der kleinen Anzeigentafel im Flensburger Handball-Tempel (36.). Musste man sich etwa Sorgen machen? Musste man. Vorne fehlten jetzt die Ideen. Der Positionsangriff stockte. Und was macht Jacobsen in solchen Momenten? Richtig, der geht volles Risiko, opfert den Keeper für den siebten Feldspieler.
Doch es half alles nichts, denn der Einbruch hing ganz eng mit einem Mann zusammen: Benjamin Buric, Flensburgs Torhüter. Der nagelte seinen Kasten nun förmlich zu. In Zahlen: Zwischen der 30. und 50. Minute brachten es die Löwen auf mickrige drei Törchen. Meisterlich ist anders.
Jacobsen sieht das offenbar ähnlich, umschreibt es aber eleganter. „Momentan“, murmelte der Däne zerknirscht, „momentan müssen wir einfach akzeptieren, dass es da drei Mannschaften gibt, die besser sind als wir.“
Zeit zum Durchschnaufen haben die Löwen nicht. Nach Flensburg ist vor Veszprem: Schon morgen um 19 Uhr empfängt die Jacobsen-Sieben das ungarische Spitzenteam in der Mannheimer SAP Arena – der ganz normale Termin-Wahnsinn eines deutschen Champions-League-Teilnehmers.
Spielfilm: 0:2, 2:2, 2:4, 5:5, 5:7, 9:9, 10:12, 14:14 (Halbzeit), 14:15, 17:15, 21:17, 25:19, 27:20 (Endstand).
Flensburg: Hald 1, Glandorf 3, Svan 2, Wanne 5, Jondal 6/4, Johannessen 3, Gittfridsson 4, Lauge 3.
Löwen: Schmid 6/2, Sigurdsson 5/2, Radivojevic 3, Mensah Larsen 2, Petersson 3, Kohlbacher 1.
Update: 19. November 2018, 22.07 Uhr

