Handball-Bundesliga: Löwen hoffen auf Flensburger Ausrutscher
Von Tillmann Bauer
Mannheim. Es hatte sich bereits angedeutet. Der Druck, er war schon vor dem Spiel da. Und er wurde größer. Mit jeder Minute, in der die Partie gegen die MT Melsungen offen blieb, wuchs er an. Am Ende war die Last zu schwer und erdrückte den Deutschen Meister. Die Rhein-Neckar Löwen konnten auch das dritte Bundesliga-Spiel in Folge nicht gewinnen. Eine 23:24-Niederlage, die Meisterschaft wohl verspielt. Ein bitterer Abend, eine ganze Stadt in Schockstarre.
Unmittelbar vor Schluss flammte für einen kurzen Moment noch einmal Hoffnung auf. In der allerletzten Minute. Man konnte noch so schlecht gespielt haben, die Chance auf ein Unentschieden, sie war da. Löwen-Torwart Andreas Palicka hatte gehalten, die Löwen machten sich noch einmal auf den Weg in die Offensive. 23:24 stand es da bereits, 30 Sekunden vor Spielende. Man wusste, ein Unentschieden wäre vorerst kein Beinbruch gewesen. Zu gut war das Torverhältnis der Mannheimer. 9000 euphorische Fans peitschten die Gelbhemden nach vorne, Regisseur Andy Schmid dirigierte noch ein letztes Mal das Angriffsspiel. Doch zustande kam nichts, keine klare Wurfchance, kein Löwe wollte Verantwortung übernehmen. Also machte es eben wieder Schmid selbst - und scheiterte letztendlich am überragenden Melsunger Torhüter Nebojsa Simic mit der letzten Aktion des Spiels. Aus, vorbei, Meistertraum ausgeträumt.
Man spürte, dass die Angst groß war, zu verlieren. Noch vor zwei Wochen setzte niemand auch nur einen Euro darauf, dass diese Löwen patzen werden. Zu selbstsicher traten sie auf, zu dominant war die Spielweise. Doch dann verlor man bei den Füchsen Berlin, gab einen Punkt beim HC Erlangen ab. Und muss nun eine der bittersten Niederlagen der letzten Jahre einstecken. In der heimischen SAP Arena hatte man verloren, mit den Zuschauern im Rücken, die erste Heimniederlage in dieser Saison. Und das, zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.
"Der Druck ist nach den letzten beiden Spielen einfach enorm geworden", suchte Oliver Roggisch im Bauch der Arena nach Erklärungen, "es aber nur darauf zu schieben, wäre jetzt zu einfach." Diese Belastung machte gerade Schmid zu schaffen, dem wohl besten Mittelmann der Welt. Er konnte nur am Anfang des Spiels seine Klasse zeigen und Kreisläufer Hendrik Pekeler mit Sahnepässen bedienen. In der entscheidenden Phase versagten aber auch ihm die Nerven. Die ausgelassenen Würfe frei vor dem Melsunger Tor häuften sich von Minute zu Minute. Und rächten sich am Ende.
Ein Kopfproblem? Totaler Quatsch, wenn es nach Andreas Palicka geht. Frustriert verließ der Schwede spät abends die Löwen-Kabine und teilte im Vorbeigehen mit: "Wir haben kein mentales Problem, wir haben einfach schlecht gespielt." Sein Kollege Mikael Appelgren versuchte immerhin, eine Lösung zu finden: "Wir haben die entscheidenden Tore einfach nicht gemacht, ich kann jetzt nicht genau sagen, woran es lag - das ist alles jetzt noch zu frisch." Schmid wollte an diesem Abend nicht sprechen. Zu tief saß der Stachel.
Wo es gefrustete Verlierer gibt, strahlen meistens auch die Gewinner. Julius Kühn schoss die Löwen quasi im Alleingang ab (9 Tore). Ihn bekamen sie nicht unter Kontrolle. Doch der Nationalspieler strahlte nicht so wirklich. Was war denn los? "Also wenn ich ehrlich bin, fühlt sich das heute nicht gut an", sagte der Shooter leise, "das tut mir auch ein bisschen leid, die Meisterschaft hier versaut zu haben - aber so ist letztendlich der Sport, da kann alles passieren."
Und eben deshalb gilt es für die Mannschaft von Nikolaj Jacobsen nun auch die verbleibenden beiden Heimspiele zu gewinnen und auf einen Flensburger Ausrutscher zu hoffen. Ein Anfang soll schon morgen um 15 Uhr gegen die Eulen Ludwigshafen gemacht werden, kommende Woche gastiert dann Leipzig zum Saisonfinale in Mannheim. Sollte man beide Spiele gewinnen und Flensburg gleichzeitig straucheln, kann noch immer die Titelverteidigung gelingen. Insgesamt deutet nun aber alles darauf hin, dass die Meisterschaft doch in den Norden geht. Ein Ausrutscher der Flensburger ist sehr unwahrscheinlich - aber genau das sagte man ja auch über die Löwen …

