Rhein-Neckar Löwen: Ein Trauerspiel in der Hauptstadt
Von Daniel Hund
Berlin. Hängende Schultern, leere Blicke - Frust pur. Für die Rhein-Neckar Löwen wurde der erhoffte Freudentag in der Hauptstadt zum Trauerspiel. Ausgerutscht sind sie, die Gelben, wurden teilweise regelrecht vorgeführt von Berliner Füchsen im Vollgas-Modus. 29:23 (12:11) stand es nach 60 einseitigen Handball-Minuten. Danach war Ursachenforschung angesagt, bei Oliver Roggisch, dem Sportlichen Leiter der Löwen, zum Beispiel. Der grübelte in den Katakomben der Max-Schmeling-Halle im RNZ-Gespräch: "Wir waren vielleicht nicht ganz so konzentriert wie sonst. Auch die Kraft hat etwas gefehlt." Das vierte Spiel in acht Tagen war dann offenbar eins zu viel.
Hendrik Pekeler, der Löwen-Europameister am Kreis, sah das ähnlich. Als Ausrede ließ der Zwei-Meter-Riese das aber nicht gelten. "Solche Spiele sind immer auch eine Einstellungssache. Mir hat heute die nötige Galligkeit gefehlt. Manche dachten wohl, es geht auch so." Puh, das saß, aber der Chef legte sogar noch nach. Löwen-Trainer Nikolaj Jacobsen: "Bis auf Mads Mensah Larsen und Rafa Baena hat heute niemand seine Leistung gebracht. Das war ein richtiger Ausfall, zum Glück passiert uns das nicht so häufig." Wie auch immer, bei all dem Frust über die Pleite, die Ausgangsposition im Titelrennen ist nach wie vor sehr gut. Vier Spieltage vor Schluss liegen die Löwen noch zwei Minuspunkte vor Flensburg und haben auch das wesentlich bessere Torverhältnis. "Klar, es sieht immer noch gut aus", zuckt Jacobsen mit den Schultern, "aber wir setzen uns jetzt selbst etwas unter Druck."
Die Löwen begannen in Topbesetzung, setzten vorne wie zuletzt auf Kim Ekdahl du Rietz, den Kunstschützen, den Ex-Weltenbummler. Und der hatte diesmal nicht nur kantige Gegenspieler vor der Brust, nein, auch einen Keeper vor der Nase, der den Unterschied machen kann: Silvio Heinevetter, den Nationaltorhüter. Die ersten Reflexe ließen dann auch nicht lange auf sich warten. Es waren noch keine zehn Minuten gespielt, da hatte sich Heinevetter schon fünf Löwen-Geschosse gekrallt, einfach so runter gepflückt, als hätten irgendwelche Handball-Kids in der Pause aufs Tor geworfen.
Und er machte so weiter. Selbst per Siebenmeter war "Heine" nicht zu knacken. Erst Sigurdsson, dann Schmid - beide wurden ausgeguckt, veräppelt vom Hauptstadt-Hexer. Langsam wurde es unheimlich. Das einzig Positive: Es stand erst 3:5 (14.). Nichts passiert also. Rund zehn Minuten später sah es dann schon anders aus. Frustrierender: Berlin 11, Löwen 7. Jacobsen tobte, knallte die Grüne Karte auf den Zeitnehmertisch: Auszeit. Bereits die zweite! Was der Däne sagte, war im Tollhaus Max-Schmeling-Halle nicht zu verstehen. Aber er tat etwas, das sich sofort auszahlen sollte: Der Meistertrainer wechselte die Torhüter, brachte Mikael Appelgren für Andreas Palicka. Und kaum auf der Platte, machte "Apfel" auch schon den Heinevetter, parierte glänzend.
Wenig später ging es mit einem 11:12 in die Pause. Die Hoffnung war zurück, die Wende greifbar. Doch anders als zuletzt war da kein Andy Schmid, der zündete. Auch der Schweizer ist eben nur ein Mensch und kein unschlagbarer Roboter. Sei’s drum, der Löwen-Blick geht nach vorne. Am nächsten Sonntag gilt es beim HC Erlangen zu antworten: mit einem Sieg.
Berlin: Lindberg 9/5, Koch 6, Wiede 2, Struck 2, Zacharisson 4, Fäth 2, Drux 4.
Löwen: Schmid 2, Sigurdsson 1, Baena 3, Tollbring 1/1, Mensah Larsen 6, Pekeler 2, Groetzki 3/1, Taleski 2, Petersson 1, Ekdahl du Rietz 2.
Stenogram: 2:2, 5:3, 5:5, 8:5, 11:7, 12:11 (Halbzeit), 15:12, 21:16, 26:21, 29:23 (Endstand).

