Rhein-Neckar Löwen: Kapitän Schmid nimmt die Melsungen-Pleite auf seine Kappe
Von Daniel Hund
Kassel. Die Wollmütze fast bis über die Augenbrauen gezogen, der Gesichtsausdruck grimmig. So stiefelte Andy Schmid am Donnerstagabend aus der Kabine der Rhein-Neckar Löwen. Dick eingepackt war er. Der Chef, der Kapitän des Deutschen Handball-Meisters, war frustriert und verärgert. Aber vor allem eins: tief enttäuscht. Besonders von sich selbst. "Ich", grummelte er, "ich habe das heute wirklich schlecht gemacht. Meine Entscheidungen im Überzahlspiel waren falsch." Der Schweizer nahm die 26:29-Pleite in Melsungen auf seine Kappe. Ungefragt stellte sich der Mann, der mit acht Treffern einmal mehr der erfolgreichste Schütze war, vor die Mannschaft. Vor Spieler, denen es diesmal schwer fiel zu reden, die schnell weg waren, die nur noch eins im Sinn hatten: den Mannschaftsbus.
Vergessen. Abhaken. An etwas anderes denken. Schmid fiel das schwer. Das merkte und spürte man. Er hatte mit sich selbst zu kämpfen. Mit seinen Fehlpässen und der nicht perfekten Wurfquote. Doch das zeigt eben auch, dass Schmid trotz all seiner Genialität nur ein Mensch ist. Sein Pensum war zuletzt gigantisch, anders als seine Kollegen bekam der Denker und Lenker am letzten Wochenende, dem Monster-Wochenende, keine Verschnaufpausen. Schmid spielte durch. 120 Minuten lang. Samstags in Leipzig, sonntags in Barcelona.
Und überhaupt Schmid als Sündenbock - sein Trainer spielt da nicht mit. Nikolaj Jacobsen hat immer das große Ganze im Blick. Am Donnerstag hätte er manchmal am liebsten weggeschaut. Der Däne: "Heute waren viele müde und haben ihre Leistung nicht gebracht."
In der Anfangsphase aber schon. Da lief der Ball, da wurde Melsungen überrollt, teilweise regelrecht vorgeführt. Doch ab dem 8:3 (13.) war plötzlich der Wurm drin. Das Spiel kippte. Erklärungsansätze zu finden, war nicht leicht. Oliver Roggisch, der Sportliche Leiter der Löwen, wählte diesen: "Plötzlich war Hektik und Härte im Spiel. Genau das macht Melsungen stark."
Mit den Müller-Brüdern hat die MT ohne Zweifel zwei Aggressiv-Leader im Team. Beide leben auch von den Emotionen, schaukeln sich gegenseitig hoch. Aber Melsungen ist mehr. Viel mehr. Bei den Nordhessen steht eine Mannschaft auf der Platte, die in dieser Besetzung über kurz oder lang ein Titelkandidat in der Bundesliga sein wird.
Dass man dies bislang noch nicht in jeder Partie gesehen hat, liegt am Umbruch, der im Sommer vollzogen wurde. Denn auch Ex-Krösti Michael Roth ist kein Zauberer. Es dauert, bis alles flutscht, bis man sich gefunden hat.
Mit Nationalspieler Julius Kühn, der aus Gummersbach kam, hat man zudem eine Rakete im linken Rückraum. Sein Zug zum Tor ist atemberaubend, seine Präzision furchteinflößend. So ein Shooter fehlt den Löwen. In Momir Rnic haben sie vor der Saison zwar einen verpflichtet, aber der zündet bislang nicht konstant. Und wo kam der her? Aus Melsungen. Dort wollten sie ihn nicht mehr und angelten sich Kühn. Was zeigt, über welch finanzielle Mittel die Löwen-Bändiger verfügen.
Themenwechsel: Heute ab 17.30 Uhr ist für die Löwen wieder Champions League-Zeit. Beim Spitzenreiter der Gruppe A, Vardar Skopje, geht es zur Sache. Mit wem, bleibt abzuwarten. "Wir werden durchwechseln." Sagt Trainer Nikolaj Jacobsen.

