Auf den Spuren der NBA: Rhein-Neckar Löwen müssen innerhalb von 23 Stunden in Leipzig und Barcelona antreten
Von Michael Wilkening
Mannheim. Als Oliver Roggisch Gewissheit hatte, erfüllte ihn das Gefühl der Fassungslosigkeit. Der Sportliche Leiter des deutschen Handball-Meisters Rhein-Neckar Löwen kann bis jetzt nicht glauben, was ihm und seiner Mannschaft abverlangt wird. Am 11. November sollen die Löwen das Bundesliga-Spitzenspiel beim SC DHfK Leipzig, live übertragen in der ARD, absolvieren und nur 23 Stunden danach zum Topduell in der Champions League beim ruhmreichen FC Barcelona antreten.
Zwischen den Matches müssen die Badener regenerieren, sich auf den nächsten Gegner vorbereiten und 1350 Kilometer reisen. "Damit wurde eine Grenze überschritten", findet Roggisch, der bis vor drei Jahren selbst spielte und sich deshalb nachvollziehen kann, welcher körperlichen und mentalen Belastung die Handballer der Löwen ausgesetzt werden.
"Grenze überschritten"
Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesliga muss eine Mannschaft zwei Partien an zwei aufeinanderfolgenden Tagen an unterschiedlichen Orten absolvieren. Was in der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA zum Alltag gehört, ist ein Novum im Handball. Möglicherweise bleibt das aber nicht so. Weil die europäischen Spitzenvereine eine Reform der Champions League planen, die mehr Spiele für die beteiligten Klubs mit sich bringen würde, drohen neue Terminkollisionen und eine weiter zunehmende Belastung der besten Spieler in Deutschland. Zu verhindern ist das vermutlich nicht, weil die Interessen der Topklubs in Europa mit denen der deutschen Liga (HBL) divergieren.
Vor zwei Jahren gab es zuletzt eine Neugestaltung der Champions League, die seither insgesamt 28 Mannschaften umfasst und in zwei Achter-Gruppen der Top-Klubs und zwei Sechser-Gruppen der schwächeren Vereine aufgeteilt ist. Nach 14 Vorrundenpartien für die Top-Klubs schließt sich das Achtel- und Viertelfinale sowie das Final-Four-Turnier in Köln an. Dieser Modus ist das Ergebnis des "Memorandum of Understandig", dass die führenden Vereine und der Europäische Handball-Verband (EHF) geschlossen hatten. Diese Verabredung ist bis 2018 gültig - und mittlerweile aus Sicht der Klubs überholt. Künftig soll es nach deren Plänen eine Zwölferliga geben, der sich nach einer Hauptrunde mit 22 Partien ein Viertelfinale der acht besten Teams und das Final Four anschließen. Aus Deutschland sollen der Meister und der Zweite dabei sein. Für die Finalisten der Champions-League-Saison wären 26 Spiele anstatt bislang 20 zu absolvieren. Ab der Saison 2019/20, spätestens ein Jahr danach, soll der neue Modus implementiert werden - und die großen Vereine machen Druck.
Xavier O’Callaghan, Manager bei den Handballern des FC Barcelona, drohte mit einem Ausscheiden seines Klubs, sofern es keine zufriedenstellende Lösung geben sollte. Die Interessen von Barcelona, den Franzosen von Paris Saint-Germain, KC Veszprem (Ungarn) oder KS Kielce (Polen) sind eindeutig. Mit der neuen "Europaliga" sollen die Vermarktungserlöse erhöht und gleichzeitig mehr echter Wettbewerb für das eigene Team geschaffen werden. Nur die deutsche Bundesliga und mit Abstrichen die Liga in Frankreich fordern ihre Spitzenmannschaften im wöchentlichen Rhythmus, für Klubs wie Vezprem, Barcelona oder Kielce gleicht der Weg zur nationalen Meisterschaft seit Jahren einem Spaziergang.
Vor diesem Hintergrund ist das Streben der führenden Klubs nach einer europäischen Superliga nachvollziehbar - und die kritischen Stimmen aus Deutschland dürften kein Gehör finden. Mit dem THW Kiel steht der größte deutsche Klub einer Europaliga ohnehin positiv gegenüber. "Wir werden eine ganzjährige europäische Liga in den nächsten Jahren sehen", sagte der Kieler Manager Thorsten Storm dem Sport-Informationsdienst.
Die Gründung einer europäischen Superliga ist hinter den Kulissen von den führenden Vereinen längst verabredet und der Einflussbereich der EHF zu klein, um sie abwenden zu können, so dass es im Grunde nur noch darum geht, im schon jetzt übervollen Jahreskalender ein paar Termine für das neue Format freizuschaufeln. Eine Verkleinerung der Bundesliga, wie von Klubs im Ausland gefordert, wird es laut HBL-Chef Frank Bohmann nicht geben.
Nur in Deutschland spielen europaweit in der ersten Liga 18 Vereine, eine Reduzierung ist den Klubs, die keine Chance auf die Europaliga haben, aber nicht vermittelbar. Die favorisierte Lösung der europäischen Elite sieht weniger Spiele für die Nationalmannschaften vor. Die Qualifikation für Europameisterschaften soll zusammengestrichen werden. "Es ist die Frage, ob wir jedes Qualifikationsspiel brauchen", sagt HBL-Chef Bohmann. Eine zusätzliche Belastung für die Top-Spieler in der Bundesliga würde es trotzdem geben, aber sie würde nicht so dramatisch ausfallen wie zunächst befürchtet.
Der Druck liegt jetzt auf der EHF. Wenn ein offener Konflikt mit den Klubs vermieden werden soll, muss der Verband einlenken.

