Saisonstart der Rhein-Neckar Löwen: Die Altlasten sind abgetragen
Von Daniel Hund
Kronau. Es war kurz nach 13 Uhr, als Mikael Appelgren am Mittwoch auf dem kleinen Fußball-Feld vor dem Kronauer Trainingszentrum aufkreuzte. Der Handballer der Rhein-Neckar Löwen machte den Fußballer, kickte und passte. Und das bei gefühlten 40 Grad. Oberkörperfrei in der prallen Sonne. Schwimmbad-Atmosphäre herrschte. Der Hexer des deutschen Meisters lachte viel, hatte Spaß.
Kurz zuvor war das noch anders. Da fehlte der Ball. Trainer Nikolaj Jacobsen bat zum ersten Training für die neue Saison. Die Gelben drehten ihre Runden im Stadion, schwitzten und schnauften. Also genau das, was man als Ballsportler nicht so gerne macht. Aber da müssen sie nun durch, die Löwen. Die Vorbereitung ist zäh, zieht sich wie Kaugummi. Vor allem Kondition und Kraft werden gebolzt.
Doch Jacobsen gab Entwarnung: "Es wird in den nächsten Einheiten immer auch mal ein Ball dabei sein." Möglicherweise aber nicht für jeden. Denn richtig fit kam nicht jeder aus dem Sommerurlaub zurück. Jacobsen, der Schleifer: "Insgesamt sahen die Zeiten schon recht gut aus, allerdings nicht bei jedem." Sagte es, lächelte verschmitzt und lobte, schwärmte von "einer ganz tollen Truppe". Von Neuzugängen, die "ideal reinpassen, menschlich und sportlich".
Besonders froh ist er über den Last-Minute-Transfer von Kristian Bliznac, 34. Das ist ein Baum von einem Kerl. Mit seinem Gardemaß von 2,04 m und seinen tätowierten Armen verbreitet er Angst und Schrecken. Und das soll der Schwede auch. Sein Platz ist im Innenblock. Dort, wo es richtig zur Sache geht, wo es auch schon mal was auf die Ohren gibt. "Er bietet uns in der Abwehr mehr Optionen", sagt Jacobsen, "in den letzten beiden Jahren mussten Gedeon Guardiola und Hendrik Pekeler immer durchspielen. Das wird sich jetzt glücklicherweise ändern."
Oder anders ausgedrückt: Nach Jahren, in denen die Altlasten drückten und finanziell kaum Spielraum vorhanden war, konnte sich der Meister endlich mal breiter aufstellen. Geschäftsführerin Jennifer Kettemann scheint demnach ganze Arbeit geleistet zu haben. Und genau so ist es auch. Sie lächelt: "Wir haben mittlerweile alles abgetragen. Am 30. Juni wurde die letzte Rechnung beglichen." Genaue Angaben über die Höhe des Etats wollte Kettemann aber nicht machen. Nur so viel: "Wir konnten ihn im Vergleich zur Vorsaison etwas anheben." In der Spielzeit 2016/2017 soll er sich zwischen 5,5 und 6 Millionen Euro bewegt haben.
Neben Bliznac (Elverum Handball) heuerten auch Linksaußen Jerry Tollbring (IFK Kristianstad), Rechtsaußen Bogdan Radivojevic (SG Flensburg-Handewitt) und Momir Rnic (MT Melsungen) bei den Löwen an. Mittelmann Andy Schmid freut sich über die frischen Kräfte: "Bis auf Jerry sind das alles gestandene Bundesliga-Profis, das ist sehr gut", erklärt der Schweizer.
Kann mit ihnen vielleicht sogar der Titel-Hattrick angepeilt werden? Möglich, aber es wird schwer. Die Liga rutscht an der Spitze nämlich noch enger zusammen. Melsungen, Magdeburg und Berlin haben kräftig nachgebessert. Teammanager Oliver Roggisch weiß das, beim Saisonziel ist er deshalb vorsichtig: "Wir wollen so lange wie möglich oben dran bleiben, haben wir am Ende dann die Chance auf den Titel, wollen wir sie nutzen."
Erfreuliches gibt es auch in Sachen Champions League zu berichten. Das ungeliebte Frankfurter Exil ist Geschichte. Die EHF akzeptiert fortan wieder den Harres in St. Leon-Rot als Heimspielstätte. "Da wir mit der Halle in Heidelberg eine Perspektive haben, hat die EHF den Harres als Übergangslösung angenommen", berichtet Kettemann. Spitzenspiele in der Königsklasse werden ohnehin weiter in der SAP Arena ausgetragen.

