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Tränen, Tabellen, Tiraden

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Rainer Bonhof weinte, Stefan Stegemann beschimpfte das Publikum und Rouven Schröder wandelte auf einem schmalen Grat zwischen Motivationssprech und Populismus. Den richtigen Ton traf schließlich jemand, den keiner auf dem Schirm hatte. Die Anwesenden schöpften das Unterhaltungspotenzial einer Mitgliederversammlung von Borussia Mönchengladbach zwar nicht vollends aus, es gab aber doch allerlei zu sehen und zu hören.

Die jährliche Versammlung auf und vor der Südkurve ist fast immer eine Veranstaltung zwischen Pflicht und Folklore, zwischen Schreib- und Stammtisch. Bahnbrechend Neues wird selten verkündet, die Mitbestimmungsrechte der Mitglieder sind ohnehin sehr überschaubar. Und doch biete eine solche Versammlung, in der Funktionäre auf Fans treffen, immer ein recht treffendes Bild, wie es gerade um die Seelenlage von Borussia als Ganzes bestellt ist.

Nach allerlei Formalien trat als erster „echter“ Redner Rainer Bonhof vor die 1600 Menschen, die in der Spitze anwesend waren. Schnell stellten die fest: Der Präsident hatte an diesem Abend nicht nah am Wasser gebaut, sondern mittendrin. Teile der Ansprache waren kaum zu verstehen, so sehr war Bonhof von Emotionen übermannt. Was es war, das den armen Mann so aus der Fassung gebracht hat, ist schwer zu sagen. Noch zu verstehen war seine einleitende Sentenz: „Es war ein Scheißjahr“. Wer würde ihm da widersprechen? Nun ja, dazu kommen wir gleich. Klar wurde: Die vergangenen Monate sind an Bonhof nicht spurlos vorbeigegangen, der Präsident leidet unter der sportlichen Misere ähnlich wie wir Fans und das ist nun wirklich nichts, was man ihm vorwerfen möchte. Den Satz „Wir haben ein Faustpfand, das ist die Raute und die lasse ich nicht aus meinen Händen“ hat die Kollegin, die den Ticker der Rheinischen Post fütterte, akustisch besser verstanden als die anwesenden Mitglieder der SEITENWAHL-Redaktion (derer drei). Semantisch bleibt offen, was Bonhof damit zu sagen vorhatte. Möglicherweise nichts, vielleicht aber auch, das mit ihm in Zukunft noch zu rechnen sein wird. Auch dazu weiter unten mehr.

Nach dem zwischenzeitlichen Wiedererlangen der Contenance brachte Bonhof das obligatorische „geil“ unter (diesmal der Sieg der U17 im Halbfinale der Deutschen Meisterschaft 2025), pries die Chancen, die der Verein der Jugend gebe, was leichte Tumulte auf den Rängen auslöste, weil viele offenbar gerne mehr von diesen Chancen gesehen hätten.

Und dann kam wieder das Jubiläum. Dass SEITENWAHL mit dem Aufwand und dem Pathos, mit denen Borussia sich im Sommer 2025 selbst gefeiert hat, etwas fremdelt, dürfte den Leserinnen und Lesern nicht entgangen sein. Dass Bonhof erneut das Narrativ bediente, Borussia bedeute vor allen Dingen Mythos und Legende, stößt uns entsprechend etwas auf. Denn je trister die Gegenwart, desto verzweifelter wirkt es, den Fokus wieder und wieder auf die glorreiche Vergangenheit zu richten. Dass Bonhof bei der Erwähnung von Berti Vogts und Günter Netzer erneut um Beherrschung kämpft – nun gut, Helmut Kohl war in späten Jahren auch stets zu Tränen gerührt, wenn es um sein Lebenswerk ging.

Was Bonhofs Auftritt rührselig, wurde es mit der Ansprache von Geschäftsführer Stefan Stegemann ärgerlich. Ohne Not, ohne ersichtlichen Trigger und ohne Gefühl für die Situation hob der Manager an, die Anhängerschaft zu maßregeln. Die Zahlen, die er zu präsentieren hatte, würden womöglich Fragen aufwerfen, das wird Stegemann (zu Unrecht) erwartet haben. Das Eigenkapital ist von 42,8 auf 25,4 Prozent gesunken, Borussia schreibt weiter rote Zahlen, das Minus lag 2025 bei rund vier Millionen Euro nach 2,4 Millionen im Vorjahr. Der größte Posten auf der Kostenrechnung: Das Personal. Der Name Roland Virkus, er fiel erst spät am Abend, dennoch war der Mann, der vor einem Jahr noch selbst auf dem Podium saß, stets präsent. „Das Minus beträgt ein Jahr Neuhaus“ konstatierte ein Sitznachbar zutreffend.

Hätte Stegemann die Zahlen einfach präsentiert und kurz erklärt, die Menschen hätten es schlicht hingenommen, zumal er mehrfach betonte, das alles sei nicht dramatisch und damit vermutlich auch Recht hat. Aber Stegemann hob stattdessen an, die anwesenden Mitglieder – vermutlich keine Erfolgsfans – einzunorden. Die Ansprüche sind ihm offenbar zu hoch. Referenzzeitpunkt für die Beurteilung des Vereinshandelns solle doch bitte die Periode von 2001 bis 2011 – Abstiegskampf und Abstieg – sein. Und um zu illustrieren, unter welch gar grauslichen Bedingungen er zu wirtschaften hat - die geringen Möglichkeiten in einer Stadt wie Mönchengladbach – gab er wirklich alles und zitierte Hans-Joachim Watzke (!), der sich irgendwann mal zu Borussia geäußert haben muss und die Stadt dabei noch größer gemacht zu haben scheint, als sie wirklich ist (Stegemann brachte irgendwas mit 360.000 Einwohnern, aber das war angesichts der Unruhe, die sein Vortrag im Publikum auslöste, nicht wirklich zu verstehen). Wäre SEITENWAHL als PR-Beratungsagentur tätig und würde uns der Geschäftsführer eines Fußballvereins fragen, wie er sich auf der Mitgliederversammlung verkaufen soll, wir würden den Auftritt von Stefan Stegemann als Beispiel nehmen. „So bitte nicht“. Wer Stegemann an diesem Abend zum ersten Mal erlebte, lernte einen unwirschen, leicht selbstgefälligen Funktionär kennen, der mit gerümpfter Nase auf das Fußvolk zu schauen scheint. Was ihn da geritten hat – oder ob die Choreographie der Auftritte abgesprochen war, um andere danach umso heller glänzen zu lassen, wir wissen es nicht. Es bleibt ein etwas unschöner Eindruck und eine Idee davon, dass diejenigen, die täglich bei der Arbeit auf der Geschäftsstelle mit Stegemann zu tun haben, vermutlich kein ganz leichtes Leben führen.

Der Applaus für den Zahlenkopf fiel erwartet spärlich aus, umso lauter wurde er, als im Anschluss der Sportkopf sein glänzendes Haupt erhob und ans Rednerpult trat. Rouven Schröder beherrscht diese Art des Auftritts besser. Im Grunde gibt es über seine anschließende Rede wenig zu sagen. Inhaltlich nichts Neues, die richtige Ansprache, vielleicht etwas überbemüht beim Versuch, alle richtigen Knöpfe zu drücken, um das Volk auf seine Seite zu ziehen. Das Bestreben, den Fakten zum Trotz eine positive sportliche Entwicklung anzudeuten, kann man dem Mann nicht vorwerfen. Dazu die Anzeigetafel vom Derbysieg einzublenden, ist vielleicht etwas billig. Nach einem Einspielfilmchen mit den (wenigen) sehenswerten Toren der Saison ernsthaft ins Mikro zu stöhnen „Asso jetz habbich Gänsehaut“ war dann wirklich drüber, weil mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gelogen, aber sei’s drum. In Sachen Verkaufe hatte Borussia bisher keinen besseren Mann auf diesem Posten.

„Guter Mann“ hörte man auf den Rängen allerdings vor allem einen Redner später. Der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Hollmann war derjenige, der wirklich den Ton traf, der der Anhängerschaft aus der Seele sprach und der den Eindruck vermittelte, dass es bei Borussia Leute gibt, die den Absturz, der mit dem Tag begann, an dem Marco Rose seinen Abschied ankündigte, genauso wahrnehmen, wie ein großer Teil der Mitglieder und Anhänger. Er habe die Schnauze ziemlich voll, gegen Mainz immer das Gefühl gehabt, es könne noch ein Gegentor fallen (Eugen Polanski schrumpfte sichtlich auf seinem Stuhl), die Gangart müsse sich ändern, ein klarer Schnitt sei nötig. Der Aufsichtsrat werde tun, was er kann, um dabei zu helfen. „Genug gemeckert“ endete Hollmann, Abgang unter Beifall.

Offenbar ungeplant trat auch Eugen Polanski noch ans Mikrofon, sagte nichts Falsches, machte ein wenig Eigenwerbung und zeigte MC-Qualitäten, als er mit „Wir haben zu viele liebe Spieler und brauchen ein paar Arschlöcher“ eine bei den Fans sehr beliebte Platte auflegte.

Der Grund, warum so manche Mitgliederversammlung im Gedächtnis geblieben ist, ist der Programmpunkt „Aussprache“, bei dem ein eher diverser Haufen von Mitgliedern die Gelegenheit hat, der Vereinsführung Fragen zu stellen. Freilich sind es oft vielmehr in Fragen gekleidete Statements zur Lage, mal mehr mal weniger sachlich, mal mehr mal weniger fundiert. Seitdem es an den Getränkeständen im Borussia-Park zur MV keinen Alkohol mehr gibt, läuft es in der Regel gesittet ab. „Mr Königs, open this gate“ wäre heute nicht mehr denkbar. Der ältere Fan, der ein wenig den Faden verlor, von Lapsus Linguae zu Lapsus Linguae mäanderte und schließlich „ich hab ja nichts gegen Rassismus“ konstatierte, war an diesem Abend der einzige, der ein ähnliches Momentum kreieren konnte. 

Ansonsten forderten die Fans

-mehr junge Spieler einsetzen

-auch in der zweiten Halbzeit Gas geben

-Trainer rauswerfen

-Ehrenrunde statt nur Feiern mit den Ultras

-Ultras rausschmeißen

-Virkus als Verantwortlichen benennen

-Bonhof soll gehen

-endlich aufwachen

-früher auswechseln

-Mohya spielen lassen

-Fritz Fleck spielen lassen

-Fahnen in der Nordkurve weg

-mehr laufen

-VAR abschaffen

Interessanter als die erwartbaren Wortmeldungen war die Reaktion der Angesprochenen. Eugen Polanski und Rouven Schröder: Sachlich und ruhig. Stefan Stegemann: Weniger aggressiv als bei seiner Ansprache. Rainer „Weiner“ Bonhof: Dünnhäutig. Der Präsident beantwortete eine Frage gar nicht („warum haben Sie Gerardo Seoane kurz vor seiner Entlassung bescheinigt, einen geilen Job zu machen?“) eine weitere widerwillig: SEITENWAHLs Kevin Schulte war ans Mikro getreten und wollte wissen, ob Bonhof eine weitere Amtszeit anstrebt. Einzige Fragestellung ohne vorherigen Monolog, einfach zu beantworten. Eigentlich. Bonhof aber mutmaßte zunächst, Kevin sei „geschickt worden“ (von wem und warum, blieb offen, wir waren’s nicht), bevor er nach weiteren Wortpirouetten einräumte, doch, er wollte den Job gerne noch länger machen. Vielleicht war es das, was er uns schon eingangs sagen wollte, als er angab, die Raute nicht hergeben zu wollen. Vielleicht auch nicht.

Das war’s im Grunde. Viele Fans machten sich auf die Socken, an den anschließenden Formalien – Entlastung der Gremien, Satzungsanpassung, Wahl in den Ehrenrat – beteiligten sich nurmehr 50 Prozent der anfangs anwesenden Fans.

So ist also Borussia 2026: Finanziell nicht reich, aber auch nicht schwerkrank. Sportlich hoffentlich jetzt auf der Talsohle angekommen, mit nur sehr begrenzten Hoffnungen auf bessere Zeiten. Fans, die die Entwicklung mit Sorge sehen, Funktionäre, die das überwiegend teilen, aber eine nur überschaubare Bereitschaft zu Selbstkritik - zumindest im Rahmen einer Mitgliederversammlung – erkennen lassen. Dass es nach dieser Saison mehr Analyse, Aufarbeitung und Konsequenzen geben wird, als nach den letzten Spielzeiten, als dasselbe Prozedere angekündigt wurde, man möchte dran glauben, wetten sollte man darauf aber nicht.

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