Steven Cherundolo spricht über MLS und Fußball-Entwicklung in den USA
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Nach vier Jahren als Trainer in Los Angeles ist Steven Cherundolo nach Deutschland zurückgekehrt. Hier räumt er nun mit einem Klischee der MLS auf. Steven Cherundolo kennt sich im US-Fußball bestens aus. Als Spieler lief er 87 Mal für die US-amerikanische Nationalmannschaft auf, nach dem Ende seiner aktiven Karriere arbeitete er in seinem Heimatland als Trainer für den Las Vegas Lights FC und für den LAFC. Mit dem Klub aus der Major League Soccer (MLS) gewann er drei nationale Titel. Mittlerweile ist der 47-Jährige zurück in Deutschland, wo er einst lange Jahre für Hannover 96 gespielt hatte. Die Bundesliga hat er ebenso noch im Blick wie die MLS. Im ersten Teil des Gesprächs mit t-online blickte er vor der WM 2026 sorgenvoll auf die politische Entwicklung in seiner Heimat . Im zweiten Teil nennt Cherundolo nun große Unterschiede zur ersten WM in den USA, räumt mit einem MLS-Klischee auf – und bringt sich für eine Rückkehr in den deutschen Fußball ins Gespräch. t-online: Wie groß ist Ihre Vorfreude auf die WM 2026 ? Steven Cherundolo: Sehr groß! Ich war bis Ende November vor Ort, habe die ganzen Vorbereitungen mitbekommen. In den Stadien wird umgebaut, Kunstrasen durch echten Rasen ersetzt. Auch medial ist viel los: Ex-Spieler, Stars und Politiker bewerben das Turnier. Fiebert das ganze Land dem Heimturnier entgegen? Bei der Klub-WM (im vergangenen Sommer, Anm. d. Red.) hat das Fieber bereits begonnen, in der K.-o.-Runde waren die Stadien voll. Die nächsten Monate werden sehr intensiv. Lässt sich die Vorfreude mit der Situation 1994 vor der ersten WM in den USA vergleichen? Nein, damals war die Sportart hier noch relativ neu. Das erste Mal eine WM auszurichten, ist ganz besonders. Die Vorfreude ist daher dieses Mal geringer. Es gibt aber auch weniger Bedenken als damals: Fußball hat sich mittlerweile etabliert, niemand sorgt sich um leere Stadien. Was ist der größte Unterschied zwischen 1994 und 2026? Die Anzahl an Fußballfans in den USA hat zugenommen, da rund um die Uhr Fußballspiele übertragen werden. Es gibt mehr Experten, es gibt mehr reine Fußballstadien. Daraus resultieren aber auch höhere Erwartungen. Vom Team USA werden nicht nur Kampf und Leidenschaft erwartet, sondern auch Siege. Sie selbst sind vom College direkt in die Bundesliga gewechselt. Im Männerfußball ist das heute ein eher unüblicher Schritt. Die MLS-Klubs bilden mittlerweile selbst Spieler aus. Als ich zum College gegangen bin, gab es direkt nach der Highschool nichts. Europa wäre für mich damals zu früh gekommen. Heute ist es teilweise umgekehrt: US-Colleges locken deutsche Fußballer mit Stipendien. Danach winkt ihnen eine Chance auf die MLS – so wie beim Franken Julian Gressel, der seit Jahren erfolgreich in der Liga spielt. Es ist ein toller Weg, wenn man als deutscher Fußballer in Deutschland nicht weiterkommt. Es ergibt Sinn, wenn man ohnehin studieren und ein Auslandsabenteuer antreten möchte. Julian ist ein gutes Beispiel, allzu viele seiner Art gibt es in der MLS aber nicht. Colleges bilden die Stars der NFL , NBA oder NHL aus. Mit der MLS ist das anders? Die Colleges spielen in der Ausbildung der MLS-Profis keine große Rolle mehr. Wir reden da über 18- bis 22-Jährige, in dem Alter ist die Ausbildung weitestgehend abgeschlossen. Stattdessen haben die MLS-Klubs eigene Nachwuchsabteilungen. Auch Klubs aus der USL, der zweiten nationalen Fußballorganisation, bilden Spieler aus. Wie gut funktioniert das auf viele Schultern verteilte System? Positiv ist, dass es heute mehr Fußball spielende Kinder denn je gibt. Aber die USA sind ein riesiges Land – es ist schwer, im ganzen Land zu scouten und die Talente zu fördern. Der Verband ist extrem abhängig von den Vereinen. Da hapert es aber, Vereine wollen ihre größten Talente nicht an den nächstgrößeren Klub abgeben. Dafür fehlen die finanziellen Anreize. Da müssen wir besser werden, da ist der Verband gefordert. In Deutschland hingegen funktioniert genau das extrem gut. Bewegt sich der US-Fußball in der Hinsicht in die richtige Richtung? Die Richtung stimmt: Die Probleme sind bekannt und Lösungen werden gesucht. Die größte Last der Spielerentwicklung liegt nun bei den MLS-Klubs. Finanziell kommt aber wenig zurück, der Verband muss dafür eine Lösung finden. Was zeichnet die MLS im Jahr 2026 aus? Es ist eine spannende Liga, die komplexe Regeln bezüglich des Kaders und des Budgets hat. Für einen Trainer ist es eine tolle Herausforderung, gegen 29 Mannschaften anzutreten, die alle über dieselben Möglichkeiten verfügen. Es ist sehr ausgeglichen, jeder kann jeden schlagen. Kritiker sprechen gerne von einer Rentnerliga. Wer die MLS als Rentnerliga bezeichnet, ist wenig informiert. Das Durchschnittsalter ist niedriger als in der Bundesliga. Ich kann diesen Leuten nur empfehlen, sich die Partien anzuschauen und mit Spielern der Liga zu sprechen. Thomas Müller ist da sicherlich anderer Meinung, Olivier Giroud und Hugo Lloris ebenfalls. Die Liga ist enorm athletisch, geprägt von einem guten Umschaltspiel. Mit viel Erfahrung kann man einiges bewegen, aber laufen muss man trotzdem. Ex-Bayern-Talent Timothy Tillman hat erklärt, dass die fehlende Gefahr eines Abstiegs förderlich für den Mut der Spieler auf dem Rasen ist. Ist die Liga also vor allem für junge Spieler geeignet? Ja, die Liga ist für junge Profis optimal, aber das gilt auch für Trainer. In den deutschen Ligen spürt man den Druck in jeder Situation, weil es viel zu verlieren gibt – es geht um alles. In den USA haben Spieler und Trainer mehr Freiheiten, weil die Angst vor einem Abstieg fehlt. Ist der Druck für Sie als Trainer ebenfalls geringer? Nein, ich habe sogar einen größeren Druck als zu meiner Spielerzeit empfunden. Aber der entsprang intrinsischer Motivation. Bei der Klub-WM war Inter Miami das einzige MLS-Team, das die Gruppenphase überstanden hat. Wie weit ist die Liga sportlich von den europäischen Topligen entfernt? Der Vergleich fällt schwer, weil die Kultur und die Art des Fußballs ganz andere sind. Technisch ist die MLS super, unter Zeit- und Raumdruck fehlt es aber noch an Qualität. Insgesamt ist die Liga jedoch auf einem hohen Niveau. Finanziell ist sie weiter: Das Wirtschaftsmagazin Forbes hat den LAFC im Vorjahr im Ranking der wertvollsten Fußballvereine der Welt auf den 15. Platz gesetzt, in den Top 30 stehen ganze acht US-Klubs. Überschätzen Finanzexperten die Power der MLS? In den USA gibt es keine 50+1-Regel, hier können die Eigentümer machen, was sie wollen. Sie können eine Marke kreieren, wie sie das für richtig halten. LAFC ist dafür ein gutes Beispiel: Vermarktung und Verbindung zur Community funktionieren hervorragend. Die Menschen fühlen sich mit dem Verein emotional verbunden. Die MLS soll perspektivisch mit der "USL Premier" einen Wettbewerber erhalten. Hilft das dem US-Fußball? Ja, jede Art von Konkurrenz, die Emotionen und Interesse weckt, ist gut für den US-Fußball. Ob es auch für die MLS eine gute Nachricht ist, wird sich zeigen. Dagegen sprechen eine mögliche Kannibalisierung und die Tatsache, dass Vereine in der USL in der Vergangenheit schnell wieder aufgelöst wurden. Das Land ist groß genug. Es gibt genügend fußballbegeisterte Menschen für eine zweite Liga. Vielleicht muss die Anzahl der Teams in den Ligen angepasst werden, wir dürfen dabei allerdings nicht nur auf die USA schauen. Die Entwicklung könnte auch über die Landesgrenzen hinausgehen und Kanada sowie Mexiko einbeziehen, sodass die besten Mannschaften aus Nordamerika in einer festen Liga aufeinandertreffen. Parallel zählt die NWSL zu den Topligen des Frauenfußballs. Warum gehören die USA im Frauenfußball zur Weltspitze, im Männerfußball hingegen trotz Anläufen, die bis in die Zeit von Pelé und Franz Beckenbauer zurückreichen, nicht? Im Frauenfußball sind die USA eine Vorreiternation. Im Männerbereich ist das anders: Die europäischen Ligen sind mit ihren Vorgängern über 100 Jahre alt, haben daher einen gewaltigen Vorsprung. Die MLS gibt es erst seit 1996, ist aber auf einem richtig guten Weg. Wenn sich die Kurve so fortsetzt, wird die MLS irgendwann auf einem ähnlichen Niveau sein wie die europäischen Topligen – mit Glück sogar höher. Wo steht der US-Fußball in zehn Jahren? Die MLS-Klubs werden regelmäßig die Champions League in Nordamerika gewinnen, vielleicht ist die MLS dann auch besser als die Ligen in Südamerika. Der Fußball wird den American Football in zehn Jahren nicht überholen. Wenn sich der Fußball aber weiterhin auf sich selbst konzentriert, haben die anderen Sportarten langfristig keine Chance. Und wie geht es für Sie persönlich weiter? Als Trainer kann ich schlecht eine Prognose abgeben. Ich genieße die Pause, um die erfolgreiche Zeit in Los Angeles zu reflektieren. Den deutschen Fußball habe ich nie aus den Augen verloren, jetzt verfolge ich ihn noch intensiver. Ich bin für alle Aufgaben bereit.

