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Ein exzentrisches Derby

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Das Derby ist ein besonderes Spiel. Kollege Spoo wird mir verzeihen, dass ich dem Eindruck aus seinem Vorbericht von unter der Woche da etwas widerspreche. Bezüglich der Faktenlage hat er natürlich nicht unrecht. Selbstverständlich geht es auch da nur um drei, je nach Ausgang sogar nur um zwei Punkte. Und kein Borusse würde eine Niederlage im Derby mit zwei nachfolgenden Siegen gegen einen Derbysieg und zwei anschließende Niederlagen eintauschen. Aber erstens bin ich mir bei vielen FC-Freunden in meinem Umfeld im umgekehrten Falle nicht ganz so sicher, und zweitens erfasst die reine Punktebetrachtung auch nicht ganz die Wirkmacht dieses Duells. Was das 100. Derby am gestrigen Samstagnachmittag betraf, waren es vor allem die vielen Geschichten, die die Atmosphäre im Müngersdorfer Stadion verdichteten und es zu einer besonderen Begegnung machten. 

Besonders war wie immer auch das Polizeiaufgebot rund um das Spiel; und leider musste man im Nachgang schon wieder von unangemessenen Übergriffen auf friedliche Fans hören. Auch wenn auch für die Polizei zunächst die Unschuldsvermutung gilt, würde einen die Bestätigung solcher Berichte nicht überraschen. Im Stadion gab es zu Beginn der zweiten Halbzeit einen Moment der Ruhe zu bestaunen, bei dem beide Fanlager in Eintracht kürzlich viel zu früh verstorbener Anhänger gedachten. Rivalität ist wichtig, aber nicht das Wichtigste. Das weiß man beim VfL Borussia Mönchengladbach und das weiß man beim 1. FC Köln.  

Aber zurück zur Rivalität: Wieder wurde im Vorfeld zum Beispiel die Story vom einst bei Borussia verkannten Wunderstürmer “El Maladonna” bemüht, der sich unter der Woche allerdings vor allem mit der Frage beschäftigt hatte, wie er den jetzigen Klub möglichst schnell wieder verlassen könnte. Außerdem war er im Hinspiel ziemlich chancenlos abgekocht worden und da stellte sich jetzt die Frage, ob er es seinem Jugendverein dieses Mal würde heimzahlen können. Dass er es trotz eines Tores nur bedingt vermochte, lag daran, dass ein in der Jugend vom 1. FC Köln aussortierter Spieler auf der Gegenseite gleich zweimal traf und einmal auflegte. Exspieler standen also im Mittelpunkt, aber eine einseitige Betrachtung wird diesem Aueinandertreffen nicht gerecht.  

Die wilden ersten gut 20 Minuten mit vier Toren waren einfach ein nicht alltäglicher Fußballwahnsinn. Einer, der, wie Trainer Eugen Polanski zurecht im Anschluss bemängelte, eben viel Derby und nach seinem Geschmack zu wenig fußballerische Qualität darbot, aber den parteiischen wie den neutralen Zuschauer mitzureißen vermochte. Den Blitzstart der Borussia durch den gestern überragenden Castrop konterten die Domstädter mit zwei Blitztoren noch vor dem Ablauf der 7. Minute, und bei so viel Gewitter fiel gar nicht auf, dass die ersten beiden Tore sicher zu verteidigen gewesen wären. Nachdem die Borussia auch ein zweites, ehrlicherweise fantastisch herausgespieltes Tor kassiert hatte, musste man schon befürchten, dass der Nachmittag einen höchst unschönen Verlauf nehmen könnte. Allerdings zeigte sich im Nachgang, dass auch die Borussia bereit war, das Spiel anzunehmen und nachdem auf beiden Seiten vielversprechende Gelegenheiten zur Abwechslung auch mal liegen gelassen wurden, durfte Castrop (es sei noch einmal erinnert: den hatten sie beim FC für nicht gut genug befunden) sich gegen seinen zum wiederholten Male überforderten Gegenspieler auf der rechten Abwehrseite durchsetzen und in die Mitte flanken, wo Sander den Ball im Nachschuss versenkte.  

Borussia blieb dadurch im Spiel und wusste auch physisch dagegenzuhalten. Anders als schon häufig gesehen, setzte man sich gegen einen körperlich hart agierenden Gegner zu Wehr, dazu noch, ohne selbst zu überdrehen. Der FC sammelte eine Vielzahl an gelben Karten, die man auch nur mit Kölner Brille als Fehlleistung des Schiedsrichters und nicht mit eigener Härte und spieltaktischer Dummheit erklären kann. Sportgeschäftsführer Thomas Kessler blieb in seiner Nachbetrachtung an dieser Stelle hängen und hatte ansonsten keine sportlichen Erkenntnisse aus dem Spiel gewonnen, außer dass der FC zu wenig Punkte hole, weshalb ich beim Verfassen des Spielberichts in der ständigen Angst lebe, dass Trainer Kwasniok noch vor dem Upload entlassen wird und ich den Spielbericht und vor allem diese Stelle dann noch einmal überarbeiten muss.  

Da wir den Fokus aber natürlich auf die Borussen-Sicht legen, ist es ein weiterer schöner Nachweis der Seriosität, mit der die Borussia das Spiel anging, dass sich Honorat nicht von einem tumb provozierenden Özkacar herausfordern ließ und gleichzeitig Tabakovic eine der beiden gelben Karten Borussias dafür kassierte, dass er sich vor seinen Mitspieler stellte. Das war mithin die einzige der zehn gelben Karten durch den guten Schiedsrichter Sören Storks, deren Berechtigung Herr Kessler mit Fug hinterfragen könnte.  

Das Spiel wurde in der zweiten Halbzeit zwar nicht weniger intensiv, aber die Anzahl der Torchancen nahm deutlich ab, da beide Abwehrreihen konzentrierter zu Werke gingen als zu Beginn des Spiels. Borussia konnte entsprechend nur durch einen Fernschuss ein Tor erzielen, das sich nicht unbedingt angedeutet hatte, das aber die Anzahl borussischer Zaubertore dieser Saison (Zählung ohnehin erst vergangene Woche eröffnet) dafür verdoppelte. Castrop (Einschätzung nach sechs Jahren beim 1.FC Köln: nicht bundesligatauglich) hatte mal wieder einen aus dem Fuß geschüttelt, wie er das schon einige Male gezeigt hatte. Es sei an das Tor gegen Bayer Leverkusen erinnert, dass aus Abseitsgründen keine Anerkennung fand. 

Was sich die Borussia ankreiden lassen muss, ist, dass sie in der verbleibenden Spielzeit den Gegner zwar recht effektiv vom eigenen Tor fernhielt, aber es nicht verstand, die sich bietenden Räume zur Entscheidung zu nutzen. Dass man schließlich durch eine Standardsituation noch den Ausgleich kassieren musste, ist daher ärgerlich, geht aber letztlich in Ordnung. Wie wackelig es blieb, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass Borussia, die letzten Minuten nach einem weiteren unschönen Ellenbogeneinsatz durch Ausgleichstorschütze Eric “The Hammer” Martel in Überzahl, zwar noch zwei Halbgelegenheiten auf einen siegbringenden Treffer liegen ließ, sich aber auch noch beinahe einen tödlichen Konter einfing. 

So geht man mit einem Unentschieden aus dieser aufregenden Partie, mit dem die Borussia letztlich sicher besser leben kann als der Gegner; das ihr aber nicht in den Schoß gefallen ist, sondern das sie sich erkämpft und erarbeitet hat. Einen weiteren Test unter Druck bestanden zu haben, ist ein gutes Zeichen für den Abstiegskampf, der aber weiterhin andauert. Es gilt, in den zwei Wochen der Länderspiele einen Ansatz und eine Haltung für die restlichen Spiele zu finden, mit der die verbleibenden Punkte für den Klassenverbleib nach Möglichkeit zügig geholt werden können. Dann wird der Verein die dringend nötige Neuausrichtung hoffentlich ebenso seriös angehen, wie Polanski und seine Mannschaft dieses eben nicht alltägliche Spiel in der Domstadt.  

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