Punkte > Ehre
Derby, das ist da, wo Oscar Fraulo jetzt (manchmal) spielt. Ansonsten ist Derby einer der aus unserer völlig unmaßgeblichen Sicht einer der überschätzteren Termine im Jahreskalender von Borussia Mönchengladbach. Viel Folklore, teils ärgerliche Scharmützel am Rande und vom Nimbus des „wir gewinnen fast immer“ ist auch nicht mehr so wahnsinnig viel übrig. Immerhin, das letzte Spiel Borussias gegen den 1.FC Köln, denn davon ist hier die Rede, konnte die Mannschaft von Eugen Polanski für sich entscheiden. Zwar war das Team im vergangenen November in Mönchengladbach nicht so überlegen, wie es das Ergebnis erscheinen lässt, der 3:0-Erfolg sorgte aber für gute Laune und die drei Punkte werden in der Endabrechnung dieser alles in Allem wenig ersprießlichen Spielzeit möglicherweise von entscheidender Bedeutung sein.
Nicht minder gilt das für die Punkte, die es an diesem Wochenende zu verteilen gilt. Fernab von aller Derbyseligkeit treffen im Köln-Müngersdorfer Stadion zwei Abstiegskandidaten aufeinander. Köln schien zeitweise schon fast aus dem Schneider, hatte zuletzt aber eine handfeste Ergebniskrise. Borussia hat mit erheblichen Ergebnisschwankungen zu tun, hat zuletzt zuhause extrem wichtige Punkte gesammelt, ohne wirklich überzeugend aufgetreten zu sein. Man muss sagen, Köln spielte zuletzt den besseren Fußball, ohne sich dafür zu belohnen. Der letzte Sieg der Mannschaft von Lukas Kwasniok liegt schon einige Wochen zurück – ein 1:0-Erfolg gegen Wolfsburg Ende Januar. Seitdem holte Köln nur noch zwei Punkte, war aber gegen Mannschaften aus der Spitzengruppe der Bundesliga wie Stuttgart oder Hoffenheim durchaus ebenbürtig.
Gegen Borussia kann Kwasniok entgegen ersten Befürchtungen (oder erster Hoffnung, je nach Sichtweise) auf Said El Mala und Jakub Kaminski zurückgreifen, mithin auf die wohl zurzeit besten Spieler des Teams. Beide sind von kleineren Blessuren genesen und werden gegen Borussia wohl auch in der Startelf stehen. So fehlen neben dem Langzeitverletzten Hübers und einigen Ergänzungsspielern nur die gesperrten Abwehrspieler Sebulonsen und Simpson-Pusey. Jan Thielmann und Denis Huseinbasic sind wie El Mala und Kaminski zum Derby wieder am Start, spielen aber für die Startelf ohnehin keine Rolle.
Bei Borussia drehte sich unter der Woche vieles um den bevorstehenden Weggang von Rocco Reitz. Die angeblich unterirdischen Reaktionen der Gladbacher Fans, die den armen Rocco beleidigt und beschimpft hätten, sorgten auf den mittelseriösen Plattformen und in der Boulevardpresse für Empörung, in der Seitenwahl-Redaktion allerdings eher für erstaunen, denn uns sind diese vermeintlichen Reaktionen der Gladbacher Anhängerschaft verborgen geblieben. Womöglich sind wir nicht weit genug unten in der sozialmedialen Welt unterwegs, aber da, wo wir uns tummeln, ist die Reaktion auf den Reitz-Abgang gen Leipzig eigentlich unisono eine abgeklärte: Borussia muss den Deal machen, dass der Spieler zu einer Summe unterhalb der festgeschriebenen Klausel verkauft wird, zeigt a) dass die prekäre finanzielle Situation von Borussia Mönchengladbach im Fußballbusiness kein Geheimnis ist und b) dass Reitz‘ Entwicklung in dieser Saison bestenfalls stagniert. Dass der neue Verein kein Verein sondern ein Marketingkonstrukt ist, ist irgendwie bedauerlich, irgendwie aber auch egal, denn eigentlich weiß jeder, der über ein ausreichendes Maß an Hirnschmalz verfügt, dass Berufsfußballspieler Arbeitnehmer sind und sich ihren Arbeitgeber nach allerlei Kriterien aussuchen, bei denen „Herzblut“ nicht zu den Top-Ten-Kriterien gehört. Dass Rocco Reitz als Kind vielleicht auch mal Fan von Borussia Mönchengladbach war, hat mit seiner beruflichen Karriereplanung nicht das Geringste zu tun und das ist auch völlig okay so. Wir haben den Eindruck, dass das ungefähr so auch Konsens unter den Gladbach-Fans ist und der vermeintliche Aufstand der Idioten eine Erfindung von Fußball-Reportern, die halt jeden Tag irgend etwas schreiben müssen.
Zurück zum Derby – da wird Rocco Reitz wieder dabei sein und alles andere als die Rückkehr in die Startelf wäre eine handfeste Überraschung. Mit solchen ist auch darüber hinaus nicht zu rechnen. Man darf davon ausgehen, dass Franck Honorat diesmal den Vorzug vor Wael Mohya erhalten wird. Offen ist lediglich, ob Polanski Reitz anstelle von Kevin Stöger oder von Hugo Bolin aufbieten wird. Weniger umzustellen gäbe es, wenn Stöger auf die Bank rotierte, allerdings war der Österreicher gegen St. Pauli auch abseits von seinem Kastenmaier-Gedächtnis-Freistoßtor durchaus ein Aktivposten während Bolin ein weitgehend unauffälliges Spiel machte. Das gilt auch für Haris Tabakovic, der seine Stärken nun schon länger nicht mehr wirklich einbringen konnte. Borussias bester Torschütze hat aber schon mangels Alternativen seinen Platz sicher.
Dass Borussia in jedem Spiel an die Grenzen gehen muss, um in der Liga zu bleiben, haben wir jetzt hinreichend oft geschrieben. Dass das auch und gerade in Köln so ist, erklärt sich von selbst. Das große Plus der vergangenen Spiele war, dass Borussia defensiv halbwegs sicher stand. Das ist auch die Basis eines möglichen Erfolgs in Köln. Vorne hilft vielleicht der liebe Gott. Oder es landet doch mal eine Honorat-Flanke auf dem Kopf des Haris Tabakovic. Oder Stöger haut noch mal einen raus. Oder sagen wir so: Ein 1:0-Erfolg ist aus Sicht von SEITENWAHL das höchste der Gefühle. Und damit kommen wir zur
SEITENWAHL-Prognose
Christian Spoo: Leider landet keine Honorat-Flanke auf keinem Tabakovic-Kopf und der Stöger-Freistoß war ein one-off. Und leider macht El Mala ein Tor. Heißt: 1:0 für Köln.
Michael Heinen: Köln benötigt die Punkte derzeit noch etwas dringender als Borussia. Dies macht sich auf dem Platz bemerkbar und sorgt für den entscheidenden Unterschied, der dem effzeh einen glücklichen 2:1-Sieg beschert.
Mike Lukanz: Egal, wie die Situation aktuell ist oder was Herz sowie Kopf sagen. Ich kann und werde unmöglich auf eine Derbyniederlage tippen. Mit dem 1:1 können wir am Ende gut leben. Der FC wahrscheinlich auch.
Michael Oehm: Ich schließe mich dem Kollegen mit dem 1:1-Tipp an. Als Optimismusonkel finde ich allerdings, dass wir besser mit dem Unentschieden leben können als Köln. Und das ist doch auch was Schönes.
Claus-Dieter Mayer: Köln ist aggressiv, Gladbach schissig, Köln greift an, Gladbach versteckt sich…aber es kommt nicht viel herum dabei und als die Borussia mit dem ersten Torschuss in Führung geht, bricht der FC in sich zusammen. Nach der 0:4 Heimpleite zerlegen die Kölner Fans ihr eigenes Stadion, der Verein meldet sich vom Spielbetrieb ab und löst sich (endlich!) auf. Insgesamt ein erfreuliches Wochenende!
Uwe Pirl: Wie der Kollege Mayer sprenge ich den vom Pessimismusbeauftragten behaupteten Konsens der SEITENWAHL-Redaktion. Gladbach gewinnt 5:1, danach brennt die Bahnhofskapelle. Schöne Grüße nach Atlanta.

