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Die letzte Patrone

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Seit fast 30 Jahren verlaufen Spiele in Freiburg regelmäßig nach demselben Muster. Den Gastgebern reicht eine durchschnittliche Leistung, um sich ohne größere Anstrengungen gegen eine hilflos über den Platz stolpernde Borussia souverän durchzusetzen. So war es auch an diesem Sonntag. Es wäre aber fatal, die 1:2-Niederlage einzig auf den Freiburg-Fluch zu schieben, dem schon erfolgreichere Fohlenteams in den vergangenen Jahrzehnten erlegen sind. Dafür reiht sich die dürftige Leistung zu sehr ein in den Gesamteindruck, den die Mannschaft von Noch-Trainer Eugen Polanski in dieser Saison hinterlässt. 22 Punkte nach 23 Spielern reichen nur deshalb immerhin noch zu Platz 14, weil mit Werder Bremen und dem VfL Wolfsburg zwei weitere Mannschaften deutlich unter ihren Ansprüchen bleiben.

Während abstiegskampferfahrene Klubs wie Mainz, Augsburg und Union Berlin bereits vorbeigezogen sind, entwickelt sich der Abstiegskampf zunehmend zu einem Schneckenrennen dieser drei gescheiterten Ex-Spitzenklubs. Retten wird sich am Ende nur derjenige, der sich in den entscheidenden Monaten mit der nötigen Einstellung präsentiert und seine aktuellen Leistungen deutlich verbessert. Dafür wird sich Borussia zum Auftritt im Breisgau enorm steigern müssen.

Rein ergebnistechnisch waren die Niederlagen in Frankfurt und Freiburg einkalkuliert. Ab der kommenden Woche gibt es aber keine Ausreden mehr. Mit Union Berlin, St. Pauli, Heidenheim und Mainz reisen nacheinander Mannschaften in den Borussia-Park, gegen die ein Heimsieg erwartet werden muss. Aber Obacht: Zuhause konnten in dieser Saison bislang nur 10 Punkte erzielt werden. Einzig die Spiele gegen Köln und Augsburg wurden gewonnen. Gegen Bremen, Wolfsburg, Hamburg und St. Pauli (Pokal) bot Gladbach indiskutable Leistungen, die auch gegen die nun folgenden Gegner nicht reichen wird. In der Hinrunde waren es zwar genau diese Partien, die das kurze Zwischenhoch unter Eugen Polanski befeuerten. Aber zum einen kann man sich nicht darauf verlassen, dass sich eine solche Geschichte unbedingt wiederholt. Und zum anderen kam es Borussias Spielweise eher entgegen, auswärts antreten zu dürfen.

Von „Spielweise“ kann mittlerweile allerdings ohnehin kaum noch gesprochen werden, denn wie genau diese aussehen soll, wird vermutlich Polanski selbst nicht wissen. Zwischen den Strafräumen bietet die Mannschaft noch ein halbwegs gefälliges Spiel. Im letzten Drittel bleibt sie aber viel zu ungefährlich und kommt kaum zu zwingenden Torchancen. Ullrich und Scally bleiben offensiv derart blass, dass selbst ein Bernd Korzynietz im Vergleich zu ihnen wie ein Flankengott wirkte. Gefährliche Aktionen gehen maximal von Franck Honorat aus, der sich aktuell aber ebenfalls in einer Formkrise befindet. So verbleiben nur noch Standardsituationen und die Hoffnung auf Tabakovic.

Der Hoffenheimer beeindruckt zwar mit seiner Torbilanz, ist dafür aber sehr beschränkt in seinen technischen Fertigkeiten. „Ich sehe in der Bundesliga Spieler, denen springt beim Stoppen der Ball weiter vom Fuß, als ich ihn jemals schießen konnte“, wurde Horst Köppel einst zitiert. Die schlechten Ballannahmen vieler Borussen – da ist Tabakovic leider nicht allein – kombinieren sich mit unpräzisen Pässen, die ihr geplantes Ziel immer gezielt um einige Zentimeter verfehlen. Ob Ballannahme oder -abgabe: Beides ist eine Qualitätsfrage, an der Borussias Kader in dieser Saison zunehmend scheitert.

Rouven Schröder hat sich in der Winterpause dafür entschieden, den von seinem Vorgänger miserabel zusammengestellten Kader um drei Perspektivspieler zu verstärken, die das aktuelle Qualitätsniveau nur bedingt anheben. Ein oder zwei erfahrene Soforthilfen hätten die Wahrscheinlichkeit für einen Abstieg reduzieren können. Auf diese Patrone hat Borussias Sportkopf verzichtet. Eine weitere verbleibt ihm noch und er wird sich gut überlegen müssen, wann er diese zündet.

Für die bevorstehende Partie gegen Union Berlin hat er Eugen Polanski noch eine Jobgarantie ausgesprochen, obwohl es schon jetzt nur noch wenige Argumente für ihn gibt. Das Einzige, was für ein Festhalten am aktuellen Trainer spricht, ist die Erkenntnis, dass es vornehmlich nicht an ihm liegt und dass auch mit einem neuen Übungsleiter keine Besserung zwingend zu erwarten wäre. Mainz und Augsburg haben in dieser Saison vom Trainereffekt profitiert. In Wolfsburg oder Bremen ist er ausgeblieben. Borussia ist in den letzten Jahren unter Hütter, Farke, Seoane und jetzt Polanski kontinuierlich schlechter geworden, was in erster Linie der kontinuierlichen Verschlechterung des Kaders zuzuschreiben ist. Mittlerweile verfügt Borussia über einen Kader, der nur noch maximal unteres Bundesliga-Mittelmaß abbildet. Kommt dann noch Pech hinzu – z. B. durch langfristige Ausfälle der offensivstärksten Spieler – dann droht Abstiegskampf. Da wird ein neuer Trainer allein wenig dran ändern.

Nichtsdestotrotz ist es dem sportlich Verantwortlichen nicht verboten, aus den dürftigen Gegebenheiten das Optimum herauszuholen und zumindest so etwas wie eine Spielidee zu entwickeln. Wenn man weiß, dass man vorne fast nur auf die Torgefahr eines technisch limitierten, aber kaltschnäuzigen Angreifers vertrauen kann, dann sollten Mittel und Wege gefunden werden, diesen bestmöglich in Szene zu setzen. Defensiv hat Polanski in der Hinrunde mit der Umstellung auf eine Dreier- bzw. Fünferkette ein probates Mittel gefunden, um die vormals fehlende Stabilität zu stärken. Dies ist aber offensichtlich in gleichem Maße zu Lasten der Offensivgefahr gegangen.

Polanski muss für die anstehenden Heimspiele eine Spielidee finden, mit der Borussia gegen defensiv kompakte und hoch pressende Mannschaften zurechtkommt. Gelingt ihm dies nicht schon gegen Union Berlin, so wird er nicht mehr zu halten sein. So leid es einem um Eugen Polanski als Typen täte: Am Ende geht es um Borussia und Schröder wird sich am Ende nicht den Vorwurf gefallen lassen wollen, zu spät reagiert und damit den Klassenerhalt gefährdet zu haben.

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