Real Madrid entlarvt sich selbst: Es fehlt an Einstellung, Führung, Qualität
Wichtigstes Markenzeichen ist weg
In den vergangenen 15 Jahren hat Real Madrid nicht immer brilliert, nicht immer Titel gewonnen, nicht immer bei Transfers und Trainer-Entscheidungen richtig gelegen. Und doch so viel erreicht und gewonnen wie kein anderer Klub in dieser Epoche des modernen Fußballs. Mann konnte sich in diesen letzten eineinhalb Jahrzehnten, unabhängig vom Trainer und dessen, wer genau auf dem Platz stand, in aller Regel darauf verlassen, dass Real Madrid genau dann liefert und da ist, wenn es ungemütlich wird. Wenn Spiele kippten, wenn der Gegner witterte, dass etwas möglich ist, wenn es wehtat. Dieses Gefühl ist verschwunden. Bei der Niederlage am letzten Champions-League-Spieltag bei Benfica (2:4) zeigte sich eine Mannschaft, die auf Widerstand nicht mit Trotz reagierte, sondern mit Passivität. Die Körpersprache war weitestgehend entlarvend, die Intensität unzureichend, die Überzeugung fragil. Benfica musste nicht über sich hinauswachsen – Real erledigte den Rest selbst.
Ohne Frage hat Benficas Trainer José Mourinho sein Team sowohl taktisch als auch mental – zehn Kilometer lief man mehr – beinahe perfekt auf ein auch für den portugiesischen Rekordmeister entscheidendes Spiel eingestellt. Und dennoch war das Duell im Estadio da Luz kein Spiel, das man mit dem Verweis auf Details ad acta legen kann, sondern vor allem ein weiterer Beleg dafür, dass dieses Real Madrid ein Problem hat, das tiefer reicht als Form oder Spielanlage: Es fehlt an Mentalität, Verlässlichkeit und innerem Druck. Ausgerechnet in den Momenten, in denen dieser Klub traditionell wächst, schrumpft diese Mannschaft. In Lissabon ist genau das erneut eingetreten, was Thibaut Coutois nach dem Sieg in Villareal im Hinblick auf die jüngste Vergangenheit angeprangert hatte – nach ein, zwei guten Auftritten ließ die Anspannung nach.
Arbeloas lange Leine funktioniert auch nicht
Das größte Problem der Königlichen ist nicht fehlendes Talent, sondern fehlende Konstanz gepaart mit einer bedenklichen Gleichgültigkeit. Zu viele Spieler bewegen sich im komfortablen Mittelmaß, liefern alle paar Wochen ein ordentliches Spiel ab und tauchen dann wieder ab, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Leistungsschwankungen im modernen Fußball, bei so vielen Spielen sind normal, doch in dieser Häufung sind sie ein Symptom mangelnder Einstellung. Und das hat nichts mehr mit der angeblichen Mentalität des Vereins zu tun, nach der Real Madrids Spieler keinen richtigen Trainer, sondern nur einen Menschenkenner und Kabinenmanager bräuchten. Das mag für die Vorgängergeneration gegolten haben, aber Cristiano Ronaldo, Sergio Ramos, Luka Modrić, Toni Kroos, Karim Benzema und Kollegen hatten sich ihre Freiheiten nicht nur mit vergangenen Erfolgen verdient, sondern Jahr für Jahr gezeigt, dass sie als Team nicht nur spielerisch, sondern auch charakterlich so reif sind, dass es genau der richtige Weg ist.
Der aktuelle Kader der Königlichen hingegen kam schon in der vergangenen Saison mit dem lockeren Führungsstil Carlo Ancelottis nicht nur nicht zurecht, sondern scheiterte grandios und kostete den erfolgreichsten Trainer in Real Madrids Geschichte seinen Job. Xabi Alonso als beinahe kompletter Gegenentwurf kam noch weniger gut an – seiner entledigte sich das Real-Team nach gerade einmal gut einem halben Jahr. Und nun stößt auch Álvaro Arbeloa nach wenigen Spiele an seine Grenzen. Die Politik der langen Leine, das fast schon demonstrative Vertrauen in den gesamten Kader, oder zumindest in die freifahrtsscheinfahrenden Top-Stars, sollte Ruhe und Selbstvertrauen erzeugen, tatsächlich wurde in Madrid inzwischen ein Umfeld geschaffen, in dem Dringlichkeit, Wettbewerb, Reibung, Leistungsdruck fehlen. Wer keine Grenzen setzt, darf sich nicht wundern, wenn sie überschritten werden. Real Madrid wirkt aktuell wie eine Mannschaft, die sich zu sicher fühlt, ohne sich überhaupt etwas erarbeitet zu haben. Schon seit Jahren hat sich der Eindruck verfestigt, dass zu viele Spieler sicher sein können, unabhängig von Leistung oder Einstellung gesetzt zu bleiben. Auch daran ist Xabi Alonso am Ende gescheitert, auch wenn er es zu Saisonbeginn noch versuchte mit Konkurrenzkampf und Co.
Nur zwei Stars genügen den Ansprüchen
Besonders alarmierend ist das mentale Vakuum auf dem Platz. Wenn es nicht läuft, übernimmt niemand Verantwortung. Es gibt keine klare Hierarchie, keine sichtbaren Anführer – der einzige steht weit weg, im Tor –, keine Spieler, die Mitspieler wachrütteln. Stattdessen wartet man auf den Moment, auf die Eingebung, auf den Geistesblitz. Dass das auf diesem Niveau nicht reicht, zeigte Benfica – eine in europäischen Maßstäben höchst durchschnittliche Mannschaft – gnadenlos auf. Außerdem muss bei allem zweifellos vorhandenen Talent mittlerweile bei vielen Spielern die Frage gestellt werden, ob die Qualität den Ansprüchen von Real Madrid noch genügt.
Bei Licht betrachtet, können und müssen dabei nur Thibaut Courtois und Kylian Mbappé ausgenommen werden, denn sowohl der Torhüter als auch der Torjäger liefern nicht nur sportlich konstant ab, sondern übernehmen auch neben dem Platz Verantwortung, legen auch medial den Finger in die Wunde. Courtois am vergangenen Wochenende, Mbappé am Mittwochabend nach der Blamage in Lissabon, als er von einer Schande sprach: „Es ist keine Frage der Qualität, keine Frage der Taktik. Es geht darum, mehr Gier zu entwickeln als der Gegner. Man konnte nicht sehen, dass wir um unser Leben spielen. Man hat nicht gesehen, worum es für uns geht. Wir haben keine Konstanz in unserem Spiel, das müssen wir lösen. Wir können nicht an einem Tag so auftreten, am anderen so. Einem Siegerteam passiert das nicht.“
Se iban del campo sin agradecer a todos los madridistas que habían gastado sus salarios para ir a Lisboa y apoyarles. Tuvo que avisarles Thibaut Courtois. Viven en otro mundo.
— (fan) gam (@mbaafraude) January 29, 2026
Nächstes Pfeifkonzert droht
Die Lehren aus dem Spiel bei Benfica reichen damit weit über 90 Minuten hinaus. Real Madrid muss sich grundlegend fragen, wofür diese Mannschaft aktuell steht. Talent allein reicht nicht, Namen reichen nicht und vergangene Erfolge schon gar nicht. Ohne eine klare Steigerung in Mentalität, Konstanz und interner Führung droht diese Saison zu einem ähnlichen, sogar noch schlimmeren Desaster zu werden, als es die vergangene gewesen war. Dass diese Aspekte jedoch nicht über Nacht entstehen oder geändert werden können, liegt auf der Hand und zeigt das ganze Dilemma, in dem sich der Klub momentan befindet. Zumal seitens der Vereinsführung keinerlei Anzeichen sichtbar werden, dass man die Probleme erkannt hat und angehen will. Im Gegenteil, die Entlassung Xabi Alonsos zeugt gerade vom fehlenden Willen, sich strategisch anders aufzustellen. Bei Real herrscht – nicht nur sportlich – die Devise: „Das haben wir schon immer so gemacht, es war erfolgreich, also machen wir weiter so.“ Wintertransfers? Weiter so unwahrscheinlich wie der CL-Titel.
Dass der Madridismo aber mittlerweile nicht nur mit der Mannschaft die Geduld verloren hat, zeigte sich erst kürzlich beim Heimspiel gegen Levante, als im Estadio Santiago Bernabéu sowohl die Mannschaft gnadenlos ausgepfiffen wurde als auch die (im Stadion) ersten lautstarken Rücktrittsforderungen gegen Präsident Florentino Pérez hörbar wurden. Zwar konnten die Blancos mit zwei ordentlichen Auftritten danach die Gemüter etwas beruhigen, doch in Lissabon taten sie nicht nur sportlich alles dafür, den Zorn der Fans erneut hervorzurufen. Nach dem Spiel musste Courtois seine Kollegen mehrfach lautstark auffordern, nicht direkt in der Kabine zu verschwinden, sondern sich bei den 3.500 Madridistas zu bedanken, die aus ganz Europa in die portugiesische Hauptstadt gereist waren, um ihr Team zu unterstützen. So droht am kommenden Sonntag beim Spiel gegen Rayo Vallecano die nächste Eskalationsstufe im Bernabéu, das nächste Pfeifkonzert ist sicher. Und vielleicht ist genau das Real Madrids einzige Chance, dass Spieler und Funktionäre endlich aufwachen und den Ernst der Lage erkennen. Falls das überhaupt möglich ist.
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