Verpufft und ausgekehrt
Noch vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart fragten Medienkollegen die Spieler von Borussia gerne nach dem recht neuen Trainer. Was Eugen Polanski denn anders mache, was ihn auszeichne. Das Zwischenhoch im Herbst, es hallte nach. Irgendwas musste der neue Mann ja besser machen als sein Vorgänger. Oder war es bloß der vielzitierte "Neue-Besen-Effekt"? Nach dem 19. Spieltag lässt sich festhalten: Der neue Besen kehrt genauso wie der alte, der Polanski-Effekt ist verpufft. Die Mannschaft spielt exakt den gleichen Mist - pardon my French - wie unter Gerardo Seoane. Mit ebenso ernüchternden Resultaten. Borussia befindet sich im Abstiegskampf, wenngleich der zweite Teil dieses Wortes nicht taugt, um das zu beschreiben, was die Spieler auf den Platz bringen.
Wir sehen: Am Trainer lag es vermutlich nicht zuallererst, dass Borussia Mönchengladbach nur noch ein schwacher Schatten dessen ist, was von 2011 bis 2022 oft Wirklichkeit, zumindest aber der Anspruch war. Roland Virkus hat ein Team gebaut, das zwar so viel kostet, wie ein Bundesligateam des oberen Mittelfeldes, das aber nicht so spielt, offenbar nicht so spielen kann. Die Mannschaft ist nicht besser als Platz 12 bis 16. Es fehlt an innerer Struktur, es fehlt an Führung auf dem Platz, es fehlt an Mut, an Spielfreude, an Laufbereitschaft, es fehlt fast an allem. Eugen Polanski kann dafür nichts. Er muss mit dem arbeiten, was er hat. Um aus dieser Ansammlung von Spielern mehr herauszukitzeln, als es im Moment gelingt, um diese Truppe dazu zu kriegen, Woche für Woche am oberen Limit ihrer Fertigkeiten zu spielen, hätte es einen Zauberer gebraucht - oder zumindest einen Trainer ganz anderen Kalibers als den Novizen aus Viersen. Polanski ist nach vier Monaten genau dort, wo Gerardo Seoane auch schon nach kurzer Zeit im Amt war. Der Trainer wirkt ratlos, beginnt mit System und Personal zu experimentieren, weil es für ihn kaum andere Möglichkeiten der Einflussnahme gibt, erscheint auch zunehmend hilflos darin, die Entwicklung öffentlich zu erklären. Nicht der Trainer, die Mannschaft ist das Problem.
Gegen den VfB Stuttgart baute Polanski sein Team um: Statt der zuletzt etabliert scheinenden Dreier-/Fünferabwehr stand eine Viererkette mit den Innenverteidigern Elvedi und Takai auf dem Platz. Philipp Sander rückte vor ins defensive Mittelfeld, Florian Neuhaus und Rocco Reitz tauschten quasi die Position, so dass Neuhaus nominell auf der Doppelsechs, Reitz offensiver aufgeboten wurde. Franck Honorat musste zurück auf die rechte Seite während Shuto Machino neben Tabakovic stürmte - nein, stürmen sollte. Denn Stürmen gehörte an diesem Sonntagnachmittag nicht zu den Dingen, die Borussia zu zeigen imstande war.
Was auf den ersten Blick nach einer 0:3-Niederlage absurd erscheint: Die beste Leistung brachte noch die Abwehr. Moritz Nicolas hielt einiges, war bei den ersten beiden Treffern chancenlos, der dritte allerdings wirkte haltbar. Beide Innenverteidiger erfüllten ihre Kernaufgabe und ließen defensiv wenig zu. Auch hier bildet das 0:3 eine Ausnahme. Lukas Ullrich kann man wenig vorwerfen. Joe Scally dagegen war die tragische Figur - wobei der Begriff Tragik ihn womöglich zu sehr aus der Verantwortung nimmt. Das 0:1 legte der Leweling mit der Brust auf, das 0:2 erzielte er mit dem Rücken selbst.
Darüber hinaus ergibt es wenig Sinn, sich an der Leistung einzelner Spieler abzuarbeiten. Von Sander bis Tabakovic verdienten sich ausnahmslos alle Schlechtestnoten. Bis zum von Tabakovic verschossenen Elfmeter in der 13. Minute sah es so aus, als könne Borussia ein Spiel aufziehen. Danach aber, spätestens nach dem ersten Gegentor, brach alles zusammen. Stuttgart wurde mutiger und tat das, was Borussia gar nicht leiden kann: Früh anlaufen. In der Folge verlor Borussia wie schon gegen Wolfsburg, in Hoffenheim und gegen den HSV den Kopf. Die Fehlerquote war enorm, fast alle Zweikämpfe gingen verloren und die Statistik zeigt, dass die Mannschaft den Stuttgartern in jedweder Hinsicht unterlegen war. Für das, was einige der eher offensiv ausgerichteten Spieler darbrachten, wurde das Wort "Totalausfall" erfunden. Ob die Akteure in weiß eher komplett verunsichert oder lustlos waren, lässt sich aus der Ferne schwer diagnostizieren. Im Ergebnis steht ein Auftritt ohne echte Torchance, vom Elfmeter einmal abgesehen. Zwei Halbchancen von Machino, nachdem das Spiel schon entschieden war, seien der Fairness halber erwähnt.
Was auch immer Eugen Polanski seinen Spielern in der Halbzeit nach einer wenig berauschenden ersten Hälfte mit auf den Weg gab, es war entweder falsch oder es kam nicht an. Viele - SEITENWAHL eingeschlossen - wunderten sich darüber, dass der Trainer nicht schon in der Halbzeit etwas am Personal änderte. Als er schließlich Sarco und Mohya brachte, fiel postwendend das 0:2 und die Messe war gelesen, der Drops gelutscht und das letzte Lied gesungen.
Borussia hat im dritten Spiel in Folge eine indiskutable Leistung gezeigt. Es ist sehr einfach, diese Mannschaft aus dem Konzept zu bringen. Mit Pressing, Einsatz und Lauffreude zieht man den Gladbachern sofort den Stecker. Eugen Polanski ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden. Irgendetwas muss ihm einfallen, um das Team zu wecken. Vielleicht wäre es richtig, mit einer Beton-Taktik die noch ausstehenden Aufgaben anzugehen. Eine Torfabrik jedenfalls wird aus dieser Mannschaft eher nicht mehr, Tabakovic hin, Tabakovic her. Das Team hat keine echten Führungsspieler, Rocco Reitz ist mit dieser Aufgabe sichtlich überfordert, so sehr er sich müht. Mit Tim Kleindienst rechnet in dieser Saison kaum noch jemand ernsthaft. Ansonsten drängt sich niemand auf.
Wir sollten uns darauf einstellen, dass die Saison bis zum Ende spannend bleiben wird. Irgendwo muss Borussia noch Punkte holen, will man am Ende nicht in die Relegation oder schlimmer. Punkten gegen die, die bisher noch schwächer da stehen, wäre ein Anfang. Am kommenden Spieltag geht es mit Werder Bremen gegen einen direkten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt. Ein Erfolg wäre Gold wert, auch wenn man sich vor dem Eindruck der letzten drei Spiele kaum vorstellen kann, wie das verunsicherte Team den Schalter bis dahin wieder umlegen soll.

