Ein Nullsummenspiel namens Borussia
Die Lust, dieses Spiel in chronologischer Reihenfolge nachzuerzählen, entspricht im Ungefähren der Lust der Borussen während des Spiels, Zweikämpfe anzunehmen oder sich schlicht und ergreifend zu wehren. Mein Vorteil ist, dass ich keine Spielberichtsprämie der Redaktion erhalte; wir vergeben auch intern keine Punkte für erfolgreiche Berichte, was irgendwie auch schade ist.
Blicken wir stattdessen auf den Statistikbogen des Spiels, der das Elend des Auftritts in der schönen Hansestadt verdeutlicht: 25:6 Torschüsse standen da zugunsten des HSV, davon 12:0 derer, die aufs Tor gingen. Ja, Borussia Mönchengladbach hat auswärts bei einem Aufsteiger keinen einzigen Schuss aufs Tor hinbekommen. Der HSV spielte 538 Pässe, Borussia nur 409, wovon dann auch nur 77% beim Mitspieler ankamen. Oder anders formuliert: einer von vier Pässen ging entweder ins Aus oder zum Gegner. Einzig die Zweikampfquote ist ausgeglichen, wobei zur Wahrheit gehört, dass auch diese noch Mitte der zweiten Halbzeit bei 60:40 für den HSV lag. Bemerkenswert.
Es ist einzig der immer noch limitierten Qualität des HSV zu verdanken, dass die Partie zur Halbzeit nicht schon genau so entschieden war, wie es wenige Tage zuvor in Hoffenheim der Fall war. Es ist ein schwacher Trost, und dass Eugen Polanski auf der Pressekonferenz dieses Spiel mehr schlecht als recht schönredete, lässt auch den wohlwollend blickenden Fan ratlos zurück. Um des deutlich zu sagen: Es ist nur dem Unvermögen des Gegners zu verdanken, nicht die zweite Klatsche binnen weniger Tage zu bekommen. Die zaghaften Versuche einiger Fans, die fahrlässig vertanen Chancen, allen voran durch Honorats kläglichen Pässen Richtung Tabakovic, in die argumentative Wagschale werfen zu wollen, ist mit einseitiger Vereinsbrille natürlich zu erklären. Diese Brille übersieht indes, dass der HSV da schon längst mit 2:0 oder höher hätte führen können, vielleicht sogar müssen.
Was so frustrierend an Borussia ist: Jede Woche scheint andere Spieler völlig von der Rolle zu sein; ein Umstand, den Polanski entweder nicht in den Griff bekommt oder der ihn auch verzweifeln lässt. Siehe Florian Neuhaus. Beim 4:0 gegen Augsburg noch kreativer Dreh- und Angelpunkt, in Hoffenheim dann taktisch gegen Castrop geopfert, der wiederum völlig unterging. Also Rolle rückwärts, Neuhaus beginnt wieder in Hamburg und bekommt zu keiner Sekunde irgendeinen Zugriff aufs Spiel, verliert Zweikämpfe, trabt lustlos übers Feld, hilft nicht beim Vorwärtspressing. Castrop wiederum, diesmal eingewechselt, brachte dann sichtbaren Schwung in einer Phase, in der der HSV müde wurde. Warum in dieser Phase ein flinker, trickreicher Spieler wie Wael Mohya nicht seine Chance bekommt, ist halbwegs unerklärlich. Mohya hätte die müde Hamburger Abwehr sicher noch vor größere Probleme gestellt und vielleicht einen Freistoß oder sogar Elfmeter gezogen.
Es gleicht einer Lotterie, welche Spieler denn diesmal halbwegs vernünftig ihre Leistung abrufen und welche neben sich stehen. Der Umstand, dass Borussia es im Kollektiv und unabhängig von einzelnen Spielern, schon seit Jahren kaum vermag, mal ein gesamtes Spiel zu kontrollieren, geschweige denn zwei oder drei hintereinander, kommt erschwerend hinzu. Jeder Versuch, dieses nicht totzukriegene Phlegma in diesem Verein zu verstehen und zu beheben, endet mittlerweile zwangsläufig in tiefenpsychologischen Ebenen. Rational erklärbar ist es keineswegs, dass dieses Virus seit Jahren in diese Mannschaft gefahren ist, ganz unabhängig davon, dass der heutige Kader mit dem vor schon zwei oder drei Jahren nichts mehr zu tun hat.
Ja, Robin Hack und Tim Kleindienst fehlen. Sehr sogar. Ich bin sogar geneigt zu sagen, dass Hack mit all dem, was er mitbringt, mehr fehlt als Kleindienst. Ja, Tabakovic hat offensiv schon jetzt mehr kompensiert, als alle zu hoffen gewagt hatten. Gestern wurde jedoch einmal mehr deutlich, dass der Bosnier in der Rückwärtsbewegung oder im Pressing kaum zu gebrauchen ist. Er ist ein One-Trick-Pony, neudeutsch formuliert, und das macht er hervorragend. Aber Hack hat die Schnelligkeit, das Spielverständnis, die Technik und auch die Galligkeit, die der Mannschaft gerade so oft abgeht. Honorat ist defensiv bzw. gegen den Ball auch keine Verstärkung für die Mannschaft; ebensowenig Neuhaus in der Form vom HSV-Spiel. Das bedeutet in Summe, dass die vorderste Reihe nahezu vollständig für die Defensivarbeit ausfällt und Rocco Reitz pro Spiel mehr Löcher stopfen muss als ein Maler-Lehrling im ersten Jahr seiner Ausbildung. Unsere einzige Hoffnung offensiv ist es zurzeit, dass es pro Spiel ein bis zwei Mal die Kette Honorat auf Tabakovic = Tor gibt. Und genau das hätte in Hamburg ja fast wieder funktioniert. Gegner, die das jedoch erfolgreich unterbinden, ziehen Borussia aktuell fast vollständig den Zahn.
Gestern hieß es in unserer klugen Redaktion sehr richtig, dass Rouven Schröder durch diese Spiele sehr genau präsentiert bekommt, an welchen Stellschrauben er auf dem noch offenen Transferfenster arbeiten muss. Ob er es aufgrund leeren Kassen und wenig sexy sportlichen Aussichten schafft, die entsprechenden Spieler an den Niederrhein zu locken, ist mindestens zweifelhaft.
Ich sage es seit vielen Transferperioden: Es kann nicht sein, dass Borussia nicht in Europa irgendwo einen erfahrenen Ü30-Spieler findet, der z.B. in Valencia, bei Lazio Rom oder ähnlichen Teams auf der Bank sitzt, aber international erfahren und abgezockt genug ist und der Ruhe und Erwachsensein in diese Truppe bringt. Yannick Engelhardt, Gio Reyna oder Kota Takai gehören allesamt nicht in diese Kategorie.
Takai ist ziemlich sicher ein großes Talent und hoffentlich nicht schlechter als Kevin Diks oder Nico Elvedi. Was diese Mannschaft jedoch braucht, ist kein 21 Jahre junger Japaner, der seit Monaten kein Pflichtspiel mehr von Anfang an gemacht hat. Sondern eher einen Typen wie Tomas Galasek oder Martin Stranzl. Gestandene Spieler und Charaktere, die sofort Gewicht in der Kabine und auf dem Feld haben. Talent hat diese Mannschaft, Vereinsbrille hin oder her, ausreichend im Kader. Was ihr fehlt, sind Mentalität und Beständigkeit.
Wahrscheinlich wird es diese Saison dennoch reichen, die Klasse zu halten. Realistisch braucht Borussia mit einem Punktestand von jetzt 20 noch circa drei bis vier Siege, dazu zwei bis drei Remis. 35 Punkte werden mit Blick auf die Schwächen von Heidenheim, St. Pauli und Mainz sehr sicher reichen. Es bleibt dennoch ein Ritt auf der Rasierklinge, denn die strukturellen Probleme des Kaders sitzen zu tief.

