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Walldorf: "Demenz ist nach wie vor ein Tabu-Thema"

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		Walldorf:

Von Agnieszka Dorn

Walldorf. Ein umgekipptes Eis, eine Uhr mit unbrauchbaren Zahlen, ein Wegweiser, der in alle Himmelsrichtungen zeigt: Alles Skulpturen, die die Menschen in Walldorf irritierten.

Als eine von fünf Modell-Quartieren wurde die Astorstadt im Rahmen des Projekts "Demenz im Quartier" von der baden-württembergischen Alzheimer Gesellschaft ausgewählt. Deshalb standen in den letzten eineinhalb Wochen die Figuren mitten im Stadtzentrum von Walldorf – und sollten Verständnis für Menschen mit einer Demenzerkrankung wecken. Denn oft fühlen sich diese Menschen im Alltag verunsichert und verwirrt.

Neben den Skulpturen informierten am Marktplatz verschiedene Stände über das Thema Demenz. Passantinnen und Passanten konnten mit Institutionen und Organisationen ins Gespräch kommen, vor Ort war auch die baden-württembergische Alzheimergesellschaft.

Aktuellen Zahlen zufolge sind in Deutschland 8,6 Prozent der über 65-Jährigen von Demenz betroffen, so Andrea Münch von der städtischen IAV-Stelle (Information, Anlauf, Vermittlung). "Umgerechnet auf Walldorf wären es etwa 350 Menschen", erklärt sie. Genaue Zahlen über demenzkranke Menschen in Walldorf habe die Stadt aber nicht.

In den kommenden zwei Jahren wird die Stadt im Rahmen des Projekts verschiedene Angebote und Maßnahmen entwickeln, um auf das Thema aufmerksam zu machen und demenzkranke Menschen sowie ihre Angehörige zu unterstützen. Damit soll das Thema enttabuisiert werden.

Aus insgesamt 34 Kommunen wurde Walldorf gemeinsam mit vier anderen Gemeinden ausgewählt. Das Projekt ist ein Teil der Landesstrategie "Quartier 2030 – Gemeinsam Gestalten". Momentan hat Walldorf keine Pflegeeinrichtung mit einer speziellen Demenzstation, in der Pflegeeinrichtung Astor-Stift leben allerdings an Demenz erkrankte Menschen.

"Das Thema Demenz ist in der Gesellschaft nach wie vor ein Tabu-Thema", berichtet Andrea Münch, treffen könnte es jeden. Die Menschen werden immer älter und mit steigendem Alter steigt auch das Risiko einer solchen Erkrankung, so Münch weiter.

Im Laufe der vergangenen Woche hätten die Menschen eher zurückhaltend auf das Thema und die Stände reagiert, allerdings habe es auch welche gegeben, die sich direkt mit den Verantwortlichen austauschten und Informationen einholten.

Bei einer Demenz werden die Nervenzellen im Bereich der Hirnrinde beschädigt, Erkrankte leiden zunächst an Störungen des Kurzzeitgedächtnisses gefolgt von einer erhöhten Vergesslichkeit. Im Laufe des Krankheitsverlaufs verlieren sie die Sprachfähigkeit und schließlich die Selbstbestimmtheit über den Körper und werden pflegebedürftig. Jährlich erkranken laut dem Statistischen Bundesamt rund 300.000 Menschen in Deutschland an Demenz, 2018 lebten etwa 1,6 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung in Deutschland. Das entspricht 1,9 Prozent der hiesigen Bevölkerung.

Heilbar sei die Erkrankung momentan nicht, sagt Saskia Gladis, Projektkoordinatorin von "Demenz im Quartier" bei der baden-württembergischen Alzheimergesellschaft. Es gebe allerdings Medikamente, die bei einer frühen Diagnose den Krankheitsverlauf verlangsamen würden, so Gladis. Prävention sei wichtig, vorbeugen lasse sich mit einem gesunden Lebensstil.

Dazu gehören ihr zufolge eine gesunde Ernährung, körperliche Bewegung – die aktiviert nämlich das Gehirn – und auch das Pflegen von sozialen Kontakten. Kreuzworträtsel zu lösen, gehöre nicht zu einem präventiven Gehirntraining, betont die Projektkoordinatorin. Rauchen, Bluthochdruck und übermäßiger Alkoholkonsum gelten als Risikofaktoren. Auch Menschen mit einem niedrigen Bildungsstand hätten ein erhöhtes Risiko, an Demenz zu erkranken.

An einem Stand informierte auch die kirchliche Sozialstation Walldorf-St. Leon-Rot über ihre Betreuungsangebote. Denn die Sozialstation bietet eine Betreuungsgruppe für Menschen mit Demenz an. In dieser Zeit können Angehörige mal durchatmen oder Besorgungen erledigen. In der Gruppe werde abwechselnd über verschiedene Themen gesprochen, erzählt die Pflegedienstleiterin Lore Hillenbrand. "Vor dem Ausbruch der Pandemie haben wir gemeinsam gesungen", schildert sie, das sei momentan nicht möglich. In der Gruppe gibt es Menschen mit verschiedenen Demenzstadien, auf jeden Menschen werde entsprechend einfühlsam eingegangen.

Die Generationenbrücke Walldorf war ebenfalls vor Ort. Laut dem Vorsitzenden Roland Portner hilft der Verein älteren Menschen generell im Alltag: vom gemeinsamen Einkaufen gehen über Hilfe beim Schriftverkehr bis hin zur Begleitung zu Ärzten und Behörden. "Wir begleiten auch Menschen mit einer beginnenden Demenz", berichtet Portner. Das Angebot gelte auch für sie, denn pflegende Angehörige bräuchten hin und wieder mal eine Entlastung. Sollte die Erkrankung allerdings schon fortgeschritten sein, sei man dafür nicht ausgebildet, so Portner.

Gut kommt immer eine Fahrt mit der Rikscha an – eine von Menschen gezogene Kutsche für zwei Personen. Die Ehrenamtlichen fahren etwa über die Lutherische Brücke zu den Walldorfer Wiesen oder zum Hochholzer See.

Im Laufe der Projekt-Woche wurde auch Josefina Minchola, die neue zuständige Pflegeberaterin vom Pflegestützpunkt Rhein-Neckar vorgestellt. Zudem berichteten betroffene Angehörige von ihren Erfahrungen. Und die "Les Troubadours" mit Akkordeonist Rudi Sailer und Michael Reinig am Dudelsack entführten mit ihrer Musik nach Frankreich und Deutschland.

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