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Der Cowboy im Odenwald: Leon Scholl ist Deutschlands einziger Kuhhirte

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		Der Cowboy im Odenwald:  Leon Scholl ist Deutschlands einziger Kuhhirte

Von Martin Bernhard

Eberbach. Es ist 6.30 Uhr in der Früh in Eberbach-Friedrichsdorf. 25 schottische Hochlandrinder laufen in der Morgendämmerung gemächlich über die Straße. Ein mächtiges Viadukt spannt sich über den Weg im Haintal. Nebel liegt in dem feuchten Tal. Die Route ist den Tieren vertraut. Dennoch muss Ingo, ein Westerwälder Kuhhund, einzelne Rinder antreiben oder zur Herde jagen. Unerschrocken bellt er auf das letzte Tier der Herde ein. Plötzlich wendet sich das schwarze Rind, senkt den Kopf und rennt auf uns zu. Im letzten Moment können wir den spitzen Hörnern ausweichen. Ein scharfer Ruf, ein Pfiff – der Hund weicht zurück. Das Rind beruhigt sich und trottet mit seinem Kalb der Herde hinterher. "Eigentlich sind die Rinder friedlich und genügsam. Nur Muttertiere nicht", sagt Leon Scholl. Das hat er vor einiger Zeit selbst erlebt. Da wollte er eine Kuh, die zuvor gekalbt hatte, mit ihrem Jungtier ohne Kuhhund zur Herde zurückholen. Das Tier schlitzte Scholl ein Bein auf und brach ihm eine Rippe.

Leon Scholl ist wohl Deutschlands einziger hauptberuflicher Kuhhirte. Fünf vierbeinige Mitarbeiter helfen ihm bei seinem Tagwerk. Zwei von ihnen begleiten ihn heute: Ingo, sein ältester Westerwälder Kuhhund, und der Welpe Schlumpi. Ingo lässt sich nur kurz streicheln. Das struppige Fell ist weich. Mit hellem Bellen und spielerischer Begeisterung treibt er die Rinder voran. Die dramatische Szene zu Beginn des Kuhtriebs ist schnell vergessen. Die Luft riecht feucht, ein Bächlein rauscht, Vögel zwitschern. "Das ist wie Spazierengehen mit Rindern", beschreibt Scholl seinen Arbeitsalltag. "Wenn ich zwei Tage lang meine Rinder nicht sehe, fehlen sie mir schon."

Laut Landwirtschaftsministerium werden in Deutschland rund zwölf Millionen Rinder gehalten. In Diskussionen über artgerechte Haltung geht es um Stallgröße, Liegeboxen und Futterplätze. "Fallweise haben die Tiere zusätzlich die Möglichkeit, ins Freie zu gehen. Hier können sie ihre arttypischen Bedürfnisse nach Bewegung am besten befriedigen", heißt es auf der Internetseite des Ministeriums. Leon Scholls Rinder dagegen haben keinen Stall, sondern einen Unterstand – und das kilometerlange Haintal.

"Schau, wie die Kälber beieinander stehen und miteinander spielen. Das ist wie im Kindergarten", ist der Kuhhirte entzückt. Seine Tiere heißen Bulma, Camilla, Granada oder Soraja. Den Zuchtbullen nennt er Konrad, ein besonders urig aussehendes Tier. Die fast schon persönliche Beziehung Scholls zu seinen Tieren hindert ihn aber nicht daran, jeden Monat eines schlachten zu lassen. Denn auch er muss von etwas leben. Das Fleisch verkauft er in Direktvermarktung hauptsächlich an Privatleute. Bisher brachte Leon Scholl die todgeweihten Tiere noch in einem Anhänger zum Schlachter. Seit kurzem lässt er sie von einem Jäger auf der Weide schießen. "So können sich die Rinder von dem toten Tier verabschieden", erläutert Scholl. "Sonst denken sie, das tote Tier kommt zurück."

Die Herde verlässt den Weg und läuft zielstrebig in die Mitte des Tals, wo ein Bach durch ein Wäldchen fließt. "Schau, wie schön Ingo pendelt", sagt Leon Scholl. In einem breiten Abschnitt des Tals springt der Hund bellend in weiten Bögen hinter der Herde hin und her. Die Tiere bleiben beieinander und gehen zügig voran. Bleibt ein Tier zurück oder schlägt es einen anderen Weg ein, springt Ingo das Tier an und kneift ihm in die Fessel.

Anfangs transportierte Leon Scholl seine damals 20 Rinder ohne Hunde mit Traktor und Anhänger von der Sommerweide im Tal zur Winterweide auf der anderen Seite des Dorfs – eine mühselige Prozedur. Zwei Tage lang dauerte es, bis er alle Rinder transportiert hatte. Scholl informierte sich über Westerwälder Kuhhunde und erwarb zunächst zwei Welpen. Er trainierte Hunde und Rinder. Die Kenntnisse dafür las er sich an, mangels Alternative auch in Büchern über Schafzucht. Doch zwischen Schafen und Rindern besteht in der Haltung ein entscheidender Unterschied: "Das Schaf ist ein Fluchttier. Das Rind hält dagegen." Darum muss der Kuhhund mutig sein.

Die "Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen" (GEH) beschreibt den Kuhhund als wendig und forsch, "der den Kuhtritten geschickt ausweicht, genügend Druck auch an Mutterkühen und Bullen erzeugen kann und sich nicht einschüchtern lässt." Leon Scholl hat 25 der Westerwälder gezüchtet. "Wir brauchen Hunde, die arbeiten", meint er. Laut GEH leben nur noch rund 40 dieser Tiere, davon die Hälfte in zuchtfähigem Alter. Ein Großteil sei aber eng miteinander verwandt. Deshalb ernannte die GEH den Westerwälder Kuhhund zum "gefährdeten Nutztier des Jahres 2020".

Im Alter von 20 Jahren begann Leon Scholl, das Haintal zu beweiden. Damals hatte er gerade die Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker als Kammersieger abgeschlossen. Als Jugendlicher hatte er in den Ferien häufig auf dem Bauernhof seines Großcousins geholfen und neben seiner Ausbildung für einen Lohnunternehmer Strohballen gepresst. Als Gegenleistung für seine Arbeit erhielt er eines Tages zwei sechs Monate alte schottische Hochlandkälber. Bald wuchs seine Herde auf 20 Stück. Das war nebenberuflich nicht mehr zu schaffen. Vor drei Jahren machte sich Scholl dann als Kuhhirte selbstständig.

Vier Stunden lang weiden wir die Herde bis etwa zur Hälfte des Tals. Dort grasen die Tiere bis zum späten Nachmittag. Dann treiben wir sie zurück. Im Winter füttert Scholl die Tiere mit Heu. Dass sie artgerecht leben und sich naturgemäß ernähren, wirke sich auf die Qualität ihres Fleisches aus: "Das ist feinfaserig mit intermuskulärem Fett." Es verfüge wie Fisch über Omega-3-Fettsäure und gesättigte Linolsäure.

Mit seinem langen Stock, den zotteligen Hunden und den urig aussehenden Rindern wirkt Leon Scholl wie ein Mensch aus einer vergangenen Zeit. "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht", stellt er fest. "Wie meine Tiere lebe ich mit den Jahreszeiten im Einklang mit der Natur."

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