70 Jahre Stadtjugendring Weinheim: "Denken ist wie googeln - nur krasser"
Weinheim. (keke) Irgendwo in der Zweiburgenstadt sprudelt der Quell ewiger Jugend. Nicht anders ist es zu erklären, dass der gerade 70 Jahre alt gewordene Stadtjugendring (SJR) heute mehr denn je in der Blüte seiner Jahre steht und mit Martin Heckmann ein demnächst 90 Jahre alter SJR-Gründervater die Laudatio aufs Geburtstagskind hielt. "Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare. Für die Furchtsamen das Unbekannte. Für die Mutigen die Chance." Der Satz stammt von dem französischen Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885). "Martin Heckmann gehörte zu den Mutigen, die vor sieben Jahrzehnten anpackten und die Zukunft gestalteten", lobte SJR-Geschäftsführer Martin Wetzel den SPD-Altstadtrat.
Nach dem Sieg über den Faschismus sei bei ihm der Gedanke erwachsen, dass die deutsche Jugend eine demokratische Zukunft brauche, ja selbst Trägerin dieser Zukunft sein müsse, so Zeitzeuge Heckmann. Gehöre er doch einer Generation an, die in das "Dritte Reich" hineingewachsen sei und die Gleichschaltung, den Krieg und den Zusammenbruch in den prägenden Jahren der Jugend miterlebte: "Noch nicht 15-jährig, mussten wir als Flakhelfer Kriegsdienst leisten."
Man verderbe einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn verleite, den Gleichgesinnten höher zu achten als den Andersdenkenden, gab Heckmann der "Jugend von heute" mit auf den Weg. Was ihm Gedanken mache, sei die oft mangelhafte Geschichtskenntnis von Schülern. Dies müsse die Verantwortlichen wachrütteln, vor allem jene in Vorbildfunktionen. Frieden und Freiheit stellten das höchste Gut dar, richtete er den flammenden Appell an die Jugend: "Mischt euch ein. Muckt auf, beteiligt euch an." Gegebenenfalls sei Demonstrieren gut: "Wählengehen aber ist noch besser".
Seit 70 Jahren stellt der im April 1948 gegründete SJR als unabhängiger Interessenvertreter das Dach aller Weinheimer Jugendverbände dar, so OB Heiner Bernhard. In der langen Reihe seiner Vorsitzenden und Geschäftsführer gelte dieses Lob ausdrücklich auch Wolfgang Metzeltin und Jürgen Holzwarth, die den SJR viele Jahre "durch nicht immer ruhiges Fahr-wasser gelotst" hätten. Auf den SJR und dessen Arbeit könne und wolle niemand mehr verzichten. Der SJR stehe für ein internationales, interkulturelles und interreligiöses Programm, gebe Halt und Orientierung und baue auf den demokratischen Grundwerten auf, so der OB.
Die Gesellschaft steuere auf eine immer komplexere Welt der sozialen Beschleunigung, der Unsicherheiten und Widersprüche zu, warnte der Leiter der Sinusakademie Heidelberg/Berlin, Peter Martin Thomas: "Das Leben war leichter und einfacher, als ’Apple’ und ’Blackberry’ noch einfache Früchte waren." Digitalisierung und "Meta-Mobilität" stellten ebenso große Umwälzungen dar wie die Erfindung des Buchdrucks: "Der Mensch von heute lebt zwischen Verunsicherung und Faszination", drohe sich von der "realen" Welt zu entfremden. Nicht zuletzt stellten das frühe Eindringen der Erwachsenenwelt in die Kindheit und der demografische Wandel für die Jugendarbeit ein "großes Thema" dar. Eine weitere Herausforderung sieht Thomas darin, dass die Gesellschaft an den Rändern zerfällt: "Die Mitte der Gesellschaft muss als offener Teil der Gesellschaft erhalten bleiben." Sein Appell an "die Jugend": Wieder mehr außerhalb der Schule "Freiheit" lernen. Denken sei wie googeln: "Nur krasser".
"Unpolitische Jugendarbeit ist keine Jugendarbeit", so SJR-Geschäftsführer Martin Wetzel. Es gelte in erster Linie, Jugendliche durch politische Bildung für Teilhabe an der Demokratie zu begeistern. Politische Bildung dürfe kein "Surplus" von "ausgewählten Institutionen des Aufwachsens" sein.
Wetzel forderte dringend geeignete Räume für Jugendliche in Weinheim. Junge Menschen müssten sich ohne den zunehmenden Kontrollwahn Erwachsener entwickeln könnten: "Es bedarf vieler Räume, in denen Demokratie und politische Bildung geübt werden können." Jugend als wichtiger Lebensabschnitt jedes Menschen drohe aus der öffentlichen Wahrnehmung und aus dem öffentlichen Raum zu verschwinden, warnte er: "Die Erwachsenenwelt muss sich öffnen und einladender für junge Menschen sein."
Das Erste Weinheimer Mandolinenorchester, der Jugendchor an der Peterskirche "Vivida Banda" und die Hip-Hopper des Jugendtreffs "Carillonian" umrahmten die Feierstunde musikalisch und tänzerisch.

