Hannes Walter: "Man muss ein positiv Verrückter sein"
Von Christoph Offner
Heidelberg. Wenn das Thermometer im Juni und Juli beginnt, regelmäßig über die 25 Grad zu klettern, sind das Schwimmbad, der Bolzplatz oder die Eisdiele die beliebtesten Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche. Hannes Walter verbrachte seine Sommertage dagegen meist vor dem Fernseher. Nicht, weil er ein Stubenhocker oder Sportmuffel ist. Nein, gerade weil er vom Radfahren fasziniert war. Die Tour de France, die meist am ersten Juli-Samstag beginnt, war für den in Sachsen-Anhalt aufgewachsenen Walter einer der Höhepunkte des Sommers.
"Mein Onkel war Junioren-Rennfahrer in der DDR", erzählt er: "Die Begeisterung für den Radsport ist mir also quasi in die Wiege gelegt worden." Heute ist Walter, den es wegen seines Lehramtsstudiums nach Heidelberg verschlagen hat, in Personalunion Fahrer und Teamchef seines eigenen Rennstalls – Wheelsports-Metropol Racing.
Die Motivation für die Gründung war zunächst eher pragmatischer Natur: "Ich bin schon lange im Amateur-Bereich Rennen gefahren und da ist mir aufgefallen, dass es im Südwesten kaum Bundesliga-Teams gibt", erklärt der 31-Jährige. Frei nach dem Motto: Selbst ist der Radrennfahrer, rief er gemeinsam mit seinem Freund Sebastian Frey im November des vergangenen Jahres Wheelsports-Metropol Racing ins Leben. Namenssponsor ist die Firma Wheelsports, ein Radshop im pfälzischen Weselberg. Frank Dressler, der Inhaber von Wheelsports, ist selbst ehemaliger Radrennfahrer. "Er war sofort begeistert von der Idee, da er dem Radsport gerne etwas zurückgeben will", sagt Walter, der an einem Gymnasium Deutsch und Sport unterrichtet.
Elf Fahrer haben sich bei Wheelsports-Metropol Racing eingefunden. Neben Walter selbst sind das Julien Meyers, Matze Lauer, Jakob Gottschalk, Robin Fischer, Niklas Böhme, David Büschler, Marc Lauf, Scott David sowie die in der Region bestens bekannten Dominik Merseburg und Henrik Hamm. Sie treten in der Rad-Bundesliga an, einer Rennserie in Deutschland, zu der unter anderem die renommierte Erzgebirgs-Rundfahrt, die traditionsreiche Sauerland-Rundfahrt und die Deutsche Meisterschaft im Einzel- und Mannschaftszeitfahren gehört. "Die Rad-Bundesliga ist vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) für die Förderung von U 23-Nachwuchsfahrern ausgelegt, die den Sprung in den Profibereich schaffen wollen. Aber auch ambitionierte Amateure wie wir dürfen daran teilnehmen. Es ist die höchste Serie, die man in Deutschland als Nichtprofi fahren kann", sagt Walter.
Bis zu 15 Stunden sitzt Walter in der Woche auf dem Rad, dazu kommt noch Kraftraining und Regeneration. "Man muss schon ein positiv Verrückter sein", weiß er, dass Beruf und Leidenschaft nicht immer ohne Probleme zu vereinen sind. Da die Teammitglieder aus Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Baden-Württemberg kommen, ist ein gemeinsames Training nicht immer einfach zu bewerkstelligen – nicht zuletzt aufgrund der Corona-Pandemie. "Wir treffen uns immer montags in einem Videocall. Aber das tägliche Training gestaltet jeder für sich", berichtet Walter: "Das Highlight ist definitiv das Wintertrainingslager in südlichen Gefilden. Aber auch das musste pandemiebedingt dieses Jahr ausfallen." Zwischen 15 000 und 25 000 Kilometer spulen die Fahrer von Wheelsports-Metropol Racing im Jahr ab. Wichtig ist dem Team jungen Fahrern eine Perspektive zu geben, einen Unterbau zu schaffen. "Der Trend geht leider immer mehr dahin, dass Fahrer, die es nicht in den Profibereich schaffen, ihre Radschuhe an den Nagel hängen", bedauert Walter: "Wir wollen jungen Fahrern außerhalb von Profi-Teams eine Plattform geben und ihnen ermöglichen, auch weiterhin Radsport auf hohem Niveau zu betreiben."
Auch im europäischen Ausland geht Wheelsports-Metropol Racing an den Start. Im Juni steht die Baltyk-Karkonosze Tour in Polen an. Eines hat sich in all der Zeit, seit er als Kind am TV-Bildschirm die Frankreich-Rundfahrt verfolgte, also nicht geändert: Auch in diesem Jahr wird Hannes Walter die Sommertage anders verbringen, als die Meisten.

