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Handball-Europameisterschaft: Eine Mischung aus Exekutive und Legislative

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Von Michael Wilkening

Budapest/Mannheim. Glenn Solberg drückte auf den Button, um die Mannschaft ein letztes Mal zusammenzurufen. Im Finale der Handball-Europameisterschaft waren noch 30 Sekunden zu spielen, zwischen Spanien und Solbergs Schweden, die im Ballbesitz waren, stand es 26:26. Ein Treffer für die Skandinavier würde die Entscheidung bedeuten, also ging es in der Auszeit darum, eine Strategie für den Angriff zu besprechen. Solberg allerdings schwieg. Der Trainer hörte zu, als der Anführer des Teams das Wort ergriff und seine Kollegen einschwor. Der erste große Titel der Schweden nach einer 20-jährigen Wartezeit wird auf immer eng mit dem Namen Jim Gottfridsson verbunden sein. Der Spielmacher der SG Flensburg-Handewitt war, wen man so will, während der zurückliegenden zweieinhalb Wochen eine Mischung aus Exekutive und Legislative.

"Jim ist unser Boss", sagte Hampus Wanne. Der Linksaußen kennt Gottfridsson wie kaum ein anderer, denn er ist seit Jahren nicht nur in der schwedischen Mannschaft auf die Ideen des Spielmachers angewiesen, sondern zudem Klubkamerad in Flensburg. Der 28-jährige Wanne bewundert die Fähigkeiten des ein Jahr älteren Kollegen und zweifelt dessen Status nicht an. Der Linksaußen weiß, dass der mitunter im Umgang mit seinen Mitspielern impulsive Gottfridsson die Chancen deutlich vergrößert, Siege und dadurch Titel gewinnen zu können. Während der Europameisterschaft in der Slowakei und Ungarn schwang sich Gottfridsson zum herausragenden Spieler auf. Vor dem Finale wurde ihm der MVP-Titel verliehen, die Auszeichnung als wertvollster Akteur des Turniers. Im Endspiel gegen Spanien untermauerte er diesen Status.

Gottfridsson dominierte das Finale nicht durch seine drei Treffer, sondern mit der Tatsache, dass er allein bestimmte, wie die Schweden agierten. Im Rückraum der Skandinavier gibt es mit Felix Claar einen weiteren Mittelmann mit herausragender individueller Qualität, aber an den Status seines Kollegen reicht der Spielmacher des dänischen Topteams aus Aalborg nicht heran. Claar hörte deshalb zu, als Gottfridsson in der finalen Auszeit einen Angriffszug skizzierte, der kurz darauf Albin Lagergren von den Rhein-Neckar Löwen freispielte. Der Linkshänder sprang Richtung Tor, wurde dabei gefoult und den daraus resultierenden Siebenmeter verwandelte Niklas Ekberg zum 27:26. Trainer Solberg war uneitel genug, um dem Chef im Trikot im wichtigen Moment die Bühne zu überlassen.

Exakt 20 Jahre lang wartete die Nation auf einen großen Titel. Mit Gottfridsson an der Spitze endete die Durststrecke der Schweden, die in den 1990er Jahren den Welthandball beherrschten. Der Spielmacher steht deshalb fortan in einer Reihe mit Jahrhunderthandballer Markus Wislander und den anderen. Wislander war als Experte für das schwedische Fernsehen in Bratislava und Budapest Augenzeuge der Darbietungen seines Nachfolgers.

Das Finalwochenende in der ungarischen Hauptstadt hatte die besten Mannschaften des Turniers zusammengeführt. Entgegen düsterer Prognosen einiger Beobachter spielte die Corona-Pandemie nur eine Nebenrolle, als der neue Europameister ausgespielt wurde. Nicht die Teams mit den wenigsten positiven Fällen, sondern die mit der größten Qualität hatten sich für das Halbfinale qualifiziert. Der sportliche Wert des EM-Titels für die Schweden steht deshalb nicht in Frage. Viel mehr noch, sie hatten den Widrigkeiten erfolgreich getrotzt. Mit Torhüter Andreas Palicka, bis vor kurzem ebenfalls noch im Löwen-Trikot, und Siegtorschütze Ekberg waren zwischenzeitlich zwei wichtige Spieler positiv getestet worden und fehlten deshalb.

Die kampfstarken Skandinavier lehnten sich gegen die Rückschläge auf und wehrten sich mehrfach gegen das drohende Turnier-Aus. Beim letzten Vorrundenduell gegen Tschechien hätte eine Niederlage das Aus bedeutet, beim 27:27 wackelten die Schweden zwischenzeitlich bedenklich, wendeten die Enttäuschung aber ab. Im letzten Duell der Hauptrunde benötigten Gottfridsson und seine Kollegen einen Sieg gegen Norwegen und drehten in den Schlussminuten eine verloren geglaubte Partie. Einen 19:23-Rückstand nach 55 Minuten verwandelten die Schweden in einen 24:23-Erfolg.

Jim Gottfridsson vereinte dabei Legislative und Exekutive, denn er entschied nicht nur, wie die Schweden in der Offensive agieren sollten, sondern setzte den Plan höchst selbst um. Selten hatte ein Europameister einen Akteur in seinen Reihen, der derart dominant im Denken und Handeln war. "Jim ist ein Instinkthandballer, er macht die Dinge automatisch richtig", sagt Manager Dierk Schmäschke, der vor neun Jahren einen jungen Schweden nach Flensburg lotste. Gottfridsson führte die SG seither unter anderem zu zwei Meisterschaften. Erst mit dem EM-Titel in Budapest gelang ihm nun der letzte noch fehlende Schritt hin zu einer Legende im handballverrückten Schweden. Das Geheimnis seiner Leistungen hatte der Spielmacher des neuen Europameisters ein paar Tage zuvor verraten. "Ich bin ein Handball-Nerd", sagte der 29-Jährige lapidar.

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