Rhein-Neckar Löwen: Andy Schmid wuchs über sich hinaus
Von Michael Wilkening
Kronau. Nicht alles ist besser geworden. Zumindest behauptet das Hendrik Pekeler. "Vor wichtigen Spielen kann Andy schon ein wenig nerven", sagt der Kreisläufer der Rhein-Neckar Löwen. "Er ist dann ganz hibbelig und fragt einen ständig, ob wir auch wirklich gewinnen und ob wir gut genug sind", berichtet der Nationalspieler. Es war über viele Jahre ein Merkmal dieses mitunter genialen Handballers, in den ganz wichtigen Spielen die Nervosität nicht ganz abstreifen zu können. Das zeigte sich dann auf dem Spielfeld, doch mittlerweile bekommt die Anspannung nur noch Pekeler zu spüren, vor dem Anwurf. Auf dem Feld ist Schmid inzwischen zu einem Spieler gewachsen, der nicht mehr nur spielerisch glänzt, sondern zu einem Anführer geworden ist, der eine ganze Mannschaft tragen kann.
"Andy weiß jetzt, dass er auch große Spiele gewinnen kann", sagt Alexander Petersson und der Isländer weiß ganz genau, wovon er spricht. Petersson ist das, was man ein charakterliches "Monster" nennt, also einer dieser Spieler, die dauerhaft in der Lage sind, mit Kampf, Einsatz und Leidenschaft voranzugehen. Der Linkshänder spielt seit vielen Jahren neben Schmid, er profitierte oft von dessen Genialität - und er nahm manchmal diese Verzagtheit des Schweizers wahr, wenn es in Spielen um alles ging. "Er ist unser Anführer", sagt Petersson mittlerweile, weil er bemerkt hat, dass Schmid nicht mehr nur ein toller Handballer ist, sondern an Größe gewonnen hat.
"Ich habe das Gefühl, dass ich auf alle Situationen, die es auf dem Feld geben kann, gut vorbereitet bin", sagt Schmid. Ein Genius mit dem Ball war er schon seit langer Zeit, aber wie kein anderer profitierte er von den Meisterschaften, die die Löwen zuletzt gewannen. Die Titel durchbrachen die Selbstzweifel. "Ich habe jetzt den Eindruck, niemand mehr etwas beweisen zu müssen", sagt der Kapitän der Löwen. Es entstand ein Selbstverständnis bei Schmid, das ihn auf dem Feld größer erscheinen lässt. Die Angst vor der Niederlage ist dem Willen zum Sieg gewichen.
Es schien nicht vorstellbar, aber in der laufenden Saison sind die Leistungen von Schmid noch besser und noch konstanter geworden. Das Entscheidungsverhalten des Schweizers sucht seinesgleichen, gefühlt macht er auf dem Feld immer das Richtige. Der ehemalige Weltklasse-Rückraumspieler Olafur Stefansson, ein Idol in seiner Heimat Island, hat die perfekte Übersicht auf dem Platz vor ein paar Jahren mit der des Kino-Helden "Neo" aus der Matrix-Reihe verglichen. Wenn dieser Vergleich zulässig ist, ist Andy Schmid der "Neo" des Handballs.
Torgefährlich wie nie
"Ich finde, er ist einer der besten Offensivspieler auf der Welt, vermutlich ist er sogar der beste", sagt Thorsten Storm, der Manager des THW Kiel. Mit dieser Meinung steht Storm nicht alleine da, zuletzt wurde Schmid wiederholt als Kandidat für die Wahl zum Welthandballer genannt. Vermutlich hätte der Spielmacher der Rhein-Neckar Löwen eine realistische Chance, wenn er nicht aus dem Handball-Entwicklungsland Schweiz kommen würde und seine Genialität deshalb auch bei Europa- oder Weltmeisterschaften zeigen könnte.
Es hat viel mit Schmid zu tun, dass die Rhein-Neckar Löwen im dritten Jahr hintereinander ein ernsthafter Titelkandidat sind und dabei dem Verlust eines zentralen Spielers trotzen. Vor dieser Saison verließ mit Kim Ekdahl du Rietz ein absoluter Leistungsträger den Klub, einen adäquaten Ersatz konnten sich die Badener nicht leisten. Dennoch spielen die Löwen beeindruckend konstant und kein Klub in der Bundesliga hat aktuell weniger Minuspunkte gesammelt. Schmid spielt seit dem Abgang von Ekdahl du Rietz einfach noch ein bisschen besser. Und er ist deutlich torgefährlicher geworden. Knapp 6,5 Treffer erzielt der Schweizer in der Bundesliga bislang im Schnitt, besser war er in dieser Wertung noch nie. Mehr Assists als Schmid liefert ligaweit ohnehin niemand ab.
Heute, ab 18.10 Uhr, kann sich davon ein Millionenpublikum ein Bild machen. Weil die Fußball-Bundesliga pausiert, überträgt die ARD zum ersten Mal seit vielen Jahren ein Match der Handball-Bundesliga zur besten Sportschau-Zeit live. Es ist kein Zufall, dass die Wahl dabei auf den Auftritt der Löwen mit ihrem Anführer Andy Schmid beim ambitionierten SC DHfK Leipzig fiel.

