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Unumbrechbar?

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Muss man sich Borussia Mönchengladbach als große Familie vorstellen? Will man das überhaupt? Und wenn, wer ist eigentlich das Familienoberhaupt? Zwei Tage nach der Mitgliederversammlung setzt sich der Eindruck, dass bei Borussia zurzeit deutlich mehr Fragen offen sind als erhofft.

Der Kern der Familie, so scheint es, hält weiter eisern an den bisherigen Gepflogenheiten fest. An den Dingen, die nicht funktionieren, sind zu allererst andere Schuld. Selbstkritik gehört nicht zu den Tugenden, die in der Familie Borussia Mönchengladbach groß geschrieben werden. Allenfalls als Lippenbekenntnis – „ja, wir haben auch Fehler gemacht“ – aber niemals konkret beschäftigt man sich mit eigenen Missgriffen. Wer gegen diesen Kodex verstößt, gilt schnell als Nestbeschmutzer.

So hört man am Tag nach der Versammlung im Borussia-Park, dass „die Familie“ äußerst verschnupft über den Vortrag des Aufsichtsratsvorsitzenden ist. Michael Hollmann hatte in klaren Worten seine Unzufriedenheit und die seiner Kollegen zum Ausdruck gebracht und sehr wohl auf Missmanagement hingewiesen, das Borussia innerhalb von fünf Jahren vom Europapokal- zum Abstiegsanwärter gemacht hat. Dem Vernehmen nach kommt das zwar bei den Mitgliedern und Anhängern sehr gut, im Verein aber gar nicht an.

Wer bisher davon ausging, mit Stefan Stegemann und Rouven Schröder seien nun zwei „Reformer“ am Ruder, die es mit dem Umbruch ernst meinen und eine neue Kultur beim gemütlichen Familienverein Borussia etablieren wollen, der dürfte sich bei der Attacke Stegemanns gegen die eigene Anhängerschaft verwundert die Augen gerieben haben. Denn auch der Geschäftsführer sang das Lied von Corona, der absoluten Ausnahmesituation, in die Lucien Favre den Verein manövriert hat (Europapokal) und der Zeit von 2001 bis 2011, an der man sich doch bitteschön orientieren möge. Man mag Stegemann zu Gute halten, dass es schlechter Stil gewesen wäre, sich an seinem Vorgänger oder anderen Akteuren abzuarbeiten, die nicht mehr in erster Reihe für Borussia arbeiten. Das hätte sich aber gewiss eleganter lösen lassen. Fast erleichtert nahm man in der Aussprache gegen Ende der Versammlung zur Kenntnis, dass Stegemann doch nicht wirklich zufrieden mit der sportlichen Entwicklung ist. Man wird bescheiden, wenn man drei Stunden lang bei einer Familienaufstellung zugesehen hat. Ist Stegemann also Team Umbruch oder Team „La Famiglia“? Die Zeit wird es weisen.

Dass vom Präsidium kein Umbruch zu erwarten ist, überrascht niemanden. Um im Familienbild zu bleiben: Opa erzählt gerne vom Krieg und will mit dem neuen Kram nichts zu tun haben. Das ist auch völlig in Ordnung, solange Opa nicht meint, bei wichtigen Entscheidungen dann doch immer noch das letzte Wort haben zu müssen. Will sagen: Die Rücktrittsforderungen gegen das Präsidium sind sinnfrei, wenn das Präsidium ohnehin nur repräsentative Aufgaben hat. Nur aus Grell über die unbefriedigende Situation sollte man Rainer Bonhof nicht an- oder abschießen. Der Mann ist persönlich integer und hängt mit Herzblut am Verein. Das hat sein emotionaler Auftritt bei der Mitgliederversammlung deutlich gezeigt. Er sollte halt bloß nicht die letzte Instanz sein in einer Fußballwelt, die nicht mehr seine ist.

Aber ist das so? Zwei Tage nach der Versammlung ist zu lesen, Roland Virkus werde bald wieder aktiv für Borussia arbeiten. Ab Sommer als Scout, so hat es die in Borussendingen stets gut informierte Rheinische Post erfahren. Schon vorher wurde Steffen Korell auf eine merkwürdige „Berater“-Stelle verschoben. Die Familie kümmert sich um ihre Mitglieder, lässt niemanden fallen und hält zusammen. Das ist irgendwo sympathisch, das ist aber auch potenziell tödlich. Virkus, so ist zu hören, hadert nach wie vor massiv mit seiner Demission als Sportdirektor. Korell steht so sehr für „alte Borussia“, dass er als erster seinen Platz räumen musste, als Rouven Schröder kam. Dass die alte Garde mit ihren Netzwerken im Unternehmen verbleibt, macht jeden Wandel schwierig, auch wenn sie nominell nichts mehr zu melden hat. Man muss Virkus und Korell hier gar keinen bösen Willen unterstellen. Es ist ganz normal, dass Mitarbeitende, über die die Zeit hinweggegangen ist, den alten Verhältnissen hinterhertrauern, und ein Wandel der Unternehmenskultur ist zudem auch für Nicht-Führungskräfte anstrengend, womöglich muss der eine oder die andere auch mehr arbeiten. Da versammelt man sich gerne hinter dem alten Abteilungsleiter, der noch ein Büro hat.

Wer also will überhaupt einen Umbruch bei Borussia? Wer meint es ernst mit der jährlich geäußerten Phrase, man werde nach der Saison eine schonungslose Analyse vornehmen und wirklich unter jeden Stein schauen? Und sollte sich „Team Umbruch“ durchsetzen, schafft man es, die Belegschaft mitzunehmen? Im Moment scheint nicht ganz klar, wer bei Borussia der Boss ist und ob man in der Familie wirklich bereit ist, sich auf Neues einzulassen. Diese Verhältnisse muss der Verein schleunigst klären und leider darf er auch nicht vor menschlichen Härten zurückschrecken, wenn der Verzicht darauf den Erfolg in Frage stellen würde. Das Fußballbusiness ist, wie es ist, und sich dort an anderen Kriterien als Leistung und Erfolg zu orientieren, ist ein Luxus, den man sich leisten können muss. Borussia ist zurzeit nicht in dieser Situation.

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