Willkommen am Abgrund
SEITENWAHL hat dem Versuch widerstanden, sich den Frust nach dem 1:1 gegen Mainz noch am selben Abend von der Seele zu schreiben. Zu tief saß der Stachel, zu stark wirkte der Tiefschlag aus der 96. Minute nach. In deinem Zustand schreibst du keinen halbwegs objektiven Text, sagte sich der Autor, trank noch ein Bier und ging schlafen.
Neun Stunden später sitzt der Stachel immer noch tief und die Stelle, die vom Tiefschlag getroffen wurde, schmerzt weiter. Aber das Publikum verlangt, hoffentlich, nach einer Betrachtung der Situation während des Spiels und danach und die soll es bekommen.
Zum Spielverlauf: Borussia begann das Spiel seriös und durchaus selbstbewusst wirkend. Von der Vierer- war Eugen Polanski wieder zur Dreier-/Fünferabwehr zurückgekehrt und es zeigte sich früh, dass hier zwei Teams technisch auf überschaubarer Augenhöhe agierten. Das 1:0 in der 7. Minute bereitete Bolin souverän vor und vollstreckte Scally nicht minder souverän. Das änderte vorerst nichts daran, dass sich die Teams auf dem Platz neutralisierten. Echte Chancen waren Mangelware. Castrop hatte nach einer halben Stunde das 2:0 auf dem Fuß, Mainz kurz darauf den Ausgleich. Bis zur Pause war aber, so muss man rückblickend sagen, alles im Lot.
Warum Borussia so aus der Pause kam, wie sie aus der Pause kam, erschien unerklärlich. In der zweiten Hälfte verzichtete das Team quasi komplett auf konstruktives Spiel. Die Viererkette rückte tief ein, die Mannschaft zog sich zurück und beschränkte sich fortan aufs Verteidigen. Ganz gelegentlich gelang etwas, das annähernd nach Konter aussah, aber jeweils an Nachlässigkeiten bei Pass und Annahme scheiterte. Ein einziger Abschluss gelang Borussia dabei, als Castrop am ansonsten weitgehend beschäftigungslosen Mainzer Keeper Batz scheiterte.
Nach 60 Minuten stellte Borussia dann auch die zaghaften Konterbemühungen ein. Das Ziel der Mannschaft war offenkundig, 30 Minuten lang die knappe Führung zu behaupten, dafür überließ sie Mainz komplett die Kontrolle über das Spiel. Das Konterspiel zu beleben war möglicherweise das Ziel von Eugen Polanski, als er Honorat für den inzwischen platt wirkenden Bolin brachte. Aber der Franzose belegte, was man schon in den vergangenen Spielen sehen konnte, und was ihm wohl auch den Bankplatz gegen Mainz eingebracht hatte. Er ist völlig neben der Spur. Honorat gelingt keine Weiterleitung, keine Flanke, kein Pass. Man würde ihn bedauern, würde er diese Defizite mit Einsatz wettzumachen versuchen. Das aber ist nicht der Fall. Honorat wirkte einmal mehr komplett unmotiviert. Egal, ob er ein mentales oder ein physisches Problem hat, in dieser Verfassung hilft der potenzielle Unterschiedsspieler der Mannschaft nicht. Im Gegenteil.
Der Wechsel Ullrich für Castrop bedeutete eine weitere klare Schwächung und vor allem das endgültige Aus für mögliche Offensivbemühungen. Castrop soll aber wohl um seine Auswechslung gebeten haben. Chiarodia für Diks war wegen einer Verletzung des bis dahin tadellosen Verteidigers unumgänglich, Reyna für Stöger wäre umgänglich gewesen und hätte im Nachhinein definitiv umgangen werden sollen. Giovanni Reyna ist in seiner aktuellen Verfassung – und in der ist er, seit er nach Mönchengladbach gekommen ist – genausowenig eine Hilfe wie Honorat. Im Abstiegskampf ist dieser Spielertyp nicht zu gebrauchen.
Vollends wild wurde das Wechseltheater des Eugen Polanski, als er Tabakovic vom Feld nahm. Nach vorne war dem Stürmer wenig gelungen. Aber zumindest war da ein Punkt, den man mit langen Bällen anzuspielen versuchen konnte. Zudem war Tabakovic in der Defensive an diesem Abend sehr hilfreich, zahlreiche Luftkämpfe im eigenen Strafraum konnte er gewinnen, so manchen hohen Ball entschärfen. Mit der Hereinnahme eines weiteren Innenverteidigers entstanden Zuordnungsprobleme. Prompt fiel der Ausgleich durch eine Kopfballbogenlampe des eingewechselten Weiper. Als der vom VAR einkassiert wurde, brandete Jubel durch den Borussia-Park als wäre gerade das entscheidende 2:0 gefallen. In der fünfminütigen Nachspielzeit tat Borussia nichts dafür, den Ball vom eigenen Tor wegzuhalten. Stattdessen lud man Mainz zu weiteren zunehmend wütenden Angriffsversuchen ein. Es waren noch ca. 20 Sekunden auf der Uhr, als Mwene mit dem Ball aus (!) dem (!) Strafraum lief und Yannik Engelhardt – keine Ahnung.
Wer bis hierhin aufmerksam gelesen hat, wird gemerkt haben, dass SEITENWAHL die Herangehensweise in der zweiten Halbzeit suboptimal fand. War das wirklich so geplant oder hatte sich da auf dem Platz etwas verselbständigt? Die Antwort lieferte Eugen Polanski nach dem Spiel höchstpersönlich. Die Mannschaft tat, was der Trainer verordnet hatte. Die Herangehensweise sei „legitim“ gewesen, verteidigte sich Polanski. Allein die Konterchancen, auf die er spekuliert hatte, sie kamen nicht zustande.
Man kann der Mannschaft zu Gute halten, dass sie es hinten bis in die Schlussphase hinein wirklich gut gemacht hat. Sander, Elvedi und Diks spielten fehlerlos. Auch Scally und Castrop ließen über ihre jeweilige Seite so gut wie nichts zu. Aber die Geschichte lehrt uns, dass das, was Polanski das versucht hat, häufig schief geht. Auch in dieser Saison gab es ein Beispiel: Im Januar gelang Werder Bremen in einem ähnlich geführten Spiel der Ausgleich mit dem Schlusspfiff.
Fazit: Borussia hat quasi ein Endspiel verloren. Drei Punkte hätten den Klassenerhalt zwar nicht rechnerisch sicher gemacht aber doch um ein Vielfaches wahrscheinlicher. Stattdessen hängt man weiter richtig dick unten mit drin und hat das nächste Endspiel vor der Brust – unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen. Selbst einen Tiefschlag kassiert habend fährt man zum direkten Konkurrenten nach Wolfsburg, die ihre Misserfolgsserie just an diesem Wochenende gestoppt und bei Union Berlin gewonnen haben. Psychologisch sind die Niedersachsen im Vorteil, und dass Wolfsburg eigentlich ein Team hat, das in der Lage ist, die Gladbacher Wackeltruppe auseinanderzunehmen, haben wir in der Hinrunde im Borussia-Park schmerzvoll erleben dürfen.
Dass Sportchef Rouven Schröder nach dem Mainz-Spiel an sein Team appelliert, in Wolfsburg müsse man jetzt aber wirklich mal „den Arsch hochkriegen“ spricht Bände. Offenbar war ihm der Arsch gegen Mainz noch nicht hoch genug. Aber vermutlich war gar nicht das das Problem – Ausnahmen wie die genannten Einwechselspieler mal beiseite gelassen. Gegen Mainz fehlte nicht das Engagement. Es fehlten die Fertigkeiten. Diese Mannschaft ist genauso gut oder schlecht, wie die aktuelle Situation. Und sie hat keinen Trainer, der es schafft, aus bestenfalls durchschnittlichen Einzelspielern ein Kollektiv zu formen, das mehr ist, als die Summe der einzelnen Teile. Egal in welcher Liga, hier ist nach der Saison ein Schnitt dringend erforderlich.
Denn machen wir uns nichts vor, der Abstieg in die Zweite Liga ist spätestens seit dem Amiri-Elfmetertor eine realistische Option. Es ist nicht völlig unwahrscheinlich, dass Borussia in dieser Saison keinen einzigen Punkt mehr holt. Es bleibt allenfalls die Hoffnung auf schlecht performende Konkurrenten und das Torverhältnis im Vergleich zum Hamburger SV. Unter den gegebenen Verhältnissen mag man sich auch nicht vorstellen, dass die Mannschaft mit dem Druck zweier Relegationsspiele wird umgehen können. Willkommen am Abgrund!

