Fußball hart statt Fußballfest
Das Spiel gegen Union Berlin hatte Endspiel-Charakter, das Bayern-Spiel war Bonus oder Malus, je nach Sichtweise, nun steht das nächste Spiel an, das Borussia unbedingt gewinnen muss. Mit dem FC St. Pauli kommt ein weiterer direkter Konkurrent im Kampf um den Klassenerhalt nach Gladbach. Die Vorzeichen für Borussia könnten günstiger sein: Die Hamburger haben durchaus einen kleinen Lauf. Sieben Punkte aus den letzten drei Spielen haben sie geholt, in Hoffenheim dabei einen fast schon sensationellen Sieg bei der eigentlichen Mannschaft der Stunde errungen. Mit einem Sieg in Gladbach würde St. Pauli nicht nur die Abstiegszone verlassen, sondern auch an Borussia vorbeiziehen. Das letzte Aufeinandertreffen im Borussia-Park konnte die Mannschaft von Alexander Blessin gewinnen, wir erinnern uns ungern an die 1:2-Niederlage und das Ausscheiden aus dem DFB-Pokal. Besser lief es in der Hinrunde beim Duell am Millerntor, da startete Borussia ihre kleine Serie, die Eugen Polanski einen Vertrag und dem Verein ein paar kurze Wochen der vermeintlichen Regeneration brachte.
Inzwischen ist Borussia wieder mittendrin am Abstiegskampf. Wirklich Luft hat auch der Last-Minute-Sieg gegen Union Berlin nicht gebracht, weil die Konkurrenz gleichzeitig fast ausnahmslos punkten konnte. Die Erkenntnis aus jenem Spiel wiegt außerdem schwer: Borussia kann nur gewinnen, wenn alle 100 Prozent reinwerfen – und auch dann nur mit Glück. Eine erneute Energieleistung wird vonnöten sein, wenn man gegen St. Pauli gewinnen will. Hinten gut stehen ist die Basis, vorne darf es gerne etwas gefährlicher werden, als in den vergangenen Wochen Praxis war. Das letzte Spiel, in dem Borussia mehr als ein Tor gelang, war das 4:0 zum Jahresauftakt gegen den FC Augsburg. Seitdem herrscht Ladehemmung im Gladbacher Angriffsspiel. Eine von nur zwei Mannschaften, die noch weniger Tore schießt, ist just der kommende Gegner, der FC St. Pauli. Ein torreiches Fußballfest sollte folglich niemand am Freitagabend erwarten.
Bei Borussia fehlt der rotgesperrte Kapitän Rocco Reitz nach seiner vermeintlichen Notbremse im Bayern-Spiel. Wie Sportkopf Rouven Schröder bestätigte, wird das Eigengewächs Borussia ab dem Sommer dauerhaft fehlen. Der Wechsel zu RB Leipzig ist offenbar nur noch Formsache.
Yannik Engelhardt ist nach seiner Gelbsperre wieder spielberechtigt und wird Reitz wohl 1:1 ersetzen. In der Defensive gibt es, so Eugen Polanski nicht am System mit einer Dreier-/Fünferkette rütteln will, wohl keine Veränderungen. Kota Takai ist weiter nicht fit, so spricht vieles für eine Verteidigung mit Sander, Elvedi und Diks. Als Schienenspieler auf den Außenpositionen liefe es dann erneut auf Scally und Castrop hinaus. Dass der gegen Bayern wirkungslose Kevin Stöger neben Engelhardt auf der Sechserposition spielt, ist weniger wahrscheinlich, als dass Polanski dem zuletzt auf die Bank verbannten Florian Neuhaus eine Chance gibt. Das Offensivtrio Bolin, Honorat, Tabakovic hat in München wenig Eigenwerbung betrieben, Honorat steht ohnehin seit Wochen weit neben sich, in Ermangelung von personellen Alternativen und in Hoffnung auf den einen genialen Moment wird der Franzose aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder beginnen. Vieles spricht für einen Startelfeinsatz von Wael Mohya anstelle von Hugo Bolin, aber der Trainer setzt den 17-Jährigen weiterhin nur behutsam ein, von daher wäre auch denkbar, dass er den Schützen des Ehrentreffers von München erst von der Bank bringen wird. Ansonsten hat Borussia keine fitten Spieler im Kader, die sich für die Startelf aufdrängen.
Der FC St. Pauli will Borussia mit Härte begegnen. Das hat Trainer Alexander Blessin angekündigt, nachdem er sich ausführlich über die Lage bei Borussia ausgelassen und den größeren Druck auf Seiten der Gastgeber ausgemacht hat. Was soll man sagen, der Mann hat Recht. Bei St. Pauli ist ein Abstieg immer eingepreist, Borussia sähe im Fall des Falles in einen Abgrund ungekannten Ausmaßes. Borussia mit Härte zu begegnen ist zudem durchaus ein Mittel, mit dem man der eher braven Truppe von Eugen Polanski gerne schon mal den Stecker ziehen kann. Nicht mit von der harten Partie wird der griechische Nationalspieler Manolis Saliakas sein, der sich beim 0:0 gegen Eintracht Frankfurt am Oberschenkel verletzt hat. Schwerer wiegt für St. Pauli der ebenfalls verletzungsbedingte Ausfall von James Sands. Der defensive Mittelfeldspieler könnte seiner Mannschaft im Abstiegskampf sogar länger fehlen. Strukturell agiert St. Pauli in der Regel genau wie Borussia mit einer Dreier-/Fünferabwehr. Im Sturm hat Blessin dabei wieder die Wahl. Der zuletzt angeschlagene Andreas Hountondji steht wieder zur Verfügung und könnte anstelle von oder neben Daniel Sinani spielen.
SEITENWAHL-Prognose
Christian Spoo: Ein Spiel für die Härtesten. Ästhetisch nicht ansprechend, arm an Torszenen aber wegen der prekären Lage beider Teams jederzeit nervenzerreißend. Das 0:0 hilft am Ende St. Pauli eher als Borussia.
Michael Heinen: Ein Heimsieg über den FC St. Pauli wäre ein echter Big Point, der aber ausbleibt. Am Ende reicht es nur zu einem 1:1.
Claus-Dieter Mayer: Dank eines späten Ausgleichs in einem verkrampften Spiel kommt die Borussia beim 1:1 gegen St. Pauli nochmal mit einem blauen Auge davon. Ein Befreiungsschlag sieht anders aus.

