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Kein Vorsprung durch Technik

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Am Freitagabend würde die neugewonnene Stabilität der Borussia unter Trainer Eugen Polanski einem Härtetest unterzogen werden, so viel war vor dem Spiel allen klar gewesen. Schließlich kam mit “RB Leipzig” der Tabellenzweite als Gast angereist. Das “RB” steht übrigens für “rasante Bayernjäger”, wie man in diversen Medien vernehmen durfte. Seriösere Berichterstatter wie das von Euch aufgerufene Fachmagazin befinden allerdings, dass ein Bayernjäger weniger als acht Punkte Rückstand haben und vor allem nicht von jenen Bayern mit 6:0 weggefiedelt werden sollte, um sich eine solche Bezeichnung zu verdienen.  

Leipzig kam zum Marvin-Compper-Gedächtniscup vermutlich letztmals in den Borussia-Park. Leider nicht, weil sie sich dahin verabschieden werden, wo sie hingehören, sondern weil – sofern eine letzte Pokalpartie ausbleibt – beim nächsten Mal ein anderes Ziel im Navi eingegeben werden muss. Borussia wird dafür eine Summe einstreichen, die sich nach der Formel jahres.einnahme=f(n)+1 berechnet. Und erntet von Teilen der Fanszene, die sich im Vergabeprozess übergangen fühlten, dennoch Protest. Anlässe für solchen waren bei diesem Spiel überhaupt so mannigfaltig, dass man beinahe Buch führen musste, um keinen Ärger falsch zuzuordnen. Denn außerdem setzten die Fans in der Nordkurve ihren Protest gegen die Bestrebungen der Ministerkonferenz fort, unter dem Deckmäntelchen der Bemühungen um Stadionsicherheit überwachungsstaatliche Strukturen mittels moderner Technik auszuprobieren. Wer Stadien zu unsicheren Orten erklären möchte, die die Einschränkung von Freiheitsrechten notwendig macht, gerät schnell in Erklärungsnot, wenn es zu einem Vergleich der Zahl der Verletzten und Geschädigten einer ganzen Saison der Bundesliga mit nur wenigen Tagen Brauchtumspflege auf dem Münchner Oktoberfest kommt. Und schließlich ist es ja auch noch der Gast selbst, der weiterhin als Werbevehikel mit einem unfairen und selbstverständlich unlauteren Wettbewerbsvorteil ausgestatteter Verein einen richtigen Verein aus der Bundesliga verdrängt. Folglich lief die Bannerproduktion unter der Woche auf Hochtouren und man hatte auf den Plätzen außerhalb der Nordkurve fast ständig was zu Lesen dabei, wenn es auf dem Rasen mal nicht allzu spannend zuging.  

Das war in der ersten Hälfte eigentlich durchgängig der Fall, zunächst auch noch durch den Stimmungsboykott in den ersten zwölf Minuten untermalt. Die aus Leipzig oder sonstwo angereisten Getränkekonzernfans versuchten tapfer, diesen zu untergraben, aber da blickte man in den Gästeblock wie in ein ziemlich leeres Aquarium. Nicht viel zu sehen, und nur ein paar Mäuler gingen tonlos auf und zu.  

Auf dem Rasen tat sich aber auch nicht viel mehr, sondern es entwickelte sich ein Spiel für Connaisseurs der kontrollierten Defensive. Mit viel Wohlwollen konnte man der Borussia attestieren, mehr gefährliche Situationen im Ansatz kreiert zu haben, aber Gefährlichkeitsansätze werden zurecht immer noch nicht in Statistiken erfasst, erwähnenswert bleibt nur ein Fernschuss von Leipzigs Harder, bei dem Moritz Nicolas das tat, was ein Moritz Nicolas dann tun muss. Ihn halten. Ansonsten neutralisierten sich beide Teams, was man immer schreibt, wenn ereignislose Einfallslosigkeit vorherrscht und man das nicht schreiben will.  

In der zweiten Halbzeit wurde es wesentlich unterhaltsamer. Zunächst erzielte Borussia nach einem fantastischen, öffnenden Ball von Neuhaus und einem wohltemperierten Zuspiel von Reitz auf Honorat trotz eines kleinen Stolperers von ihm den vermeintlichen Führungstreffer. Dann kam es zu den gewohnten, unschönen Abläufen. David Raum schrie, wie eigentlich den ganzen Abend über bei jeder noch so kleinen Entscheidung, wild gestikulierend auf Schiedsrichter Gerach ein, dann griff dieser sich ans Ohr und dann wurde beschieden, dass eine Abseitsstellung vorlag. Dass man das jetzt nicht mehr über eine simple Geste mit dem Arm tut, sondern hölzern und ungelenk im Ausdruck durchsagt, hilft nicht. Aber wenn einem der wohlmeinende Bruder einen Screenshot vom Fernseher zuhause aufs Handy schickt, kann man mit den Umstehenden gemeinsam den Kopf schütteln. Da wurde nämlich eine Abseitsstellung des Fußes ausgewiesen, auf der aber kein Stückchen Fuß im Abseits war. Offensichtlich wurden die wenigen Millimeter Abseitsfuß von der Abseitsanzeige überdeckt. Verschwörungstheorien sind hier bestimmt nicht angebracht, ganz sicher hat die Technik das ausgespuckt und da waren eben 2mm im Abseits und 2mm Abseits ist auch Abseits. Wer moderne Technik im Fußball will, bekommt moderne Technik im Fußball. Wenn dereinst eine Auflösung von 2 Nanometern möglich ist, werden auch 2 Nanometer Abseits dann Abseits sein. Wer moderne Technik im Fußball will, bekommt moderne Technik im Fußball. 

Ein weiterer VAR-Eingriff betraf einen zunächst zögerlich, aber mitten in einen Gladbacher Angriff hinein gegebenen Foulelfmeter für die Borussia. Der wurde zurecht zurückgenommen, weil Leipzigs Orban eben auch den Ball spielte. Bei der Spielfortsetzung bestand Gerach darauf, den Ball den Leipzigern zuzusprechen, und während immerhin Gulasci das grundsätzliche Problem verstand und den Ball zu Nicolas hinüberspielen wollte, focht das seine Mitspieler nicht an, die seinen Ball noch vor Nicolas zu erreichen suchten. Irgendwie hätte man ganz gerne gesehen, wie reagiert worden wäre, wäre ihnen das gelungen und sie hätten die Aktion zum 1:0 für Leipzig vollendet. Aber bei einem Verein wie Leipzig vielleicht lieber doch nicht.  

Was man sich außerdem fragt: Warum sollte Gladbach nicht in der Nähe des Leipziger Tors wieder in Ballbesitz kommen, oder anders: warum sollte Leipzig aus der Fehlentscheidung des Schiedsrichters einen Vorteil ziehen? Der Pfiff erfolgte schließlich, als die Leipziger Abwehr in heller Aufregung und der Ball noch im Strafraum war. Wenn es also, wie allenthalben behauptet, um größere Gerechtigkeit geht, wird man nicht umhinkommen, in Zukunft Elfmeterentscheidungen erst bei der nächsten Spielunterbrechung zu prüfen, wie es beim Abseits ja auch Gang und Gäbe ist. Dann ist der Feldschiedsrichter natürlich noch mehr als ohnehin schon jeglicher Autorität beraubt, aber wer moderne Technik im Fußball will, bekommt moderne Technik im Fußball.  

Auf der anderen Seite gab es noch zwei ordentliche Möglichkeiten zu bestaunen: Einen weiteren guten Versuch von Harder aus der Distanz, und außerdem war es wiederum David Raum vorbehalten, bei der besten Leipziger Möglichkeit zu scheitern. Es war den 50.029 Zuschauern abzüglich der wenigen Leipziger Goldfische anzumerken, dass das eine gewisse Genugtuung bedeutete. Und das war es dann auch, trotz zunehmender Leipziger Überlegenheit im zweiten Abschnitt. 

Was lässt sich daraus mitnehmen? Borussia hat eine gewisse Feuertaufe überstanden und auch gegen einen starken Gegner defensive Stabilität bewiesen. Darauf lässt sich aufbauen und darauf hoffen, bis zur Winterpause noch einige Punkte einsammeln zu können. Die Serie seit der Winterzeit hat gehalten. Tim Kleindienst konnte sein Heimdebüt feiern und sammelte einige wenige Minuten. Und noch ein Unentschieden gibt es zu berichten: Wer mag Stadionbesucher weniger? Die Freunde des VAR oder die Konferenz der Innenministerinnen und Innenminister? Das Rennen bleibt offen.

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