Ladenburger Austauschschüler: Deutsche Wurst mag der 16-jährige Japaner am liebsten
Von Silke Beckmann
Ladenburg. Derzeit sorgen sich viele Männergesangsvereine wegen des hohen Altersdurchschnitts ihrer Mitglieder. Immer weniger Männer begeistern sich für den Chorgesang. Auch der Ladenburger Liederkranz blickte noch vor wenigen Jahren eher pessimistisch in die Zukunft. Allerdings ist es den Sängern unter der Leitung des Vorsitzenden Jörg Boguslawski gelungen, den Männerchor Schritt für Schritt zu verjüngen.
Seit ein paar Monaten singt beim Liederkranz auch ein internationaler Gast mit. Der 16-jährige Japaner Eigo Yoshitsugu ist ein Jahr lang bei Familie Lux zu Gast, um Deutsch zu lernen und die hiesige Kultur kennenzulernen. Seine Gastmutter, Gaby Lux, ist selbst beim Frauenchor des Liederkranz aktiv. Sie schlug Eigo vor, als Gastsänger im Männerchor mitzusingen. Der Vorsitzende, Jörg Boguslawski, und die Chorleiterin, Sabine Dietenberger, sagten spontan zu und nahmen den jungen Sänger aus Japan in ihren Reihen auf.
"Der Besuch der Singstunden macht mir viel Freude", sagt Eigo. "Natürlich benötige ich noch Zeit, um mich sprachlich zurechtzufinden. Aber Musik überwindet Grenzen", so der Japaner, der in der "Nachsitzung" auch die Geselligkeit in einem deutschen Verein erleben wollte. In Japan sei bekannt, dass die Deutschen gerne feiern. "Und viel Bier trinken", sagt er lachend. Eigo kommt aus der Präfektur Aichi auf der Insel Honshu. In der Region leben rund sieben Millionen Menschen.
Da musste sich der junge Japaner erst einmal an das kleinstädtische Leben gewöhnen. "Es gefällt mir gut in Ladenburg. Die Altstadt ist sehr eindrucksvoll, hier spürt man die Geschichte", berichtet Eigo in erstaunlich gutem Deutsch. Er will seine Sprachkenntnisse trotzdem weiter verbessern und hofft, dass er sie später im Berufsleben nutzen kann. Der kurpfälzer Dialekt mache es ihm nicht einfach, aber die Menschen seien hier besonders herzlich und hilfsbereit, findet er.
Gerne wäre Eigo auf eine Ladenburger Schule gegangen. Sein Gastvater Andreas Lux wollte ihn deshalb auch am Carl-Benz-Gymnasium anmelden. Dort habe man sich allerdings nicht bereit gezeigt, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, berichtet Lux, der sich "abgewimmelt" fühlte. Im Mannheimer Liselotte-Gymnasium hingegen nahm die Schulleitung den Gast aus Japan gerne auf. Dort fühlt sich Eigo richtig wohl. Er nimmt an allen Unterrichtsstunden teil und merkt, dass er von Tag zu Tag besser Deutsch spricht und versteht.
"Meine deutsche Familie kümmert sich um mich und alle sind sehr nett", meint Eigo. Von Heimweh bisher keine Spur. Ab und zu trifft ein Päckchen mit japanischen Spezialitäten bei ihm ein. Denn ganz ohne seine Snacks aus der Heimat kann Eigo dann doch nicht sein.
Seitdem zwei ihrer drei Kinder ausgezogen sind, wurde es Gaby und Andreas Lux etwas zu ruhig im Haus. Zwei Zimmer standen leer und Japan-Liebhaberin Gaby informierte sich darüber, wie man einen Gastschüler aus Japan aufnehmen könnte. Auch Anika Lux (16) war einverstanden, ein Jahr lang mit einem gleichaltrigen "Bruder" aus Japan in den eigenen vier Wänden zu leben. Eigo findet es "cool", dass Anika ihn zu Treffen mit anderen Jugendlichen mitnimmt. Nicht nur im Liederkranz lernt der Japaner die deutsche Vereinskultur kennen. Er spielte in Japan schon gerne Basketball und tut das nun auch in der LSV-Basketball-Abteilung.
Mit der deutschen Lebenseinstellung kommt Eigo nach eigenen Angaben sehr gut zurecht. Japaner seien im Allgemeinen pünktliche, höfliche und zielstrebige Menschen, erzählt Eigo. Auch das deutsche Essen schmeckt dem Gast aus Fernost vorzüglich. Sushi, Tempura, Shabu-Shabu oder die berühmten Ramen-Nudelsuppen vermisst Eigo bis jetzt nicht wirklich. Die Kochkünste von Gaby Lux findet er "wunderbar", wobei ihm besonders deutsche Wurst und deutsches Brot "sehr, sehr, sehr gut" schmecken.
Das Ambiente in Ladenburg hat es dem Japaner ebenfalls angetan. "Hier gibt es so viele Grünbereiche - am Neckar und auf der Neckarwiese halte ich mich gerne auf", sagt Eigo und lächelt.

