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German Gravity Talents – Fördercamp 2026: Was im deutschen Gravity-Sport fehlt – und was möglich ist

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Schulenberg im Harz, Anfang April. Fünf Tage, acht Fahrer, ein gemeinsames Ziel: den nächsten Schritt machen. Was zunächst wie ein klassisches Trainingscamp wirkt, entpuppt sich schnell als mehr – als ehrlicher Realitäts-Check für den deutschen Gravity-Sport. Initiiert wurde das Projekt von André Frank vom Radsportbezirk Oberschwaben e.V., der selbst viele Jahre Rennen gefahren ist, heute als Jugendtrainer arbeitet und gleichzeitig in der Verbandsarbeit aktiv ist. Er kennt damit beide Seiten – die Perspektive der Athlet:innen ebenso wie die strukturellen Grenzen des Systems. Genau daraus entstand die Idee: Eine Lücke zu schließen, die im deutschen Gravity-Sport seit Jahren sichtbar ist.

Während in anderen Disziplinen Trainingslager, Förderprogramme und klare Entwicklungspfade etabliert sind, fehlt im Gravity-Bereich bislang genau dieses Zusammenspiel. Das Camp in Schulenberg war daher bewusst als Gegenentwurf gedacht – als Versuch, Leistung einmal ganzheitlich zu denken. Mit an Bord war unter anderem Ronny Quittschalle, der seit vielen Jahren im Gravity-Bereich aktiv ist und seine Erfahrung bereits in vergleichbare Trainingsformate eingebracht hat. Seine praxisnahe Herangehensweise und sein Gespür für die Anforderungen des Sports waren ein zentraler Baustein für die inhaltliche Ausrichtung des Camps. Nina Hoffmann war auch diesmal eng eingebunden, leitete den Mentalbereich und gab der inhaltlichen Struktur gemeinsam mit dem Team den Feinschliff.

Die acht Athlet:innen, ausgewählt auf Basis umfangreicher Rennanalysen und Rückmeldungen aus der Szene, trafen in Schulenberg erstmals auf ein Umfeld, das in dieser Form selten ist: Techniktraining, Videoanalyse, mentale Arbeit, Athletiktests und direkter Austausch mit Industriepartnern griffen ineinander und bildeten ein abgestimmtes Gesamtpaket. Für viele war es das erste Mal, dass sie nicht nur trainieren, sondern sich tatsächlich in einem strukturierten Leistungssystem bewegen konnten. Genau darin lag der eigentliche Mehrwert – nicht in einzelnen Maßnahmen, sondern im Zusammenspiel.

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Parallel dazu brachte eine Podiumsdiskussion Athlet:innen, Trainer, Industrie und Verband an einen Tisch. Die Aussagen waren deutlich und deckten sich mit den Erfahrungen aus dem Camp: hohe Kosten, fehlende Trainingsstrukturen, kaum verfügbare Trainer und ein Sport, der stark auf Eigeninitiative basiert. Oder, wie es ein Teilnehmer treffend formulierte: „Man steht oft alleine da.“ Tatsächlich bewegen sich viele Fahrer:innen zwischen Leistungsanspruch und privat organisierter Realität – mit Lifttickets bis zu 80 Euro pro Tag und Saisonkosten im vierstelligen Bereich. Leistung hängt damit nicht nur vom Talent, sondern oft auch von den finanziellen Möglichkeiten ab.

Ein weiterer Ansatzpunkt des Camps war das Thema Daten. Während in anderen Sportarten Leistungsdiagnostik längst Standard ist, existieren im Gravity-Bereich kaum systematische Vergleichswerte. Die im Camp durchgeführten Athletiktests verstehen sich daher bewusst als Einstieg in eine langfristige Entwicklung. Ziel ist es, Fortschritte künftig messbar zu machen und Trainingsprozesse stärker zu strukturieren. Auch hier zeigt sich: Es fehlt weniger an Potenzial als an Systematik.

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Besonders deutlich wurde die Lücke im Nachwuchsbereich. Der Übergang vom Bikepark in den Rennsport ist aktuell kaum organisiert. Zu wenige Einstiegsformate, große Distanzen und fehlende Strukturen sorgen dafür, dass viele Talente diesen Schritt gar nicht erst gehen. Gleichzeitig wurde auch die Rolle von Sichtbarkeit offen diskutiert: Sponsoring hängt heute stark von Reichweite und Präsenz ab – Leistung alleine reicht oft nicht. Ein Umstand, der die Szene beschäftigt, aber die Realität widerspiegelt.

Der Blick ins Ausland zeigt, dass es anders geht. Länder wie Frankreich oder Neuseeland verfügen über gewachsene Strukturen und eine breite Basis. Deutschland hingegen bringt regelmäßig starke Einzelfahrer hervor, schafft es aber bislang nicht, diese systematisch zu entwickeln. Genau hier setzt das Konzept der German Gravity Talents an – nicht als einmaliges Event, sondern als funktionierender Prototyp für eine mögliche Förderstruktur.

In der Gesamtbetrachtung lässt sich das Camp als nahezu vollständig bezeichnen: Technik, Taktik, mentale Stärke, Athletik und Materialverständnis wurden erstmals gebündelt adressiert. Ergänzt werden sollen künftig noch die Themen Regeneration und Ernährung – also genau die letzten Bausteine auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Leistungsentwicklung. Die Fortsetzung ist bereits geplant, weitere Partner zeigen Interesse, und auch innerhalb der Szene wächst der Wunsch nach mehr Struktur und Vernetzung.

# Ausgewählt für das Camp waren: Jannis Bloch, Maxima Jaax, Marlena Rieger, Levin Ojeniyi, Lukas Kater, Hanna Blochberger, Leni Epp – Helen Weber war neben André Frank und Ronny Quittschalle als aktive Betreuerin und Athletin vor Ort.

Möglich gemacht wurde das Camp durch die starke Unterstützung aus der Industrie: Mit Propain und Atera als tragenden Partnern sowie CM Bikepoint als bewusst integrierter, regional verankerter Akteur stand ein Netzwerk hinter dem Projekt, das nicht nur finanziell trägt, sondern auch ein klares Signal sendet: Dass Entwicklung im Gravity-Sport gewollt ist. Diese Konstellation aus großen und kleineren Partnern ermöglicht es, das Camp von Beginn an auf zwei Jahre auszulegen und damit einen wichtigen Schritt hin zu verlässlichen, nachhaltigen Strukturen zu gehen.

Am Ende bleibt eine klare Erkenntnis: Der deutsche Gravity-Sport hat kein Talentproblem, sondern ein Strukturproblem. Das Camp in Schulenberg hat beides sichtbar gemacht – und gleichzeitig gezeigt, dass Lösungen existieren, wenn man bereit ist, sie umzusetzen. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob solche Formate notwendig sind, sondern wie es gelingt, sie dauerhaft zu etablieren.

Was meinst du: Wie kann es gelingen, im deutschen Gravity-Radsport funktionierende Förderstrukturen zu etablieren?

Text und Bilder: André Frank

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