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Insolvenzen in der Bike-Industrie: Gibt es Licht am Ende des Tunnels?

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Die Fahrrad-Industrie steckt in der Krise – und mittlerweile ist eingetreten, wovor viele gewarnt haben: Seit 2024 häufen sich die Meldungen über Insolvenzen mittelständischer Fahrrad-Hersteller. Derweil verschiebt sich die Aussicht auf Besserung Jahr um Jahr. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

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Die Krise und ihre Auslöser

Über die Gründe für die schlechte Marktlage der Fahrrad-Industrie haben wir seit Beginn der Krise regelmäßig berichtet – zuletzt vor etwa einem Jahr anlässlich einer spannenden Untersuchung der Unternehmensberatung Roland Berger. Den Artikel findest du hier: Fahrradbranche im Krisenmodus. Zur Auffrischung des Gedächtnisses gibt’s hier die Kurzfassung: Dass 2020 eine Pandemie über die Welt gebrochen ist, hatte sich nach kurzer Panik als Goldgrube für die Fahrrad-Industrie herausgestellt. Die Menschen konnten nicht in den Urlaub fahren und sind bei der Suche nach Freizeit-, Sport- und Erholungsmöglichkeiten in ihrer unmittelbaren Umgebung oft beim Fahrrad gelandet. An der frischen Luft und mit dem Fahrtwind um die Nase gibt’s keine Ansteckungsgefahr, man kann es als Transportmittel verwenden – so die schwüle Enge öffentlicher Verkehrsmittel meiden – und verdammt Spaß macht es auch noch, wie wir alle wissen.

Die sprunghaft angestiegene Nachfrage konnte von der an ein viel niedrigeres Niveau gewöhnten Industrie nicht befriedigt werden, dazu kamen die bekannten Lieferprobleme aufgrund geschlossener Grenzen, Häfen und Fabriken. In der Panik, keine verkäuflichen Waren mehr zu haben, wurde von Händlern und Herstellern kräftig nachbestellt – und weil es so lange dauern sollte und die Warteschlange lang war, gleich lieber ein bisschen mehr. Bis das Bestellte produziert war, brach die Nachfrage wieder ein: Die meisten hatten jetzt ihre Bikes und wollen auch so bald keine mehr. Wie so oft bietet die englische Sprache den passenden, sehr bildlichen Ausdruck: bullwhip effect – der Peitscheneffekt. Ein kleiner Zucker der Hand ergibt einen großen Ausschlag am Ende. In der Wirtschaft: Ein Anstieg der Nachfrage wird als Signal für eine sehr hohe zukünftige Nachfrage interpretiert.

Insolvenz – welche Bike-Firmen sind betroffen?

Wo es Gewinner gibt, muss es immer Verlierer geben – so weit dürften die meisten das globale Wirtschaftswesen durchblickt haben. Scrollt man allerdings über die Industrie-Rubrik auf MTB-News, kann man schnell das Gefühl bekommen, dass es in der Bike-Welt aktuell einen deutlichen Überhang an Verlierern gäbe. Der spektakulärste Fall ist sicherlich der von YT Industries: Der fränkische Versender musste im Sommer 2025 die Insolvenz bekanntgeben, nachdem eine Finanzspritze des Haupteigentümers ausgeblieben war. Die folgende Investoren-Suche verlief ergebnislos – inzwischen hat Gründer Markus Flossmann das Unternehmen zurückgekauft und möchte frisch durchstarten (Markus Flossmann im Interview).

Prominent hat den Fall die ohnehin große mediale Präsenz des für sein aggressives Marketing bekannten Herstellers sowie die große Anzahl an Kunden gemacht, die nach einer Bestellung zunächst ohne Bike oder Geld dastanden. Inzwischen hat das neue Unternehmen YT hier nach eigener Aussage für nachträgliche Gerechtigkeit gesorgt und die ausstehenden Bikes verschickt – ein für den Neustart absolut essenzieller Akt.

# Die YT-Insolvenz war vermutlich der prominenteste Fall im letzten Jahr – inzwischen wurde die Firma vom Gründer zurückgekauft und operiert auf kleinerer Skala wieder.
# Mit Rocky Mountain ist eine absolute Kultmarke pleite gegangen – auch die Kanadier sind inzwischen wieder im Geschäft.

Doch nicht nur in Deutschland, in der ganzen westlichen Welt mussten Fahrradhersteller ihre Insolvenz bekanntgeben. Da wäre der Traditionshersteller Rocky Mountain aus Kanada, der diesen Titel neben seinen legendären Freeride-Modellen und Athleten auch damit rechtfertigen kann, dass er unter der Web-Adresse bikes.com erreichbar ist. 7Anna, die polnische Muttergesellschaft von NS Bikes und Rondo, ist 2025 in die Krise gekommen, die finnischen CNC-Spezialisten von Pole bereits 2024, der österreichische Hersteller Simplon Ende 2024. Vor einigen Monaten erst folgte die Insolvenz der Syntace GmbH – vorher unter dem Dach der ebenfalls ehemals insolventen Pierer Mobility AG (Mutterkonzern des Motorrad-Herstellers KTM) und neben innovativen Komponenten bekannt für die Traditionsmarke Liteville. Auch für Syntace und Liteville soll es allerdings wieder bergauf gehen – erst vor wenigen Tagen wurde bekannt gegeben, dass ein Investor das Unternehmen übernommen hat (Syntace & Liteville: Übernahme durch SL International GmbH).

Doch nicht nur die eher nischige Sport-Sparte ist betroffen – auch bei Herstellern, welche die urbane Mobilitätswende zum Ziel ihrer geschäftlichen Tätigkeiten erkoren haben, läuft es bestenfalls holprig. Vor einigen Wochen musste Sushi-Bikes die Insolvenz bekannt geben (Sushi Bikes meldete Insolvenz) – ein Hersteller sehr leichter E-Commuter, der durch den Support von TV-Star Joko Winterscheidt bekannt wurde. Ähnliches gilt für die E-Mobility-Marke Möve, die auf eine sehr lange Tradition zurückblicken kann, oder Hawk Bikes aus Berlin. Dazu kamen Bike-Händler wie Hibike oder Internetstores.

Es ist durchaus lehrreich, sich die Insolvenzen genauer anzuschauen. So sind einige D2C-Unternehmen (Direct To Consumer) betroffen. Diese verzichten auf Zwischenhändler und vertreiben ihre Produkte über das Internet direkt an den Kunden – YT und Sushi wären prominente Beispiele. Der Vorteil: Durch den Verzicht auf einen Händler kann man günstigere Preise anbieten. Beim Aufkommen des Geschäftsmodells vor 1–2 Jahrzehnten wurde entsprechend der Tod des klassischen Fahrradladens vorausgesagt. Bikeshops findet man bekanntermaßen immer noch in jedem Ort, und gerade kleinere Einzelhändler – der normale Local-Bikeshop eben – scheinen bisher nicht übermäßig unter der Krise zu leiden, D2C-Hersteller allerdings schon. Interessanterweise haben sowohl YT als auch Sushi Discount-Preise und viel zu geringe Margen als (Teil-)Grund der Insolvenz angegeben – dabei haben gerade D2C-Firmen in den letzten Jahrzehnten einen hohen Preisdruck auf ihre „klassisch“ handelnden Konkurrenten ausgeübt.

# Nicht nur die Sport-Sparte, auch im hippen urbanen Markt gab es Insolvenzen – kürzlich etwa von Sushi Bikes.

Es scheint, als ob einige D2C-Hersteller bei einem aufgrund von Überbeständen allgemein sinkenden Preisniveau einfach nichts mehr finden, wo sie weiter sparen könnten und auch vorher keine entsprechenden Rücklagen bilden konnten. Pleitegehen muss man deshalb noch nicht – vorausgesetzt man findet einen Investor, der an das Unternehmen glaubt und die nun bereits mehrjährige Durststrecke mit entsprechenden Kapitalzuschüssen überbrückt. Im Übrigen schreibt etwa auch die deutlich größere D2C-Marke Canyon herbe Verluste, operiert jedoch munter weiter und steckt sogar ein Akku-Fiasko weg, über das so manch anderer Hersteller hätte zu Fall kommen können.

Der Ausblick – Licht am Ende des Tunnels?

Ja … aber! In den letzten 2–3 Jahren konnte man das Gefühl bekommen, mit dem Aufschwung der Bike-Industrie verhält es sich etwas wie mit dem kommerziellen Fusionsreaktor, der bekanntermaßen seit Mitte des 20. Jahrhunderts etwa 20–30 Jahre entfernt ist. Nächstes Jahr wird’s besser – das hört man spätestens seit 2023. Zuletzt sollte 2026 endlich alles besser werden, doch auch dieser Optimismus klingt im Anfang 2026 deutlich verhaltener. Im Prinzip scheint es darum zu gehen, das Überangebot an Bikes und Komponenten abzubauen, was für die krassen Rabatte und entsprechend gesunkenen Margen der letzten zwei Jahre gesorgt hat. Diesem Ziel scheint man sich langsam zu nähern, und 2026 könnte es dann so weit sein.

Positivere Nachrichten gibt’s jetzt schon, wenn man sich die genannten Insolvenzen mal ansieht: YT ist wie bereits erwähnt zurück und verkauft wieder Bikes (YT-Neugründung). Das Ende von Nukeproof hing zwar weniger mit der Fahrradmarkt-Krise, sondern eher mit der Pleite des Immobilienkonzerns und Eigners Signa zusammen, die nun belgische Marke ist aber auch wieder da (Nukeproof-Comeback). Simplon operiert wieder, Rocky Mountain ebenfalls, der Händler Hibike ist zurück (hat mittlerweile einen neuen Investor: Hibike gerettet? Neuer Investor aus der Fahrradbranche) und auch Teile der Internetstores machen weiter. Bei anderen Firmen läuft teilweise noch das Insolvenzverfahren, in einigen Fällen allerdings mit positiven Aussichten, wenn man den Verlautbarungen glauben kann.

# Dass Nukeproof wieder aktiv ist, war eine der erfreulichen Nachrichten des Jahres 2025.
# Auch bei Simplon geht's weiter – die Österreicher konnten Anfang 2025 einen Investor finden.

Alle „geretteten“ – im Sinne von aufgekauften – Unternehmen operieren natürlich auf kleinerem Niveau weiter als vor der Insolvenz, was vor allem für Team-Fahrer und Arbeitnehmer eine schlechte Nachricht ist. Zudem wird häufig das Sortiment gestrafft, um so effizienter und profitabler zu werden. Trotzdem scheint es unter Investoren und Unternehmern Vertrauen in eine positive Entwicklung der Bike-Branche zu geben. Es ist ja nicht so, dass nur die Fahrrad-Industrie aktuell leidet – das ganze Zoll-Drama, steigende Energiepreise und so weiter kommen ja noch obendrauf.

An einer positiven Entwicklung der Fahrradbranche kann es aber kaum Zweifel geben. Die Mobilitätswende ist, wenn auch eventuell verschoben, so doch früher oder später beschlossene Sache. Und ein Fahrrad ist einfach das viel praktischere Verkehrsmittel im Großstadtdschungel. Die Sport-Sparte boomt auch, die ganzen Neu-Mountainbiker und Rennradler der letzten 5 Jahre werden zumindest zu großen Teilen dem Sport erhalten bleiben und für einen – wenn auch langsamer – wachsenden Markt sorgen. Das Problem liegt also nicht darin, dass es keine Kunden gäbe – diesen steht einfach ein noch viel größeres und mit Rabatten umkämpftes Angebot gegenüber.

Was meinst du – ist die Krise ausgestanden oder werden weitere Bike-Hersteller aufgeben müssen?

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