Von Le Bourg d’Oisans nach Sanremo: Ella und Julia radeln ans Meer
Aus Frankreich nach Italien bis ans Meer – über die Alpen: Das war der Plan von Julia und Ella im vergangenen Sommer. Was die Highlights der Tour für die beiden waren, warum der Anstieg nach Alpe d’Huez so zermürbend war und warum das Abenteuer für die beiden unvergesslich war, erfahrt ihr in ihrem Bericht.
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„Und, würdest du so eine Tour noch einmal machen?“, frage ich (Julia, 53 Jahre) meine beste Freundin Ella (55 Jahre). „Ja klar, sofort, wann geht’s los?“, sagt sie grinsend, und schon schwelgen wir in Erinnerungen an den gemeinsamen Urlaub im Sommer 2025.
Ella und Julia radeln ans Meer
Irgendwann mal, vor ca. zwei Jahren, hatte Ella davon gesprochen, dass sie „so was“ (damit war eine Transalp mit dem Mountainbike gemeint) auch mal gerne machen würde. Worauf warten, dachte ich mir, schrieb ihr eine Einladung für eine Biketour über die Alpen bis ans Meer, und schon begann jede von uns mit der Vorbereitung. Ella gönnte sich ein Fully, kurbelte Kilometer für Kilometer, um Kondition aufzubauen, und stärkte ihre Fähigkeiten in puncto Fahrtechnik. Ich übernahm den theoretischen Part. Wir einigten uns darauf, zwei Wochen für das Unterfangen einzuplanen, reichten Urlaub ein, und los ging’s.
„Was war eigentlich dein schlimmster Tag?“ – „Der erste“, sagt Ella. „Die Hitze und der nicht enden wollende Anstieg von Le Bourg d’Oisans hinauf nach Alpe d’Huez waren zermürbend – da habe ich kurz mal daran gezweifelt, ob es eine gute Idee war, dieses Abenteuer anzugehen.“ Ich pflichte ihr bei! Aufgrund der verzögerten Anreise mit Bahn und Bus mussten wir die Passstraße hinauf nach Alpe d’Huez nehmen, und der glühende Asphalt und die Mittagshitze waren wirklich kräftezehrend. Ich weiß noch, dass wir jeden kleinen Bach am Straßenrand für eine Abkühlung genutzt haben und immer wieder dieses klirrend kalte Wasser über uns geschüttet haben.
Als wir oben in Alpe d’Huez ankamen und endlich in unserem Terrain waren und die ersten Trails fahren konnten, waren alle Zweifel vergessen. Diese einzigartig schöne Hochgebirgslandschaft mit ihren üppig blühenden Almwiesen und das atemberaubende Panorama sollten uns die kommenden Tage tragen und begleiten. Pure Freude löste die Zweifel ab, und der erste Gebirgsbach war der „unsere“: Schuhe aus, Füße rein, Arme erfrischen und immer wieder eine Handvoll Wasser ins Gesicht – was für eine Wohltat. Nachdem wir einige Weiden gequert hatten, rollten wir über den Col de Sarenne nach Clavans en Bas hinunter.
Wir verspürten beide pure Erleichterung, als wir nach diesem ersten schweren Tag die gebuchte Unterkunft erreichten. Ein kühles Bier auf der Terrasse – nie schmeckt es so gut wie nach einer langen MTB-Tour im Sommer –, gutes Essen und einige Flaschen Wasser, und wir fühlten uns wie zwei Königinnen.
Ich weiß noch, dass ich an diesem ersten Abend eingeschlafen bin und einfach nur gehofft habe, dass sich Ella am nächsten Morgen wieder auf den Sattel schwingt. Der Morgen kam, die Sonne lachte uns an, und nach dem Frühstück saßen wir beide wie selbstverständlich wieder auf dem Bike.
Und wie es weiterging! Clavans en Bas – Besse – Plateau d’Emparis – ein Hochplateau (immer mit Blick auf ihre Schönheit – La Meije – der südlichste Viertausender in Europa und das Massif des Écrins) – bis zur Refuge du Pic du Mas de la Grave. Der Anstieg zum Plateau d’Emparis verläuft überwiegend auf Schotterpisten, bis man oben angekommen wieder durch blühende Almwiesen schaukelt, begleitet von den Pfiffen der frechen Murmeltiere und sein Glück kaum fassen kann.
Vor den Abfahrten kontrollierten wir immer den Reifendruck bzw. ließen etwas Luft raus, Handschuhe und Schienbeinschützer an, Fahrwerk auf und rein ins Vergnügen, das sich Trail nennt. Schotter (grob und fein), Waldboden, Stufen, ruppiges Gelände, sanfte Wiesen – über mangelnde Abwechslung konnten wir nicht klagen. Kein Tag war wie der andere, und doch hatten alle etwas gemeinsam: Die Landschaft bot uns eine Kulisse, die nicht schöner hätte sein können, die Trails und die vielen schönen Begegnungen sowie unsere Freude am Biken sollten uns bis zum Meer begleiten.
Als wir dann mit unseren Bikes verschwitzt am Strand von Sanremo standen und uns ins Wasser gestürzt haben, verspürte ich Freude, Stolz und Wehmut zugleich. Die Freude darüber, die Strecke gemeinsam erlebt zu haben, Stolz auf meine Begleiterin Ella, die sich darauf eingelassen hat, und ein wenig Wehmut, dass die hohen Berge nun nur noch in der Ferne zu sehen waren. Vor Ella habe ich mich verneigt und meinen Hut (Helm) gezogen! Und übrigens – das Bad war wenig erfrischend … zu warm war das Mittelmeer bereits, als dass es eine Abkühlung gewesen wäre, aber schön war’s trotzdem!
Um keine Langeweile beim Lesen aufkommen zu lassen, wird nicht jede Etappe detailliert beschrieben. Stattdessen habe ich in den kommenden Abschnitten die wichtigsten Aspekte der zwei Wochen und der Vorbereitung etwas ausführlicher dargelegt. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und hoffe, die ein oder andere, den ein oder anderen mit unserer Begeisterung angesteckt zu haben.
Unsere tägliche Routine
Frühstück, Rucksack packen, kurzer Bikeservice, schwitzen, genießen, viel Wasser trinken, ankommen, ein kühles Bier zischen, Bikehose und Trikot waschen, die Etappe des kommenden Tages durchgehen, plaudern und schlafen – das Leben kann so einfach sein :-)
Die schwierigen Momente
Ich habe zweimal bei der Planung nicht sorgfältig genug aufgepasst, und wir sind in sehr steile Abfahrten geraten (Bereich S3/S4), die wir nur schieben konnten – das war richtig ärgerlich, ließ sich aber in dem Moment nicht mehr vermeiden. Ach ja – und dann war da noch das schwere Gewitter, das uns am Saccarello erwischt hat. Wir waren an dem Morgen von der Rifugio Don Barbera Richtung Monesi aufgebrochen (grobe Körnung) und haben in der Rifugio Terza kurz Halt gemacht, um Wasser aufzufüllen und einen Espresso zu trinken. Dass sich etwas zusammenbrauen könnte, haben wir geahnt, aber das Spektakel war bis dahin ziemlich weit weg. Wir hatten den Kamm erreicht und wollten Richtung Molini di Triora abfahren, als klar war, dass sich das Gewitter nicht verziehen würde. Kurz innehalten, nicht in Panik geraten und überlegen, was nun zu tun ist. Heute bin ich heilfroh, dass wir damals einige hundert Meter zurückgefahren sind. Wir hatten während des Anstiegs zu dem Kamm eine kleine Hütte passiert. Die war leider verschlossen, aber immerhin befanden wir uns an keiner ausgesetzten Position mehr, und an den eingefallenen Mauern der alten Hütte fanden wir etwas Schutz. Das Spektakel war angsteinflößend! Diese Urgewalt direkt über einem zu erleben, hat uns schwer beeindruckt! Dort harrten wir ziemlich lange aus, um dann durchgefroren und nass den Downhill nach Molini anzugehen.
Der ein oder andere Sturz blieb leider auch nicht aus … Aber glücklicherweise sind wir mit ein paar blauen Flecken oder Schrammen glimpflich davongekommen. Die Belohnung für all die vielen Höhenmeter und die Anstrengung war auf jeden Fall die Landschaft, waren die Trails, und es waren die ausgesprochen netten Begegnungen während der Tour. Was die Trails anbelangt, sei gesagt, dass wir ohne Protektoren (um Gewicht zu sparen) unterwegs waren. Lediglich diese stylishen Schienbeinprotektoren gönnten wir uns vor jeder Abfahrt. Dementsprechend haben wir nicht die ganz wilden Downhill-Passagen auf unseren Etappen eingeplant.
Absolut grandios, wenn auch nicht so anspruchsvoll, waren die Querungen an den ersten beiden Tagen und der Chemin de Roy hinunter nach Monêtier-les-Bains (kurz über der Kuppe vom Col du Lautaret muss man einige Höhenmeter das Bike schultern – und gelangt dann auf diesen grandios schönen und sehr einsamen Trail, der sich etwas wellig immer am Hang entlang schlängelt, an der Alpe du Lauzet vorbei, bis man sich irgendwann ins Tal stürzen kann).
Die Abfahrt vom Col de Granon nach Briançon ist extrem abwechslungsreich und fordernd und macht Spaß von Anfang bis Ende. Um ins Queyras zu gelangen, sind wir über den Col d’Izoard gefahren und unterhalb der Passhöhe über einen kleinen Trail zum Col du Tronchet gelangt. Von dieser Passhöhe aus führt eine anfangs sehr kurvige Strecke Richtung Ville-Vieille, die uns auch viel Spaß gemacht hat. Besonders erwähnen möchte ich auch den Downhill vom Colle de Sampeyre hinab ins Valle Maira – durch absolut wildes Gelände, teilweise urwaldmäßig, teilweise auf Waldboden –, bis man ca. 8 km vor Acceglio auf die Straße gelangt.
Molini – immer wieder Molini – ich liebe diesen etwas verschrobenen Ort im Hinterland der ligurischen Küste. Das Team von ridemolini hat in den letzten Jahren so viel Liebe und Engagement in das Entdecken und Pflegen der Trails gesteckt, dass es bisher immer eine wahre Freude war, dort auf dem Mountainbike unterwegs zu sein. Mittlerweile besteht auch die Möglichkeit (die wir gerne genutzt haben), das liebevoll hergerichtete B&B dort zum Übernachten zu nutzen. Schöne, helle Zimmer und ein sehr üppiges, leckeres Frühstück erwarten euch dort!
Die Begegnungen
Es bedarf ja nicht immer vieler Worte oder irgendwelcher aufwendiger Aktionen und Gesten, dass einem warm ums Herz wird. Die italienischen Motorradfahrer auf dem Col d’Agnel, die uns (in dem Moment, wo sie gesehen haben, dass wir „senza batteria“ unterwegs waren) ein „Campione, campione“ zugerufen haben, die E-Biker aus Frankreich, die uns mit „Courage, courage“ angefeuert haben, der Barista in Sanremo, der gefragt hat, wo wir herkommen, und uns ein leckeres Stück Kuchen zum Espresso serviert hat, als er gehört hat, dass wir in mehr als zehn Tagen über die Alpen bis nach Sanremo gefahren sind, der Nachtportier in Sanremo, der uns morgens um 6 Uhr (vor dem Abschnitt nach Nizza) schweigend einen Espresso hingestellt hat, und natürlich Carole, diese wunderbare Chefin der Auberge Les Mille Cols (in Molines-en-Queyras), die abends Musiker aus dem Piemont zu Besuch hatte und uns mit Gesang in den Schlaf geschaukelt hat …
Wirklich herausragend war die Übernachtung bei Luca und Leila in der Rifugio Grongios Martre oberhalb von Pontechianale. Die Etappe war richtig anstrengend, und das Stück hoch zur Hütte muss man teilweise tragen und schieben. Aber dort anzukommen und derart herzlich empfangen zu werden und abends ein Menü genießen zu dürfen, wie es kein zweites gibt, bleibt unvergessen.
Die Anstiege / die Anstrengung
Ja, es ist saumäßig anstrengend, mit Rucksack jeden Tag ca. 1.000 Hm und mehr mit einem Fully hochzukurbeln! Dadurch, dass wir keinerlei Zeitdruck hatten und uns die Anstiege einteilen konnten, war es aber gut zu schaffen – es hat sogar zwischendurch mal für eine Runde Schwimmen im Lac du Pontet oder eine Erfrischung im Bach, eine kleine Siesta im Grünen und natürlich immer für einen Espresso oder eine eiskalte Coke gereicht.
Wir sind nicht jeden Anstieg im Gelände gefahren, sondern haben uns insbesondere am Anfang der Tour (auch aufgrund der Hitze) für den ein oder anderen Anstieg auf Asphalt entschieden. Auch der für das Hochgebirge doch etwas frühe Termin ließ manchen Übergang wegen Schnee, wie z. B. den Col de Malrif im Queyras, nicht zu. Tragepassagen ließen sich ebenfalls nicht vermeiden: Den Übergang oberhalb vom Lac du Pontet (bei Villard-d’Arêne) konnte man nur über eine Tragepassage erreichen. Außerdem musste das Bike auf dem Weg zur Rifugio Grongios Martre und zur Gardetta-Hochebene hinauf geschultert werden … bleibt nie ganz aus.
Die Strecke im Allgemeinen
- Startpunkt: Le Bourg-d’Oisans
- Ziel: Sanremo
Die Etappen:
- Le Bourg-d’Oisans – Clavans-en-Bas
- Clavans-en-Bas – Plateau d’Emparis – Refuge du Pic du Mas de la Grave
- Refuge du Pic du Mas de la Grave – Lac du Pontet – Col du Lautaret – Chemin de Roy – Monêtier-les-Bains
- Monêtier-les-Bains – Col de Granon – Briançon
- Briançon – Col d’Izoard – Col du Tronchet – Molines-en-Queyras
- Molines-en-Queyras – Col d’Agnel – Rifugio Grongios Martre
- Rifugio Grongios Martre – Colle de Sampeyre – Acceglio
- Acceglio – Gardetta – Sambucco
- Pausentag in Sambucco
- Sambucco (ein Teilstück sind wir geshuttelt) – Colle di Tende – Alta Via del Sale – Rifugio Don Barbera
- Rifugio Don Barbera – Rifugio Terza – Monte Saccarello – Molini di Triora
- Molini di Triora – Sanremo
- Sanremo – Col d’Eze – Nizza, Bahnhof (dieses Stück sind wir komplett auf Asphalt gefahren, da wir unseren Zug nicht verpassen durften) – Rückreise
Organisatorisches
An- und Rückreise
Wir konnten unser Auto bei lieben Freunden in Annecy parken. Von Annecy mit Zug und Bus bis Le Bourg-d’Oisans. Rückfahrt: mit dem Bike von Sanremo nach Nizza, anschließend mit der Bahn zurück nach Annecy.
Vorbereitung und Planung
Natürlich hat es einige Stunden aufwendiger Planung gekostet, diese zwei Wochen anzugehen – eine richtig schöne Aufgabe, wie ich finde, und die Vorfreude wuchs mit jedem ausgetüftelten Abschnitt. Ich hatte jeweils einen Bildschirm mit einer Navigationssoftware und einen mit Google Maps geöffnet. Ein paar Eckpunkte standen fest, und der Rest wurde „drum herum“ geplant. Die Gegend oberhalb der Ortschaften La Grave und Villard-d’Arêne sollte ins Programm, die Abfahrt vom Col de Granon, die Rifugio Grongios Martre und Molini … wie gesagt, alles andere hat sich dann ergeben.
Reservierungen: Wir hatten fast alle Etappenorte vorgebucht. Grundsätzlich findet man außerhalb der Ferienzeit für zwei Personen immer ein Zimmer. Wir waren aber froh darüber, dass wir abends einfach nur unser kühles Bier genießen konnten, ohne uns Gedanken machen zu müssen, wo wir am kommenden Abend schlafen werden. Die Übernachtungen in den französischen und italienischen Alpenvereinshütten sollte man unbedingt vorher per E-Mail oder per Telefon reservieren – die waren immer sehr gut besucht.
Ohne Guide und ohne Gepäcktransport nervt zwar manchmal der Rucksack, aber dafür konnten wir „oben“ in der Höhe übernachten. Die Schlafgelegenheiten und die Verpflegung in den Hütten waren jedes Mal top. Besonders schön waren auch die kleinen Auberges, insbesondere „L’Auberge des Mille Cols“ in Molines-en-Queyras, die Albergo della Pace in Sambucco und das B&B in Molini von ridemolini.
Was die allgemeine Kondition anbelangt, sollte man auf jeden Fall ein paar Kilometer in den Beinen haben und grundsätzlich längere Belastungen schon erlebt haben, bevor man sich auf derartiges Terrain begibt. Wir kennen uns lang genug, sind bergerfahren und haben schon das ein oder andere sportliche Event zusammen bestritten. Dementsprechend hatten wir ausreichend Vertrauen, dass unser Abenteuer gelingen könnte.
Das Material
Wir sind beide mit einem All-Mountain-Fully unterwegs gewesen und waren richtig zufrieden damit! Ella nennt ihr Bike liebevoll „meine Rikscha“ … wenn’s bergab geht.
Das Fazit
Es wird eine Neuauflage geben!
Würdet ihr so eine Tour auch einmal angehen wollen?

