Wer sich schon etwas länger mit Mountainbikes beschäftigt, der kann die aktuellen Entwicklungen im Bereich von Gravel Bikes nur als ein „Zurück auf Los“ deuten. Denn was heute als zeitgemäß scheint, war vor 30 Jahren schon Mal in Mode: Als Mountainbike.
Auf der IAA 2021 in München standen in der gleichen Hallte, etwa 70 m voneinander entfernt, die neuesten und die ältesten Bikes für Fahrspaß abseits des Asphalts. Als Vertreter der neuen Welt haben wir das BMC URS LT herausgegriffen, ein vollgefedertes Gravel Bike mit vier Batterien, gebaut aus Carbon und mit dem Wissen aus 40 Jahren Geländeradsport. Die alte Welt wird durch ein Specialized Stumpjumper von 1991 repräsentiert, in das immerhin 10 Jahre Mountainbike-Entwicklung einfließen konnten – gemacht aus Titan und Carbon, vielfach einstellbar und in jeder Hinsicht damals Stand der Technik.
Diashow: Dreh-Momente am Dienstag: nach 30 Jahren Entwicklung zurück auf Los
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#Ein erstklassiges Mountainbike von 1991 hatte auf 10 mm den gleichen Radstand wie ein erstklassiges Gravelb Bike von 2021 - genau 1.045 mm sind es bei diesem Stumpjumper S-Works.
#Das BMC URS LT ist sicherlich als "State of the Art" zu bezeichnen - und zeigt ganz gut, wo Gravel im Jahr 2022 steht; nämlich fast dort, wo das Mountainbike vor 30 Jahren stand.
Kurz zur Erinnerung: Das Mountainbike entstand in den 70er-Jahren, als man in Kalifornien bemerkte, dass es Spaß macht, auf zwei Rädern Schotterpisten bergab zu rasen, bis die Rücktrittbremse raucht. Wirklich als neuer Sport etabliert wurde es aber erst als Gesamtkonzept aus breiten Stollenreifen, einigermaßen brauchbaren Bremsen und natürlich einer Gangschaltung, mit der auch steile Rampen bezwungen werden konnten. „It’s not just a new bike – it’s a whole new Sport“: damit verkaufte Specialized das erste Serien-MTB der Welt, das zunächst ungefederte Stumpjumper von 1981. Das Streben nach mehr Komfort führte dann nach und nach zur Einführung der zuverlässigen Kettenschaltung (1982, Shimano XT 3×6), der Federgabel (1988, RockShox One mit 50 mm Federweg) und der Scheibenbremse (1990).
#Mit der Future Shock genannten Federgabel reagierte Specialized auf die neuen Angebote von Manitou und RockShox. - Mit satten 90 mm Federweg hat sie der nagelneuen Rock Shox Rudy XLPR aber einiges voraus, sie stellt maximal 40 mm bereit.
#Die RockShox Rudy sieht aus wie eine durchgeschlagene Judy TT von 2000, auch der verwendete Elastomer erinnert an Technik aus einer anderen Zeit. - dank Flatmount-Standard vereinfacht sie aber die Verbreitung der Federgabel am Gravel Bike. Mit 1220 g Gewicht bewegt sie das Gravel Bike weiter in Richtung Mountainbike.
Seit jeher wird das Konzept Geländefahrrad weiter verfeinert: Die Räder wurden größer, die Federwege länger und die Lenker breiter. Als Meilensteine mit funktionalem Mehrwert dürfen sicherlich der Horstlink (1996, Horst Leitner), die Teleskopsattelstütze (1998, Kind Shock) und natürlich der 1-fach-Antrieb (2012, SRAM) genannt werden.
#Das AMP Leitner zeigt gleich zwei Designs, die sich 2021 wieder versuchen - sein Hinterbau-Design ist inzwischen als Trek Supercaliber wieder geboren; seine Gabel als Motion France.
#Geometrie-technisch war dieses Breezer von 1979 schon ziemlich progressiv - an seinen Radstand von ca. 112 cm kommen heute nur die mutigsten Gravelbikes ran.
Das Gravel Bike auf der anderen Seite … ja, wer hat eigentlich das Gravel Bike erfunden? Geländegängige Fahrräder mit Rennlenker gab es schon früher, auch das von uns hier gezeigte Stumpjumper hatte ein solches Pendant: Das Specialized Rock Combo von 1989 war eigentlich ein Stumpy mit Dropbar und wurde als Straßen-fähiges Mountainbike verkauft. Die Idee schlief dann aber für ungefähr 20 Jahre ein, bis irgendwann 2010 die ersten Rennräder mit breiteren Reifen vorgestellt wurden und schließlich ab 2015 an Relevanz zulegten.
#Das, was wir momentan als "Gravel Bike" verstehen, gibt es erst seit etwa 2015. - Die Werte geben das Suchinteresse relativ zum höchsten Punkt im Diagramm für die ausgewählte Region im festgelegten Zeitraum an. Der Wert 100 steht für die höchste Beliebtheit dieses Suchbegriffs. Der Wert 50 bedeutet, dass der Begriff halb so beliebt ist und der Wert 0 bedeutet, dass für diesen Begriff nicht genügend Daten vorlagen. Quelle: Google Trends 26.12.21
#Das Gravel Bike kann als globales Thema angesehen werden, allerdings mit klaren Hotspots. - Die Werte werden auf einer Skala von 0 bis 100 eingestuft. Der Wert 100 wird an den Standort vergeben, an dem anteilig zur Gesamtzahl der Suchanfragen die höchste Beliebtheit erzielt wurde. Der Wert 50 gibt einen Standort mit halb so hoher Beliebtheit an und der Wert 0 steht für einen Standort, an dem für diesen Begriff nicht genügend Daten vorlagen. Hinweis: Ein höherer Wert bedeutet nicht, dass es insgesamt mehr Suchanfragen gibt, sondern dass der Anteil aller Suchanfragen höher ist. In einem kleinen Land, in dem 80 % der Suchanfragen das Wort "Bananen" enthalten, wird also die doppelte Punktzahl erzielt wie in einem großen Land, in dem nur 40 % der Suchanfragen das Wort "Bananen" beinhalten. Quelle: Google Trends 26.12.21
Die Kombination aus breiteren Reifen, Scheibenbremsen und bequemerer Sitzposition genügte für die Etablierung am Markt. Seither wird der Komfort weiter gesteigert: durch Federgabeln, absenkbare Sattelstützen und gefederte Vorbauten. Die ganz klaren Meilensteine lassen sich heute noch nicht bewerten – warten wir ab, wie viele der am Mountainbike bewährten Ansätze noch ihren Weg ans Gravel Bike finden werden.
#Den Riserbar hatten schon die allerersten Mountainbikes - das Mehr an Kontrolle gegenüber dem Rennlenker war ein wichtiges Element des Konzepts "Mountainbike". Dieser hier ist übrigens 560 mm breit.
#Gravel Bikes unterscheiden sich natürlich durch den Rennlenker weiterhin vom Mountainbike - alle anderen Merkmale durchlaufen aber gerade schon erfolgreich die Evolution des frühen Mountainbikes. Mit nur 415 mm ist dieser Lenker offensichtlich aerodynamischer als der des Stumpy.
#Klar, das Reifenmaß war vor 30 Jahren ein Anderes: 26 x 1,90" - Der Außendurchmesser ist mit 670 mm nicht viel kleiner als beim 30 Jahre neueren BMC. Mit 50 mm Breite bauen die im Innendurchmesser kleineren 26"-Reifen nämlich auch 2 Mal 10 mm höher.
#40 mm breite Reifen mit 28" Innendurchmesser sind etwa der Standard am modernen Gravel Bike - das resultiert in 710 mm Außendurchmesser. Die flachen ZIPP 101 XLPR Felgen dürften den Komfort zusätzlich verbessern, wodurch er vielleicht ja ähnlich gut wird, wie mit 26 x 1,90" Reifen.
#440 % Übersetzungsbandbreite mit nur einem Kettenblatt - dazu eine Betätigung per Funk. Das Konzept von Batterie, Empfänger und Getriebe passt nicht zum unverwüstlichen, pflegeleichten Gravel-Konzept, aber zum Zeitalter der Digitalisierung.
#Die modernsten Komponenten und ein Rahmen mit innovativem Materialmix - das Stumpy S-Works von 1991 setzt auf Carbon-Rohre mit Titan-Muffen. Die SRAM Gripshift Schalthebel verwalten satte 3 Kettenblätter mit 26 bis 44 Zähnen. Genug für insgesamt 447 % Übersetzungsbandbreite.
#Ein ungefedertes Heck mit zuverlässigem Sattelschnellspanner und vielfach einstellbare Bremsen - die V-Brakes packten bei trockener Felge bissiger zu als immer noch teilweise schwach zugreifenden hydraulischen Scheibenbremsen an Gravel Bikes von 2021.
#Die Reverb AXS XLPR braucht ebenfalls regelmäßig eine Steckdose - soll mit ihren beiden Funktionen, nämlich Absenkung einerseits und Federung andererseits, den Einsatzbereich des Gravelbikes vergrößern.
Das Standpersonal auf der IAA erlaubte es uns übrigens nicht, die Fahrräder zu wiegen. Online findet sich für das 30 Jahre alte Hardtail eine Gewichtsangabe von 12,3 kg – immerhin hier kann das moderne Gravel Bike punkten, denn auch mit Federgabel und Teleskopstütze landet es noch bei etwa 10 kg. Der Fairness halber muss man sagen: Wenn man das Gravel Bike als Nachfahre des Rennrads sehen würde, hätte sich mehr getan. Vor 30 Jahren hatten Rennräder nämlich noch 20 mm schmale Reifen und ziemlich kleine Übersetzungsbandbreiten – waren dafür aber auch leichter.
Was glaubt ihr? Wie wird sich das Gravel Bike weiter entwickeln?