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Pakistan per Bike – Teil 2: „It’s possible, inschallah!“

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Mit dem Mountainbike nach Pakistan? In Part 1 berichtete Jakob schon über kulturelle Unterschiede, eine gigantische Gebirgslandschaft, verdorbene Mägen und die gemeinsame Zeit in der Höhe. Jetzt jedoch wird es spannend, denn mit dem Gondogoro La steht eine doch recht sportliche Passüberquerung an. Viel Vergnügen bei der Lektüre dieses Abenteuers!

It’s passible!

Wer schon einmal auf Tour war und weiß, dass ein bestimmter Gipfel oder Pass überschritten werden muss, damit man weiter kann, kennt dieses Gefühl des irgendwie stets über einem schwelenden Ungetüms. Respekt einflößend. Ungemach bereitend. Aber auch Vorfreude und Motivation.

# Anhand der Sauerstoffsättigung lässt sich ungefähr ablesen, ob wir schon einigermaßen akklimatisiert sind - Ishaqs skeptischer Blick verrät, was er von diesem neumodischen Klump hält
Diashow: Pakistan per Bike Part 2: It’s possible, inshallah!
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Als der Gondogoro La zum ersten Mal sichtbar wird, scheint er uns mit den Rädern nicht machbar. Eine brachiale Steilwand, mit über 5.600 Meter Höhe. Uffa.

# Hier hinten, am niedrigsten Punkt, wollen wir den Gondogoro La überschreiten - davor stehen allerdings 8-9 Stunden Fußmarsch samt Kletterei im vierten Grad an

Wetter und Gesundheit erlauben aber, dass Gerhard und ich unseren Plan durchführen können: Wir bringen heute die Räder so hoch wie möglich, legen sie ab und steigen wieder ins Camp hinab. Ruhen uns aus, schlafen viel und werden am Folgetag um 21 Uhr zur Überquerung starten.

# Unsere 301er warten auf gut 5000 Metern Höhe auf uns - trotz des fehlenden Schlosses klaut diese keiner

Gesagt, getan. Während wir wieder im Hispang-Camp chillen, ruhen unsere Räder er entspannt auf ungefähr 5.000 Meter Höhe. Ob sie wohl auch gerade an uns denken? Nun ja, wie dem auch sei.

Wir nutzen die restlichen Stunden, um unser Equipment zu packen. Merinounterwäsche, Skitourenhose, Daunenjacke, Mütze … Heute müssen wir alles anlegen, was wir an Klamotten dabei haben, fallen die Temperaturen doch des Nachts auf unter -10 Grad, während sie in der Sonne selbst in der Höhe schnell wieder in Richtung 20 hinauf klettern. Zudem wandern mit Klettergurt, Steigeisen und Steigklemme eher unübliche Gegenstände in den Bikerucksack. Doch sicher ist sicher. Mit Rucksack und Fahrrad habe ich nun über 23 Kilo auf dem Buckel. Ein ganz hervorragendes Gewicht, um damit irgendwo in Pakistan einen Pass hochzukraxeln.

Um 21 Uhr starten wir pünktlich wie die Maurer. Den Beginn macht eine lange, nein, eine elendslange Hatscherei das Tal hinauf. Erst ab 5.000 Metern Höhe wird es spannend, wir nehmen die Räder auf und nun steigt der Weg die folgenden 600 Höhenmeter sacksteil an. Versüßt durch Gletscher, Steilwände, Steinschläge und Muränenabgänge. Wir kommen gut voran.

# Um nicht ganz so ausladend wie ein 40-Tonner zu sein, werden die Laufräder ausgebaut und dann alles am Rucksack festgezurrt
# Und dann beginnt es also

Und ich sage dir: des Nachts mit Stirnlampe durch die pakistanische Pampa zu laufen, hat durchaus seinen Reiz. Ein sternenklarer Himmel offenbart Blicke direkt in, gefühlt sogar durch die Milchstraße hindurch. Dank des teilweise staubigen Bodens flimmern und glänzen die Staubkörnchen im Schein unserer Lampen wie Glühwürmchen. Glücksgefühle fluten mein Herz. Als ich nach mehreren Stunden Fußmarsch dann noch die Ohrstöpsel einstöpsel, ist es völlig absurd. Lass dir gesagt sein: Wer noch nie zum Sound von Ennio Morricone oder Hatebreed des Nachts über einen pakistanischen Gletscher spaziert ist, hat quasi noch nicht gelebt!

Bald darauf allerdings strömt statt der Endorphine eher Laktat durch meinen Körper. Es ist wirklich sacksteil. Dass wir mittlerweile schon mehrere Stunden die Räder auch auf dem Buckel haben, macht die Sache überraschenderweise nicht besser. Das Gelände wird dafür immer grenzwertiger, steiler und vereister. Eventuell sollte man demnächst die Steigeisen montieren?

Es tritt ein Klassiker ein: Man sagt sich ständig, dass man diese ja jetzt noch nicht brauche. Und das sagt man sich dann so lange, bis man in einer Stelle hängt und nicht mehr weiß, wie zur Hölle man in einer solchen Situation jetzt die dringend benötigten Steigeisen anziehen soll. Zumal mit dem Rucksack samt Fahrrad irgendwie ein saubescheuertes Hindernis ständig im Weg ist.

Da ich diese Zeilen hier geschrieben habe, kannst du dir wahrscheinlich schon denken, dass ich es hinbekommen habe. Im Zuge dessen hüpfe ich gleich noch in meinen adretten Klettergurt. Denn wir sind mittlerweile so hoch, dass Einheimische hier Fixseile verlegt haben. Angesichts des Gefälles ist klar: Wer hier runterfällt, braucht sich nie wieder irgendwelche Sorgen zu machen. Also lieber Seilklemme raus und eingehängt. Unsere Porter tun dies natürlich nicht. Dafür haben sie sich Socken über die Turnschuhe gezogen, damit sie auf dem Eis laufen können. Achja, außerdem sind die eh schon so weit vor uns, dass wir gerade noch ein paar Lichtkegel am Horizont erkennen können. Was für Maschinen.

# Es hat ein paar Grad unter Null, über Leila Peak geht langsam die Sonne auf
# Etwas beengt: Kurz unterhalb des Passes kommt uns plötzlich eine Gruppe Pakistani entgegen - Einer unter ihnen hat keine Stirnlampe und erleuchtet sich mit seinem Handy im Mund den Weg. Unvorstellbar in diesem Gelände
# Wenn ein Bild mehr als Wörter sagt - Gerhard hat Magenkrämpfe und leidet heute richtig – dass selbst Ishaq etwas verkrampft guckt, zeigt den Anstrengungsgrad

Jetzt gibt es so manch unangenehme Situationen im Leben. Zum Beispiel, wenn du dich mit dem Rad vor der Eisdiele voll auf die Gosche legst. Ein anderes Beispiel dafür ist, wenn du in einem Kletterstück hängst, deine beiden Kumpels direkt bei dir samt pakistanischem Guide, und dich dann doch ein gemeines Darmbakterium wieder übermannt. Ich sage jetzt mal so: Schamgefühl ade, es hilft ja alles nix. Die Redewendung “einen abseilen” hat für mich seitdem auf jeden Fall eine ganz neue Bedeutung.

Meter für Meter kämpfen wir uns weiter hoch. Ich habe mittlerweile schon viele blöde und anstrengende Sachen gemacht. Doch ich glaube, das hier ist das bisher Zachste. Es ist gar keine intensive Höchstbelastung, aber es ist einfach unglaublich zäh. Für Körper und Geist. Das Gewicht macht tatsächlich jeden Schritt und Zug zur Qual, die Höhe tut ihr Übriges. Meter für Meter. Und dann noch einen Schritt. Das Schöne aber ist, dass einfach Jammern nichts hilft. Wir müssen jetzt da oben drüber. Es gibt kein Backup. Ebenso hart wie es auch simpel ist.

# Höhe, Infekt, Anstrengung - rein körperlich habe ich noch nichts Härteres gemacht
# Pünktlich zum Sonnenaufgang stehen wir am Pass - selten war ich erleichterter

Gegen 5:00 Uhr ist es dann schon soweit hell, dass wir keine Lampen mehr brauchen. Das setzt neue Energien frei. Und dann, tatsächlich: Nach über acht Stunden unterwegs stehen wir plötzlich auf dem Gondogoro La. Bei Sonnenaufgang. Bei schönstem Wetter.

# Wenn Träume wahr werden - Gerhard sehnt sich genau diesen Moment seit 30 Jahren herbei; es war mir eine Ehre, dabei sein zu dürfen

Wieder Klischee, aber: Mit tatsächlich einem Schwung sind jegliche Anstrengungen und Schmerzen wie weggeblasen. Als mir der K2 im ersten Licht des Tages entgegenstrahlt, bekomme ich Gänsehaut. Denn lass dir gesagt sein, einen solch tiefblauen Himmel samt dieser Bergkulisse hast du noch nicht gesehen. Besonders im Kontrast zum Weiß des Gletschers ist die ganze Szenerie nur schwer zu beschreiben. Für Gerhard geht genau in diesem Moment ein lang gehegter Jugendtraum in Erfüllung.

# Der Herr rechts neben mir ist quasi vom örtlichen Alpenverein, nächtigt unter der Plane hinter uns und sichert die Passüberschreiter - er hüpft wie eine Gazelle durch den Klettersteig, kocht uns Tee und ist insgesamt ein sehr entspannter Zeitgenosse

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