Spotcheck Bike Kingdom Lenzerheide/Arosa: Ein Königreich für ein Fahrrad!
Lenzerheide ist als Bikedestination sicherlich schon vielen ein Begriff – kaum woanders gab es beispielsweise eine solch volksfestartige Stimmung bei den World Cups. Mit dem „Bike Kingdom“ Lenzerheide/Arosa wollen die Graubündner nun dank Gondeln, die gleich mehrere Täler verbinden, ein wahres Königreich für Mountainbiker geschaffen haben. Ob dies ihnen gelungen ist, erfahrt ihr im Spotcheck!
Mit Flow und Schweiss kämpfen wir für das, woran wir glauben. Dass es den Bike Himmel auf Erden wirklich gibt. Darum erschufen wir das gelobte Land: BIKE KINGDOM. Schliess dich uns an und werde ein Ritter unseres Heeres.
Homepage bikekingdom.ch
Ich bin ja eigentlich nicht so sehr empfänglich für Marketingtexte, doch dieser Slogan ließ mich aufblicken. Bisher kannte ich Lenzerheide „nur“ als sehr gute Bikeregion. Ritter hatte ich, abgesehen von den voll gepanzerten Reitern beim Bike Attack, dort noch keine gesehen. Aber als Kind war Prinz Eisenherz eine meiner liebsten Lektüren, also ist meine Neugier direkt geweckt. Zeit, in die Strampelrüstung zu hüpfen und furchtlos gen Lenzerheide zu ziehen!
Uns wird vom Marketing viel Wunderbares berichtet,
von rühmenswerten Trails, großen Sprüngen,
von Freuden und Festen, von Gondeln und Essen;
von den Erlebnissen kühner Helden könnt ihr nun die Wahrheit erzählt hören
Zum Glück verweilen die Verfasser des Nibelungenliedes schon seit dem frühen Mittelalter nicht mehr unter uns, sonst würden sie mich sicherlich für meine arg zusammengeschusterte Version ihrer ersten Strophe steinigen. Doch ich hoffe, meine Aussage kommt raus: Wir testen in einem dreitägigen Besuch für euch, ob das obige, durchaus selbstbewusste Versprechen des Bike Kingdoms gehalten werden kann. Dafür waren wir hauptsächlich in Lenzerheide und Arosa unterwegs, weswegen hier die Gegend um Chur nicht genauer einbezogen wird.
Die Kosten für die Unterkunft und die Verpflegung wurden dabei vom Tourismus Lenzerheide übernommen – wir hatten aber völlig freie Hand bei der Tourenwahl und ich darf hier ganz ehrlich meine Meinung kundtun.
Das Königreich
Während Chur schon zu Zeiten des Alten Roms erwähnt wird, blühten Lenzerheide und Arosa als eher schwer zugängliche Ortschaften erst vor etwa 150 Jahren dank der gesunden Bergluft und dem einsetzenden Tourismus auf. Seit 2013 verbindet eine Seilbahn die Skigebiete von Lenzerheide und Arosa.
Beide Ortschaften leben heute zum größten Teil vom Tourismus – jeder, der schon einmal vor Ort war und die Schönheit der Landschaft mit eigenen Augen sehen konnte, weiß auch warum. Dank brachialer Berggipfel, sanften Weiden, grünen Wäldchen und kristallklaren Bergseen kann man sich für einen Urlaub in den Bergen nicht mehr wünschen.
Und während viele andere benachbarten, bergreichen Regionen trotz des Klimawandels und folglich weniger schneereichen Tagen die Signale scheinbar noch nicht verstanden haben, darf man die Graubündner beglückwünschen, denn schon seit vielen Jahren nehmen hier im Sommer die Bahnen auch Räder mit und investieren ordentlich in die passende Infrastruktur für uns Mountainbiker. Seit 2020 läuft das alles unter dem Oberbegriff „Bike Kingdom“.
Das Bike Kingdom
Werte Lords, werte Ladys, im Winterbetrieb ist es völlig normal, dass sich die Skigebiete angrenzender Täler zusammen tun, um mehr Pistenkilometer bieten zu können. Für Mountainbiker, die ähnliche Reichweiten wie Skifahrer am Tag zurücklegen können, ist dieses Modell auch im Sommer attraktiv. Genau hier setzt das Bike Kingdom an. Wie ein richtiges Königreich verknüpft es mehrere Regionen – Lenzerheide, Arosa, Chur – die sich mit einer Liftkarte und unzähligen Gondeln erschließen und befahren lassen.
Doch auch ein Fahrrad-Königreich wäre ohne den passenden Hofstab nichts, deshalb gehören Hoteliers, Bikeshops, Fahrtechnikschulen und Guides etc. ebenfalls zum Kingdom. Gebündelt wird dies alles in einer eigens entwickelten App.
Die App
Ein großes Angebot benötigt eine passende Übersicht – genau dies will die Bike Kingdom App liefern. Als in meinen Augen wichtigstes Feature bietet sie mit einem Klick einen Überblick auf alle Biketrails der Region, farblich sortiert nach Schwierigkeitsgrad. Auch ganze Touren lassen sich mit der App leicht finden und nachfahren. Hilfreich dabei ist die Übersicht der Bahnen: Welche sind offen und wann geht die letzte Fahrt? Ein Wetterbericht ist ebenfalls über die App abrufbar. Praktisch für uns Deutsche: An jeder Liftstation gibt es gratis W-LAN, das für eine sinnvolle Nutzung der App ausreichend ist.
Aber auch Bikeshops, Restaurants, Hotels und ein Überblick über alle Events lassen sich rasch finden. Die App ist folglich eine Art Mini-Tourismusbüro für Mountainbiker und damit tatsächlich sehr hilfreich. Ziel der App sei gewesen, den Gästen mehr Zeit auf dem Rad zu schenken, da man eben nicht mehr lang recherchieren müsse, meint Pascal Krieger, Marketing Chef Bike von Lenzerheide dazu. Dieses Ziel ist in unseren Augen geglückt, schon nach wenigen Minuten Eingewöhnungszeit lassen sich alle für die Tour wichtigen Informationen herausziehen.
Neben all diesen notwendigen Aspekten bietet die App auch noch eine Art optionalen Spielmodus. Sie kann einfach mit Strava verknüpft werden und so lässt sich aufzeichnen, wer wo fährt. Pro Trail gibt es verschiedene Punkte zu gewinnen. Je nach Fahrstil kann man sich einem Clan zuordnen und für diesen Punkte sammeln. Dieser kleine Wettbewerb soll noch etwas mehr extrinsische Motivation spenden.
Für die Touristiker ist diese Funktion enorm wichtig, da sie so zum ersten Mal an handfeste Zahlen gelangen, welche Trails wie oft frequentiert werden. Darauf kann dann eingegangen werden, was die Planung neuer Strecken angeht. Für mich persönlich ist diese Funktion eine nette Spielerei, die anscheinend vielen Leuten gefällt, wie die Nutzerzahlen belegen. Ich selbst habe dies allerdings nicht genutzt – ich war zu sehr mit Berge angucken beschäftigt.
Die Trails
Den Bikepark von Lenzerheide kennt man, selbst wenn man noch nicht da war: Die Bilder der World Cup-Rennen im XC und DH lieferten spektakuläre Bikeaction. Und diese bietet der Park tatsächlich: Große, gut geshapte Sprünge, steile Strecken und flowige Linien schlängeln sich in großer Vielfalt den Hang hinunter. Wer sich hierbei nicht von den Bremswellen vom Rad schütteln lässt, wird hier richtig viel Spaß haben.
An der Talstation des Parpaner Rothorns befindet sich zudem ein großer Übungsparcours samt vielen Übungssprüngen. Ein größerer, asphaltierter Pumptrack steht direkt im Ort Lenzerheide. So werden hier auch Anfänger und Familien mit Kindern glücklich. Apropos Nachwuchs: Erfreulich viele Kiddies waren unterwegs und hatten sehr offensichtlich viel Spaß auf den flowigeren Linien und den Jumplines.
Wir jedoch wollten für den Spotcheck eher die etwas naturbelasseneren Strecken abseits des Trubels unter die Stollen nehmen. Ein kurzer Blick auf die App zeigt einem diese auch sofort an. Soviel vorneweg: Trails jeglicher Couleur hier sind sehr zahlreich vorhanden, da theoretisch jeder Weg befahren werden darf, außer dieser ist explizit verboten (was quasi nie vorkommt). Wer also möchte, kann sein Rad auch beispielsweise auf das Lenzerhorn mit hochnehmen. Ob das allerdings besonders sinnvoll ist, sei mal dahingestellt.
Von allem etwas
Durch diese enorme Vielfalt lassen sich die Trails außerhalb des Bikeparks nicht pauschal beschreiben. Grob lässt sich aber festhalten, dass sich auf der westlichen Talseite von Lenzerheide mehrere explizit für Mountainbiker neu gebaute Wege finden lassen, die sich verspielt gen Tal schlängeln. Diese sind technisch nicht besonders schwer, dennoch aber keine reinen Flowtrails. Die Einstiege sind – etwa per Scalottas-Bahn – einfach erreichbar. Die Aussicht ist grandios und bietet, abgesehen von den Lifttrassen, reinste Schweizer Idylle, Kuhglocken inklusive. Einiges Manko: Damit die Kühe da bleiben, wo sie sind, wurden „Schranken“ verwendet, die in teilweise erstaunlicher hoher Frequenz dafür sorgen, dass der entstehende Flow nicht besonders lange anhält. Laut Tourismus soll hier aber schnellstmöglich nachgebessert werden.
Passiert man die Waldgrenze, wird das Gelände zuweilen steiler, bleibt aber insgesamt eher schnell und verspielt. Wurzelfelder laden dazu ein, das Fahrwerk mal etwas zu fordern oder gar mit Speed einfach abzuziehen.
Wer im Bike Kingdom noch etwas höher hinaus möchte, kann dies dank mechanischer Aufstiegshilfen auf der Parpaner Rothorn-Seite tun. Per Gondel schwebt man entspannt über den Bikepark und steigt an der Mittelstation um. Mit 2899 Metern Meereshöhe befindet man sich innerhalb weniger Minuten mitten in einer hochalpinen Mondlandschaft, inklusive fantastischer Weitsicht über Tal und Berg. Auch hier gilt, dass die meisten Bikestrecken dank eher sanftem Gefälle trotz des alpinen Geländes technisch nicht allzu schwer sind – mit S2 – S3 nach der Singletrailskala sollten die meisten Wege recht gut beschrieben sein. Dennoch darf man die Höhe nicht unterschätzen: Es kann sehr kalt sein, die Luft ist merklich dünner und den ein oder anderen Abgrund gibt es auch. Man sollte also auf den ausgeschilderten Wegen bleiben.

