Fahrradfahren
News melden
Nachrichten

Wairoa Gorge in Neuseeland: Im Bikepark eines Milliardärs

0 17

Ohne zu verzögern schießt der Toyota Hilux über das Ende der asphaltierten Straße, ab jetzt geht es auf Schotter weiter. Die Straße ist schon längere Zeit einspurig, aber Sven macht keine Anstalten, langsamer zu fahren. Wer sollte schon entgegenkommen? Ich kann mich schon länger nicht mehr daran erinnern, wie oft wir in welche Richtung abgebogen sind, aber die Straße heißt wie unser Ziel: Wairoa Bikepark.

Eine Stunde von Nelson entfernt liegt hier, im Norden der Südinsel Neuseelands, einer der surrealsten Bikeparks des Planeten; aber noch sind wir nicht da. Zwanzig Kurven, zwei Brücken und drei Wasserdurchfahrten später halten wir hinter ein paar anderen Jeeps an. Auf den Radträgern die aktuelle Kollektion Enduro-Bikes: Santa Cruz, Zerode, Specialized. Zwei Minuten später macht James die Schranke auf, der Konvoi fährt weiter. Nochmal drei Kilometer Schotter, noch eine Wasserdurchfahrt, noch ein elektrisches Rolltor mit Überwachungskameras, dann ein riesiger Parkplatz. Wir laden die Bikes auf den Anhänger des wartenden LKW und finden uns zum Rider-Briefing ein.

# Wellblechpiste mit geringer Gefahr von Gegenverkehr - die „Straße“ in die Gorge ist eine Sackgasse.
Diashow: Wairoa Gorge in Neuseeland - Im Bikepark eines Milliardärs
Diashow starten »
# Fahrer-Besprechung und Sicherheitshinweise - die Lage des Parks ist so abseits, dass genaue Verhaltensregeln zu befolgen sind.
# Einfach, aber eine gute Versicherung - nur wenn abends alle Nummern wieder da sind, wird der Park wieder verlassen.

Die Regeln sind einfach: Keine Gruppe fährt ohne Walkie-Talkie mit enormer Reichweite, denn Handy-Empfang gibt es in Wairoa Gorge nicht. Auf den Forstwegen zu fahren ist verboten, denn hier sind die Shuttles unterwegs. Im Falle eines Unfalls wird gefunkt, die Bikepark-Crew übernimmt dann vom höchsten Punkt aus die Kommunikation mit der Außenwelt. Damit niemand im Park vergessen wird, kriegt jeder der 32 Anwesenden eine Nummernkarte, die er am Abend wieder zurück gibt. Sollte eine Nummer nicht wieder auftauchen, wird eine Suche eingeleitet. Bevor es losgeht, muss jeder noch einen Haftungausschluss unterschreiben, dann heißt es: Abfahrt.

# Ziemlich geländetauglich - aber beim Betrieb in solchem Gelände auch ziemlich wartungsintensiv: Mitsubishi 4X4 LkW.

Ab hier ist klar: Wairoa Gorge ist nicht der durchchnittliche Bikepark. Jamie Nicoll checkt nochmal die Sicherungen an den Rädern des Fahrradanhängers, dann quetscht er sich zu uns auf die Ladefläche des gigantischen 4X4-LKW. Der folgende Anstieg hat nur 5 km, doch dank der steilen Straße machen wir schnell 900 Höhenmeter. Oben angekommen finden wir uns erneut auf einem riesigen Parkplatz, der in Wirklichkeit ein Helikopter-Landeplatz ist. Daneben eine Hütte samt Doppelgarage, Wassertank und Generator. Wir befinden uns hier in einem seit etwas mehr als zwei Jahren öffentlichen Bikepark, der jahrelang privat, jahrelang geheim gewesen war. Einige der Fahrer, mit denen wir heute unterwegs sind, haben selbst an den Trails gebaut, teils jahrelang. Andere haben nicht an diesen Trails gebaut, aber an anderen Orten auf der Welt. Aber alle haben für die gleiche Firma für den gleichen Kunden gebaut. Jamie Nicoll war für ihn in Neuseeland, Mexico und Patagonien beschäftigt. Santa Cruz Marketing-Mann Seb Kemp baute an den Trails in Jamaica, Portugal und Mexiko. Zusätzlich gab es Bauprojekte an der Golden Coast, in British Columbia und auf den Cayman-Inseln.

# Wie der Gorge fester Bestandteil der neuseeländischen Szene - Juliana-Botschafterin Anka Martin und Ex-Trailbauer Jamie Nicoll
# Ehemals Trailbauer, heute Marketing-Mann bei Santa Cruz - Seb Kemp kann so einige Geschichten erzählen.
# Schon immer dabei und stolzer Besitzer eines der letzten Santa Cruz Nomad mit Rohloff des Auftraggebers - Trailbauer Dave sieht auch heute noch nach den Strecken.

Baut die besten Singletrails der Welt. Koste es, was es wolle.

Die einfache Mission: Baut die besten Singletrails der Welt. Koste es, was es wolle. Tatsächlich kosteten die Trails ein Vermögen: Allein in Neuseeland waren für 3 Jahre zeitweise 60 Männer beschäftigt, dazu Kosten für Land, Baumaschinerie, neu erstellte Infrastruktur. Den Bauherren dürfte das nicht weiter stören, sein Vermögen soll in den Dollar-Milliarden liegen. Die Trailbauer nennen ihren Auftraggeber einfach nur „The Billionaire“ – und während die Geschichte vom Trails beauftragenden Milliardär mächtig nach Märchen klingt, ist der Lastwagen, in dem ich gerade gefahren bin, so real wie die Typen, die von den Bauarbeiten erzählen.

# Lange, holprige, gefühlt fast senkrechte Forststraße - Bikes und Fahrer werden gut durchgeschüttelt.

Die Dimension des Fahrzeugverschleißes? Vollzeit-Automechaniker, eigene Hebebühne.

Die Eckdaten des Bikeparks in Neuseeland sind dann schier unglaublich: Es gibt Helikopter-Landeplätze an strategischen Plätzen, drei verschiedene Lodges mit bis zu 10 Zimmern zur Auswahl und nachdem der Bikepark fertig gestellt war, wurden weiterhin fünf Mitarbeiter in Vollzeit beschäftigt, um die Trails in perfektem Zustand zu halten. Weiterhin stand ein Razor Shuttle-Buggy bereit, falls es für Helikopter-Shuttles zu windig war, dazu diverse Land Cruiser und eine gigantische Werkstatt. Das Bauvorhaben war zeitweise so groß, dass ein Vollzeit-Automechaniker engagiert wurde, der auf der hauseigenen Hebebühne dafür sorgte, dass die Land Cruiser fahrbereit waren. Im Werkzeugraum hängen 20 Satz Schaufeln, Pickel und Rechen an der Wand. Zehn Stihl-Kettensägen und Heckenscheren stehen bereit, ein Raupenbagger, Presslufthämmer, ein paar ATVs.

# Bäume, Wurzeln, Felsen - alles wurde liebevoll integriert.

Das Beeindruckendste aber sind die Trails selbst: Es finden sich 85 km handgebaute Singletrails aller Schwierigkeiten, alle in perfektem Zustand, in einer einmaligen Landschaft aus steilen Felshängen und dem typischen neuseeländischen Regenwald. In diesem Bikepark gibt es keine Bremswellen. Es gibt stattdessen so viele Trails, die so wenig befahren sind, dass sich auf vielen davon die kleinen Blätter der Südbuche finden, die die Locals liebevoll „Cornflakes“ nennen, weil es sich so herrlich hindurchdriften lässt. Die Bedingungen sind fast unabhängig von der Jahreszeit hervorragend, auch heute noch, wo sich „nur“ noch zwei Mitarbeiter in Vollzeit um die Instandhaltung kümmern – auch wenn die Trails maximal drei Tage pro Woche befahren werden. Hier wurden alle Trails gebaut, die man sich ausdenken könnte; auch die, die eigentlich nicht baubar sind. Einer hat den Spitznamen „Concrete Waterfall“, weil das Gelände vor dem Trailbau so steil war, dass man nicht einmal zu Fuß hier hinauf kam. Monatelang wurde an dieser Passage gearbeitet, mit Pickeln und vielen Kilo TNT. Das Ergebnis: Ein Singletrail, der sich steinig, mit engen Kurven und dennoch flowig durch die Steilwand schlängelt. Weil die losen Steine nicht lang genug an Ort und Stelle liegen blieben, wurde die Unterlage mit Zement fixiert. Der Deal für die Trailbauer war einfach: Man konnte entweder nur einmal die 400 Höhenmeter hochgehen, aber nur, wenn man zwei Säcke Zement à 25 kg trug. Die Alternative waren zwei Gänge mit jeweils einem Zementsack …

# Wenig befahrene Strecken bedeuten - genialer Zustand und nicht selten eine schöne Nadel- oder Blätterschicht.

Über 30° steil und bestehend aus Felsblöcken groß wie Kinosessel.

Andere Trails traversieren elegant und gediegen-anspruchsvoll eine Steinwand, um die jeder vernünftige Trailbauer einen großen Bogen machen würde: Über 30° steil und bestehend aus Felsblöcken groß wie Kinosessel. Die Lösung: wieder monatelange Arbeit und weite, gleichmäßig geneigte Traversen, ein Meisterwerk unter der Leitung von Trailbauer „Priest“, der seine Hand hier einmal unter einem der großen Felsblöcke begrub – in Konsequenz heißt der Trail einfach „Bloody Priest“. Eine Traverse hat jeweils 800 m Länge, wofür Steine zerschmettert und arrangiert wurden, um ein 70 cm breites, gut fahrbares Band zu formen. Warum? Weil es möglich ist, und weil es der Vorliebe des Bauherren für technische Trails entspricht. Als die Bauarbeiten abgeschlossen sind, schweißten die Trailbauer eine Skulptur als Erinnerung: Zwei jeweils über 1 m lange Aale. Die Körper der Aale sind aus den Köpfen von Spitzhacken gemacht, die an beiden Seiten unter der Wucht der Hiebe in den Fels abgebrochen sind. 34 jeweils zweifach abgebrochene Spitzhacken allein für einen Singletrail.

# Auch einen Jumptrail gibt's in der Gorge - die Trailbauer haben ihn aber mehr für sich als für ihren Auftraggeber angelegt.
# Eine Aalskulptur zeugt vom enormen manuellen Einsatz - jedes Segment ist eine beidseitig abgebrochene Spitzhacke.
# Klotzen, nicht kleckern - für das Shuttle-ATV wurde mal eben diese Brücke gebaut.

Andere Trails brauchten deutlich weniger Muskelkraft, Maschinen und Sprengstoff, aber mehr Planungsvermögen und ein gutes Auge für das Gelände. Weil das Gelände häufig so steil ist, aber auch einfache Trails gewünscht waren, wurden auch einfache Strecken gebaut. Einfach durch ebenen Untergrund, oder einfach durch ein geringes Gefälle. Und während fast jeder Bikepark der Welt eine Strecke namens „Rollercoaster“ oder ähnlich zu haben scheint, gibt es hier keinen einzigen mit dem Namen. Dafür sorgen diverse Trails für echtes Achterbahn-Erlebnis, weil sich die Kurven und Wellen so elegant aneinanderreihen, dass man sehr natürlich hindurchfliegt. Auf „Bermed As“ sind Steilkurven nicht stumpf links-rechts-links aneinander gereiht, wie in den Alpen und Mittelgebirgen Europas üblich. Stattdessen traversiert man den Hang mit einer Aneinanderreihung von Linkskurven, die durch so hohe Wellen unterbrochen werden, dass man einfach nicht bremsen muss; perfekt, um wirklich in den Kurvenfluss zu kommen und die Arme auf den langen Abfahrten zu schonen. Wieder in einer anderen Ecke gibt es Trails wie “Nigh Nigh’s” (hier hatte sich einer der Trailbauer bei den Bauarbeiten bewusstlos gefahren, daher der Name „Schlaf gut“), die anspruchsvoll sind, ohne gefährlich zu werden. Im Unterschied zu umfunktionierten Wanderwegen ist hier alles zum Fahrradfahren gedacht; plötzliche Löcher oder Abbrüche sucht man also vergebens. Auch diese steilen Trails profitieren davon, wenig gefahren zu werden: Die Wurzeln sind griffig, die Steine fest.

# Steine, Wurzeln, Erde - die Strecken haben sehr unterschiedliche, aber in sich einheitliche Charakter.
# Auch in dieses Gelände wurde ein Trail gesprengt - er ist heute aber nicht mehr zugänglich.
# Eine der drei Lodges im Park.

Comments

Комментарии для сайта Cackle
Загрузка...

More news:

Read on Sportsweek.org:

RV Radfahrverein Tempo 1921 Hirzweiler e.V.

Andere Sportarten

Sponsored